<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Geliebte Fußball-Unmoral

Fußball ist so faszinierend, weil auch der Schlechtere gewinnen kann – am besten durch eine Fehlentscheidung.

Dass meine Frau neunzig Minuten neben mir vor dem Fernseher verharrt, ohne zu fordern, dass ich wenigstens gelegentlich auf ARTE umschalte, belegt, dass Fußball das wichtigste kulturelle Ereignis der Gegenwart ist. Denn sie versteht davon so viel wie der Tintenfisch, den die Deutschen vor jedem Match nach dem Sieger fragen – und schaut trotzdem zu. Freilich sehr selektiv. „Dass die Spanier am schönsten spielen, sieht man doch sofort“, begründet sie ihre Vorliebe.

Ansonsten drückte sie die Daumen einfach für die j­eweils bessere Mannschaft. Nur daran konnte man er­kennen, wie weit sie noch von einem wahren Fußballfan entfernt ist.

Der „Standard“ vermutet, dass Fußball so faszinierend ist, weil er den Gesetzen des Theaters folgt: Es gibt die strahlenden Helden, die, wie Deutschlands Thomas Müller oder Spaniens David Villa, verdientermaßen Tor um Tor schießen; es gibt die zwielichtigen Helden, die wie Uruguays Luis Suárez ein sicheres Tor mit der Hand a­bwehren und ihrem Team damit den Aufstieg ins Semifinale ermöglichen; und es gibt die tragischen Helden, die, wie Argentiniens Lionel Messi oder Englands Wayne Rooney, im Strafraum scheitern.

Zweifellos ist auch eine Dramaturgie schwer zu übertreffen, die Paraguay zuerst einen Elfer verschießen lässt, dem aber schon im Gegenzug ein Elfmeter für das klar überlegene Spanien folgt, den Xabi Alonso auch sicher einschießt. Nur dass sich ein Spieler zu früh in den Strafraum bewegt hat, sodass der Penalty wiederholt werden muss und dass Paraguays Torwart den hält. Die Ungerechtigkeit scheint schon gesiegt zu haben – da sorgt Spaniens strahlender David Villa im letzten Moment für Gerechtigkeit: das Fußballtheater als moralische Anstalt. Die „Standard“-These hat viel für sich.

Allerdings behaupte ich: Es ist vor allem die Ungerechtigkeit, die Fußball so faszinierend macht. So spielte Ghana besser als Uruguay, und doch ist ihm durch die ­unfaire Handabwehr von Suárez der sichere Sieg gestohlen worden. Die letzte afrikanische Mannschaft ist höchst „ungerecht“ ausgeschieden. Aber im Fußball müssen eben nicht immer die Besseren und „Guten“ siegen – es können durchaus auch die Schlechteren und „Bösen“ gewinnen.

So wie im Leben bekanntlich auch und im Theater seltsamerweise fast nie.
Als Deutschland England 4:1 besiegte, nachdem England ein reguläres Tor zum 2:2 vom Schiedsrichter vorenthalten worden war, entspann sich zwischen dem ARD-Kommentator und seinem Co-Kommentator Günter Netzer – einem der seinerzeit weltbesten Spieler – folgende Debatte: Der Journalist meinte, es müssten Wege gefunden werden, derart offenkundige Schiedsrichterfehler zu vermeiden, indem zum Beispiel eine begrenzte Zahl von Videobeweisen zugelassen werde. Damit, so meinte er, wäre jene Fairness gesichert, die zum Wesen des sportlichen Wettkampfs gehöre. Doch Supersportler Netzer war dagegen: Der Fußball lebe von solchen Ungerechtigkeiten, denn sie schürten die unverzichtbaren Emotionen. Man müsse sich über Fehlentscheidungen des Schiedsrichters empören, tagelang über vorenthaltene Elfmeter oder nicht gesehene Offsides diskutieren können.

Ich glaube, dass er Recht hat: Leichtathletik-Wettkämpfe werden nie an Fußballmatches heranreichen, weil dort eisern der Bessere gewinnt – der, der schneller läuft, höher springt oder irgendein Gerät weiter schleudert. Tennis ist so viel attraktiver als Tischtennis, weil es dank seiner speziellen Zählweise möglich ist, einen Satz auch mit weniger Punkten als der Gegner zu gewinnen. Dass man neuerdings dank des Hawk-Eye nicht mehr diskutieren kann, ob ein Ball in oder out war, macht Tennis gerechter, aber fader: Nicht einmal John McEnroe könnte sich noch überzeugend über den Schiedsrichter entrüsten.

Trotzdem hat auch im Tennis der klar Bessere zu allen Zeiten die weit höheren Siegeschancen gehabt. Nur im Fußball nicht: Ungarn war bei der WM des Jahres 1954 (der, bei der wir Dritte wurden) um Häuser besser als Deutschland und besiegte es in der Vorrunde auch prompt mit 8:3. Aber dabei setzte die deutsche Abwehr den damals besten Stürmer der Welt, Ferenc Puskas, durch ein Foul außer Gefecht, sodass er am Endspiel nicht teilnehmen konnte. Trotzdem war selbst das ungarische Rumpfteam im Endspiel die bessere Mannschaft – aber Deutschland gewann mit 3:2.

Wenn mich als Zuschauer am Fußball fasziniert, dass auch der Schlechtere auf denkbar ungerechte Weise gewinnen kann, so fasziniert mich als politischer Beobachter, wie sehr sich Deutschland gewandelt hat: Schon als es bei der Heim-WM 2006 gegen Italien verlor, war eindrucksvoll, wie locker die Deutschen mit dieser Niederlage umgingen. Aber fast noch mehr hat mich beeindruckt, wie fair sie diesmal den eigenen Sieg gegen England zu diskutieren vermochten: Selbst höchste Fußballfunktionäre hielten vor laufender Kamera für möglich, dass dieses Match anders ausgegangen wäre, wenn der Schiedsrichter England sein Ausgleichstor nicht vorenthalten hätte. Und nicht einer bestritt, dass Spanien die eindeutig beste Mannschaft hatte.

peter.lingens@profil.at