<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Im Schatten des Gorillas

Gespräche mit slowakischen Freunden, zwischen Wut und Resignation.

Ich bin ein Fan unseres Nachbarlands Slowakei – Bratislava ist schön, Banska Stiavnica ist noch schöner, und Slowakinnen sind die schönsten Frauen überhaupt. Das ­alles lässt mich relativ häufig donauabwärts reisen, und natürlich war die aktuelle Wahl im Schatten des Korruptionsskandals „Gorilla“ Gegenstand all meiner Gespräche.

Meine Gesprächspartner kannten diesbezüglich nur zwei Gemütslagen: Wut oder Resignation. Die Wütenden bedingten die hohe Wahlbeteiligung und den hohen Sieg der oppositionellen Sozialisten: Vor allem die junge Generation erhofft sich vom Wahlsieger das ­Ausrotten, nicht bloß ­Reformieren jenes durch und durch korrupten Systems, das die „Gorilla“-Abhörprotokolle aufzeigen.

Bereits 2006 von einem Mitarbeiter des Geheimdiensts privat aufgenommen, geben sie die Gespräche des Vorsitzenden der Investitionsgruppe Penta mit der Direktorin des „Nationalfonds-Vermögens“ und dem Wirtschaftsminister der damaligen konservativen Regierung wieder und erhärten dramatisch den im Volk schon immer schwelenden Verdacht, dass die vom Kommunismus als „Staatseigentum“ zurückgelassenen Unternehmen durchwegs zu „Sonderpreisen“ an eine Mafia aus dubiosen Geschäftsleuten und korrupten Politikern verkauft wurden.

Das Grundmuster dürfte Österreichern nicht so fremd sein: Nach dem Krieg verkaufte der ÖVP-Minister für „Vermögenssicherung“, Peter Krauland, das aus der NS-Zeit zurückgebliebene „deutsche ­Eigentum“ zu Sonderpreisen an regierungsnahe Bietergruppen und natürlich auch an sich selbst. Und Buwog oder ­Telekom belegen, dass mit „Privatisierung“ auch heute viel Geld zu machen ist.

In der Slowakei wurde dieses Muster freilich mit der ­Brutalität King Kongs exekutiert und von den Bürgern als „herrschendes System“ empfunden. Wenn es von der kommenden Smerd-Regierung nicht überwunden wird, werden sie sich entweder, wie in Ungarn, faschistoiden, nationalistischen Parteien zuwenden – oder, wie die Nichtwähler des jüngsten Urnengangs, resignieren.

Eine meiner intelligentesten Gesprächspartnerinnen gehört zu den Resignierenden: Sie ist überzeugt, dass die Sozialisten nur deshalb weniger an den „Gorilla“ gestreift sind, weil sie damals in Opposition waren. Ihr Entschluss zum Nichtwählen reifte, als sie erfuhr, dass einflussreiche Kreise die „Gorilla“-Protokolle seit Jahren kennen, die Opposition ihre Veröffentlichung aber dennoch nicht durchgesetzt hat.

Auch Zeitungen, die „Gorilla“-Unterlagen zur Verfügung hatten, haben sie lange nicht veröffentlicht. Freilich nicht zuletzt, weil Richter sie auch wegen kleiner Ungenauigkeiten zu hohen Straf- und Schadenersatzzahlungen verurteilen.

Dass die Rechtsanwälte der Penta das Erscheinen eines fertigen „Gorilla“-Buchs verhindern konnten, sieht sie als symptomatisch an: „Bei uns kann man alles kaufen. Ich meine die ,Gorillas‘ – wir nicht einmal das Nötigste.“

Die Akademikerin und Mutter eines Studenten kommt aus einer Familie, die im Kommunismus zum Mittelstand gehörte: Ohne Parteizugehörigkeit konnte sie zuletzt zum Preis eines Mopeds eine 70-Quadratmeter-Wohnung kaufen, die der Staat baulich nicht mehr zu erhalten vermochte; wie bei ihren Eltern reichte ihr Einkommen zum Leben; ohne Auto, ohne Reisen – aber immerhin mit gelegent­lichen Theaterbesuchen.

Die kann sie sich jetzt nicht mehr leisten. Und eigentlich auch nicht die 240 Euro Betriebskosten für ihre Eigentumswohnung. Denn als Akademikerin im Staatsdienst verdient sie 500 Euro netto. Bleiben bei etwa österreichischen Lebens­mittelpreisen 260 Euro für das Leben von zwei Personen.

Demnächst wird endlich auch ihr Sohn verdienen: 400 Euro. So viel kosten Miete und Betrieb einer 24-Quadratmeter-Wohnung in einer schlechteren Gegend von Bratislava, denn das ist mittlerweile teurer als Wien. Selbst wenn ­seine Frau einmal das Gleiche verdienen sollte, wird er sich dort nie eine ordentliche Wohnung leisten können.
Er war ein „Wutwähler“.

Zehn Prozent der Slowaken leben an der Armutsgrenze. Voran die älteren: Die durchschnittliche Pension beträgt 350 Euro monatlich. Der Platz in einem staatlichen Pensionistenheim kostet 500 Euro. Die Differenz sollen die Kinder aufbringen. Wovon?

„Der gesamte Mittelstand“, sagt meine Gesprächspartnerin und spricht für viele, „lebt heute schlechter als im Kommunismus. Ich trauere ihm zwar nicht nach, weil es furchtbar war, dass von fünf Leuten, mit denen man am Tisch gesessen ist, zwei Spitzel waren. Aber die Zukunft habe ich mir anders vorgestellt.“

„Die kommunistischen Staaten konnten ihre Leistungen zum Schluss nur mehr erbringen, indem sie im Westen immer höhere Schulden machten“, wende ich ein, „das wäre zusammengebrochen.“ Und versuche ihr Mut zu machen: „Die heutige Slowakei hat ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent. Sie ist um vieles reicher.“

„Ja, die Freunde des ‚Gorillas‘, die die dicken BMWs und Mercedes fahren – aber nicht wir!“, sagt sie trocken.

Ich sage ihr, dass auch neunzig Prozent der Österreicher in den letzten zehn Jahren bei florierender Wirtschaft ­Reallohnverluste erlitten haben.
„Dann stimmt noch mehr nicht“, sagt sie.
Darin sind wir einig.

peter.lingens@profil.at