<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Ich riskiere die Schweinegrippe

Unseriöse Überlegungen eines Fatalisten zur Gefahr einer Pandemie.

Seit Wochen löchern mich E-Mails mit Hinweisen auf die düsteren Machenschaften eines „Gangstersyndikats“, das mithilfe der Schweinegrippe-Impfung zuerst einen Massenmord begehen und dann die „Weltherrschaft“ an sich reißen will. Man legt dergleichen nach 50 Jahren Berufserfahrung zur raschen Entsorgung ab und fühlt sich darin nach kurzem Googeln bestätigt: Letztlich gehen die Warnungen auf eine in Österreich ansässige Journalistin namens Jane Bürgermeister zurück, die einen Zwischenfall in einem Labor des Pharmakonzerns Baxter in Orth an der Donau zum Anlass genommen hat, bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen eine „kriminelle Organisation“ zu erstatten, die die obigen Verbrechen im Zusammenwirken begehen wolle.

Unter den von ihr Verdächtigten auch profil-Herausgeber Christian Rainer, weil profil den Vorfall in Orth als bloße Panne dargestellt habe, und profil-Gründer Oscar Bronner, weil er als Teilnehmer von Bilderberg-Treffen offenbar zu den Drahtziehern zählt. So weit ein durchaus vertrautes Muster. Ich hätte das Material zur Gänze in den Papierkorb geworfen, wäre ich mittendrin nicht auf die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch Gesundheitsminister Alois Stöger gestoßen, die den Vorfall in Orth zum Gegenstand hatte: Es wurden dort, so räumt er ein, tatsächlich 72 Kilo einer Substanz hergestellt, die mit Vogel- und Schweinegrippe-Viren angereichert war und versehentlich an 16 europäische Labors versendet wurde, ehe in Tschechien auffiel, dass damit ­gefütterte Frettchen starben.

Frau Bürgermeister schloss daraus, die 72 Kilo sollten dazu dienen, einen Haufen Grippetote zu produzieren, die die WHO dann zum Anlass nehmen würde, aufgrund der Ausnahmebestimmungen zur Bekämpfung einer Pandemie die Weltherrschaft zu erringen.

Ich schließe daraus, dass bei der Forschung nach Impfstoffen offenbar Fehler vorkommen, die eigentlich ausgeschlossen sein sollten, und die Anfragebeantwortung Dr. Stögers, dass das Labor in der Folge behördlich überprüft worden sei, hat mein Vertrauen in Impfstoffe nicht unbedingt gestärkt. Wenn Vogelgrippe- und Schweinegrippe-Viren so unglaublich gefährlich sind, dass man die ganze Welt dagegen impfen muss, dann scheint mir der offenbar nicht ausreichend sorgfältige Umgang damit doch ein Problem zu sein, das mit einer parlamentarischen Anfragebeantwortung unter Ausklammerung aller Details nicht aus der Welt geschafft ist.

Mein eigentliches Interesse gilt freilich der Frage, ob diese Massenimpfungen wirklich gerechtfertigt sind, und es hat mittlerweile doch auf relativ gewichtige Medien übergegriffen: Arte hat dazu eine TV-Diskussion abgehalten, im ZDF hat ein Impfsachverständiger gemeint, er sehe keinen Grund, sich zur Impfung zu drängen; man könne durchaus auch in Ruhe zuwarten, wie sich die Dinge entwickeln und wie sich die Impfstoffe bewähren.

Dem von Österreich bestellten Baxter-Fabrikat bescheinigt er dabei die relativ größte Sicherheit: Dieser Impfstoff basiere ausschließlich auf der Wirkung von Antigenen und sei nicht, wie die anderen, mit „Verstärkern“ versehen, deren Nebenwirkungen man noch ungenügend kenne. Ein paar Tage später erklärte ein anderer Sachverständiger am selben Sender das Gegenteil: Der Baxter-Impfstoff sei der altmodischere, weniger gut dokumentierte. Mir war das insofern egal, als mich etwas anderes sehr viel mehr interessiert: Ich möchte doch zuerst etwas mehr Datenmaterial dar­über, dass die Schweinegrippe derart gefährlich ist. Denn vorerst gab es nur eine eindrucksvolle Meldung aus Mexiko, wonach sie 350 Tote gefordert habe, die freilich ­wenig später auf sieben Tote (ARD) reduziert werden mussten.

An sonstigen Grippen sterben in Deutschland 15.000 Menschen im Jahr. Soweit die Schweinegrippe in Europa beobachtet wurde, ist sie keineswegs besonders kritisch verlaufen. Der Hinweis, dass sich der Virus verändern und sehr viel gefährlicher werden könnte, beeindruckt mich auch nicht ausreichend: Erstens gilt das für jeden Virus, und zweitens ist fraglich, ob der Impfstoff auch gegen den veränderten Virus nützt.

Normalerweise richtet man sich in Fragen wie diesen freilich nach der WHO, und die empfiehlt die Impfung dringend. Allerdings hat sie die Kriterien für die Gefahr ­einer Pandemie verändert: Ursprünglich war eine dramatische Sterblichkeitsrate erforderlich – jetzt genügt es, dass die Schweinegrippe in zwei Ländern gleichzeitig auftritt, sich also offenbar verbreitet. Das genügt mir, wenn sie nicht wirklich so gefährlich sein sollte, nicht ganz. In den Gremien der WHO, die über das Ausmaß der Gefahr urteilen, sitzen zwangsläufig Experten, die engen Kontakt mit der Pharmaindustrie pflegen müssen.

Erhard Busek hat mir anlässlich des AKH-Skandals mit auf den Weg gegeben, dass man bei öffentlichen Aufträgen im Allgemeinen mit einer Korruptionsrate von fünf Prozent rechnen sollte, die sich bei Rüstungsaufträgen verdreifacht. Nun versuche ich mir auszurechnen, welche Summen der Pharmaindustrie zur Verfügung stehen, wenn sie sicher sein kann, Milliarden Menschen gegen Schweinegrippe zu impfen. Selbst wenn sie jedem WHO-Beauftragten, der zur Gefahr der Schweinegrippe Stellung nimmt, zehn Millionen Euro in die Hand drückte, hätte sie noch längst nicht die 5-Prozent-Marke erreicht. Natürlich liegt es mir fern, für wahrscheinlich zu halten, dass dergleichen wirklich passiert. Aber schon die bloß theo­retische Möglichkeit lässt mich die Haltung der Hälfte aller britischen Ärzte einnehmen: Sie lassen sich selbst nicht impfen und warten ab.

peter.lingens@profil.at