<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Gewerk­schaft­licher Poker

Wenn der ÖGB ausnahmsweise ­kämpferisch agiert, sind die Mitglieder schockiert. Der neue AUA-Kollektivvertrag wird weisen, ob der Kampf gelohnt hat.

Die Bilder waren ziemlich einmalig und die Kommentare entsprechend ätzend: 120 Arbeitnehmer der AUA-Tochter Tyrolean und ihr Betriebsrat Thomas Blaska demonstrierten vor der Zentrale des ÖGB gegen das Vorgehen der Transport-Gewerkschaft vida, die ihren Kollektivvertrag gekündigt hatte. Denn nach Meinung der Tyrolean-Mitarbeiter war es ein fairer Kollektivvertrag, der ihnen ordentliche Gehälter zu konkurrenzfähigen Bedingungen bescherte. Sie sahen nicht ein, warum sie ihn neu verhandeln sollten, weil die Piloten der AUA die Beibehaltung ihres einzigartigen Kollektivvertrags mit seinen außerordentlichen Gehältern erzwingen wollen. Die meisten Kommentatoren und Leser sahen es auch nicht ein: Die 7000-Euro-Gehälter der Tyrolean-Piloten schienen ihnen im internationalen Vergleich adäquat.

Ich als altmodischer Gewerkschafter stehe dennoch stur aufseiten des AUA-Personals und seiner hoch bezahlten Piloten: Selbstverständlich versucht jeder, seine vorteilhaften Arbeitsverträge mit allen Mitteln zu verteidigen.

Welcher Journalist hat sein Gehalt schon gerne kürzen lassen, freiwillig auf Quinquennien (automatische Gehaltssprünge im Fünfjahresabstand) oder spezielle Sozialleistungen verzichtet?

Genau das aber fordert die Lufthansa als Eigentümerin von der AUA-Bordcrew und hat bekanntlich gedroht, sie in die Tyrolean zu übernehmen, um deren preiswerteren Kollektivvertrag anwenden zu können. Das könnte man auch als unfaires (wenn auch legales) Ausnutzen eines Eigentümerrechts ansehen.

So argumentiert denn auch die vida und hat gekontert, indem sie – ihrerseits ohne sachlichen Anlass, aber ebenso legal – den Tyrolean-Kollektivvertrag aufgekündigt und damit eine komplette Neuverhandlung erzwungen hat.

Ich halte das, im Gegensatz zum Tyrolean-Betriebsrat, für taktisch richtig, weil die Arbeitnehmer auf diese Weise eine gemeinsame Front bilden. Zudem es sachlich richtig ist, wenn alle Mitarbeiter des AUA-Konzerns, egal, ob sie nun aus der AUA oder der Tyrolean kommen, einem gemeinsamen Kollektivvertrag unterliegen.

Ich glaube nicht, dass man dem ÖGB eine „Politik der verbrannten Erde“ (Thomas Blaska) vorwerfen kann, ehe heraußen ist, wie dieser Kollektivvertrag aussieht. Sofern allen Beteiligten eines klar ist: dass er dem der Tyrolean sehr viel näher als dem der AUA sein muss – weil die AUA sonst nicht konkurrenzfähig ist. Ihr bisheriges Gehaltsschema hatte wesentlichen Anteil an ihrem Niedergang.

Im Grund ist der aktuelle Konflikt eine Nachwirkung des Staatseigentums: In einer Zeit, in der lauter staatliche Fluglinien ihren Passagieren auf einem entsprechend geschützten Markt das Doppelte des etwa in den USA Üblichen verrechnen konnten, setzte das AUA-Personal – voran die Piloten – ebenso marktferne Gehälter durch. Vor allem die Biennal-Sprünge ohne jede Rücksicht auf die wirtschaftliche Entwicklung trieben die AUA-Personalkosten in untragbare Höhen (ähnlich die Journalistengewerk­schaft, die Quinquennien durchsetzte und damit wesentlich zum Untergang schwächerer Zeitungen beigetragen hat). Schon Niki Lauda konnte als Zwerg neben der AUA bestehen, weil er wesentlich weniger zahlte und dennoch einen mindestens gleichwertigen Service bot. Und als der Flugverkehr liberalisiert wurde, war klar, dass die dadurch entfachte Konkurrenz die staatlich-stattlichen AUA-Gehälter nicht mehr zulassen würde.

Seit gut 20 Jahren zählt die Verringerung der Personalkosten zu den wichtigsten Aufgaben der AUA-Vorstände. Vor allem an ihr sind sie – und ist zuletzt Alfred Ötsch – gescheitert. Die Dienstverträge sind so beschaffen, dass sie ältere Piloten in die Lage versetzen, jedes Verhandlungsrisiko einzugehen: Ihre Abfertigungen sind so hoch, dass das Ausscheiden aus dem Unternehmen für sie eine lohnende Angelegenheit ist. Selbst wenn die AUA daran zugrunde ginge, täten sie für sich persönlich das ökonomisch Richtige, wenn sie keinen Zentimeter zurückwichen.

Wer das Profitstreben jedes einzelnen Marktteilnehmers als Basis des Kapitalismus bejaht – und das tut das Lufthansa-Management –, kann sich nicht wundern, dass sie jetzt auch sofort mit ihrem Exodus begonnen haben.

Die anderen Mitarbeiter könnten ihr Verhalten freilich „unsolidarisch“ nennen, wenn die AUA wirklich daran zugrunde ginge. Nur dass ich nicht glaube, dass das geschieht: Die Verhandlungen zwischen allen Beteiligten werden zwar hart und mühsam sein, aber am Ende werden sie zu einem Kompromiss – zu marktkonformen Gehältern – führen. Jede Art von Arbeitskampf von vornherein zu scheuen – wie man das in Österreich für eine Tugend hält –, halte ich für verfehlt.

Zu einer funktionierenden Marktwirtschaft gehört, dass auch die Arbeitnehmerseite versucht, ein Maximum für sich herauszuholen.

Ihr Risiko – davon gehe ich aus – ist der Gewerkschaft klar: Sie pokert hoch. Alle Beteiligten, auch die Demonstranten, werden ihr letztlich applaudieren, wenn sie einen guten neuen Kollektivvertrag auszuhandeln vermag – und werden die Gewerkschaft verlassen, wenn das misslingt.

peter.lingens@profil.at