<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Grass-Wurzeln

Ein Versuch, Günter Grass gegen Rolf Hochhuth in Schutz zu nehmen.

Wenn dieser Kommentar erscheint, haben Meinungsforscher den Deutschen die folgenden Fragen ziemlich sicher bereits gestellt: „Stimmen Sie Günter Grass zu, dass Israel die derzeit größte Gefahr für den Weltfrieden darstellt? Meinen Sie mit ihm, dass das verschwiegen wird, weil der, der es sagt, sofort die Antisemitismus-Keule zu spüren bekommt?“

In Deutschland schätze ich die Übereinstimmung mit Grass auf etwa 60 Prozent – in Österreich deutlich darüber. Bei jenen, die Grass’ Gedicht gar nicht gelesen haben, ist sie zweifellos total: „Endlich traut sich einer, die Wahrheit zu sagen!“ Bei denen, die es gelesen haben, könnte es Abstriche geben: Der eine oder andere könnte zweifeln, dass ­Israel wirklich, wie Grass erdichtet, das „iranische Volk“ durch einen atomaren Erstschlag auslöschen will – er könnte mitbekommen haben, dass Benjamin Netanjahu sich immer nur die Möglichkeit ­eines gezielten Schlags gegen iranische Nuklearanlagen vorbehalten hat. Auch Grass’ Überzeugung von der Harmlosigkeit des Iran wird vielleicht nicht von ganz so vielen Deutschen geteilt: Sie könnten den Zeitungen doch entnommen haben, dass Teheran an Atomwaffen bastelt und dass Mahmoud Ahmadinejad erst kürzlich gefordert hat, Israel „aus den Annalen der Geschichte zu streichen“.

Doch das sind unerhebliche Details, die nichts an der Erkenntnis ändern: Israels Existenz ist eine Gefahr für die Welt; wer Israel kritisiert, wird mundtot gemacht.

Dass fast alle Medien Israels Siedlungspolitik heftig kritisieren, ist für dieses Vorurteil unerheblich. Die schweigende Mehrheit ist überzeugt, dass ihr der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern genug Anschauungs­unterricht für ein unparteiisches Urteil über die Juden vermittelt hat: „Sie verhalten sich gegenüber den Palästinensern genau wie die Nazis ihnen gegenüber!“

Dass die Nazis die Juden Zentraleuropas fast ausgerottet haben, während sich die Zahl der Palästinenser seit 1948 verfünffacht hat, ist einer der kleinen Widersprüche, die solchen Vergleichen nicht im Weg stehen.

Nicht erst jetzt, und durch Grass nobilitiert, sondern seit Jahrzehnten haben Antizionismus und undifferenzierte ­Israel-Kritik – zur Linken noch mehr als zur Rechten – den Antisemitismus ersetzt: Man ist empört über das Verhalten des Judenstaats statt über das Verhalten der Juden. Und meint sich gegen jeglichen Antisemitismus immun, wenn man „links“ und „Antifaschist“ ist.

Grass ist beides – mit der Eitelkeit des Dichters. Rolf Hochhuth macht es sich in meinen Augen zu einfach, wenn er über ihn schreibt: „Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat.“

Grass hat sich zwar mit 15 freiwillig zum Wehrdienst gemeldet und ist mit 17 bei der Waffen-SS gelandet, aber ich zweifle nicht an seiner Kehrtwendung: Ich glaube ihm, dass ihn alles, was er nach dem Krieg über das Dritte Reich und den Holocaust erfahren musste, zutiefst erschüttert und mit Scham erfüllt hat.

Ich halte das vielmehr für einen Teil seines aktuellen Problems – und glaube, dass viele Österreicher und Deutsche es mit ihm teilen: Gerade weil sie erkannt haben, welch unfassbares Verbrechen der Mord an Millionen Juden gewesen ist, lässt sie ihr Unterbewusstsein verzweifelt nach Milderungsgründen suchen, die etwas verständlicher machen, dass ihre Eltern oder Großeltern (Grass sogar noch selbst) direkt oder indirekt zu diesem Verbrechen beigetragen haben.

Als stärkster Milderungsgrund bietet sich ihnen an, wovon das Volk schon immer überzeugt war: dass etwas mit den Juden nicht stimmt! Dass am jahrhundertealten Vorurteil doch etwas dran ist! Weil die Juden sonst nicht immer und überall Hass erregten – bis heute in Palästina.

Daher das überragende Interesse, das Österreicher wie Deutsche dem israelisch-palästinensischen Konflikt entgegenbringen. Daher das enorme Verständnis für das Leid der Palästinenser. (Das diese in der Sekunde lindern könnten, in der sie aufhörten, Raketen auf Israel abzufeuern.) Daher die besondere Empörung über das Unrecht, das ihnen – unbestreitbar, aber längst nicht nur vonseiten der Israelis – widerfahren ist. (Und das sie einmal mehr in das unantastbare Recht auf einen eigenen Staat verwandeln könnten, wenn die Hamas bereit wäre, es auch den Israelis zuzugestehen.)

Wenn sich die Israelis gegenüber den Palästinensern ­tatsächlich wie die Nazis gegenüber den Juden benähmen, dann exkulpierte das unsere Väter und Großväter gleich doppelt: zum einen, weil ihr Fehlverhalten dann keineswegs einmalig wäre – zum anderen, weil die Juden dann eben doch, wie Bruno Kreisky schon sagte, ein „mieses Volk“ sind.

Günter Grass führt diesen psychischen Mechanismus nur in seiner extremsten Form vor: Wenn Israel bereit ist, das iranische Volk atomar auszulöschen, dann kann es nicht ganz so schlimm sein, dass Deutschland bereit war, das ­jüdische Volk zu vergasen.

Auschwitz hat antisemitische Vorurteile nicht unmöglich gemacht – es hat sie im Gegenteil als „Milderungsgrund“ gezeugt.

peter.lingens@profil.at