<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Inflation statt Vermögensteuer

In zehn Jahren wird unser Geld nur mehr die Hälfte wert sein. Das wird nicht nur die Vermögenden, sondern insbesondere die Armen treffen. Offenbar hält man das für besser.

Zu meiner täglichen Pflichtlektüre zählen die Beiträge von Josef Urschitz in der „Presse“: Wenige Kollegen kommentieren ökonomische Zustände so punktgenau.

Als führende Vertreter der Deutschen Bundesbank (und damit der entscheidenden Bastion der Geldwertstabilität in der EZB) Ende der Vorwoche hören ließen, dass sie sich eine höhere Inflationsrate vorstellen könnten, und Ökonomen des IWF meinten, dass manche Staaten bis zu sechs Prozent vertrügen, rechnete er vor, dass 1000 Euro dann in zehn Jahren nur gerade 558 Euro wert sein werden – und dass wir den Weg dorthin längst eingeschlagen haben: „Die echte Teuerung dürfte in Deutschland und Österreich derzeit zwischen vier und fünf Prozent liegen.“

Dass die EZB nach wie vor von zwei Prozent spricht, danke sie „kreativer Optimierung“. Sich stark verteuernde Waren werden im Warenkorb ausgetauscht, Preise technischer Artikel werden „hedonistisch“ berechnet: Wenn ihre Qualität sich verbessert, werden sie als verbilligt angesehen.
Unvermeidliche Ausgaben für Nahrung, Kraftstoff und Wohnen strafen die zwei Prozent täglich Lügen.

Ich habe diese Form der Berechnung schon 2002 für das angebliche „Wirtschaftswunder“ der USA verantwortlich gemacht: Wenn Computer ihre Speicherleistung verzehnfachten, wurden sie bezüglich der Inflation als zehnmal billiger und bezüglich des Wirtschaftswachstums als zehnmal wertvoller berechnet. Da Computertechnologie im BIP der USA eine herausragende Rolle spielt, war dessen Wachstum zwingend ein grandioses.

Inzwischen hat die EU nicht nur beim Rechnen nachgezogen, sondern schwenkt auch auf die Finanzstrategie der USA ein: Inflation als einfachster Weg, Staatsschulden lautlos abzubauen. Die USA beschreiten ihn seit 2008, indem sie Geld drucken und die Inflationsberechnung noch kreativer gestaltet haben: Sie haben Öl und Nahrung aus dem Warenkorb eliminiert und nennen diese minimierte Teuerung „Kerninflation“.

„Wenn die Euro-Notenbanken die Inflationsleine nun ­locker lassen, ist klar, wer die Krise bezahlen wird: Sparer und Anleihezeichner. Und wer davon profitieren wird: Schuldner aller Art, am meisten der Staat!“, folgert Urschitz logisch und lässt offen, was er davon hält.

Ich will eine „Wertung“ riskieren: Primär wenig – aber angesichts des düsteren Status quo und der davor vergebenen Möglichkeiten fairer Besteuerung ist etwas mehr Inflation die einzige realistische, verbliebene Möglichkeit, die Staatsschulden rascher abzubauen. (Nebenher fördert sie nötigen Konsum.) Wie Urschitz kenntnisreich festhält, haben die USA auf diese Weise auch ihre Nachkriegsverschuldung von 120 Prozent des BIP abgebaut – und das ist bekanntlich nicht so schlecht ausgegangen.

Wie damals geschieht es auch heute primär zulasten derer, die Geld haben: Die Inflation wirkt als Vermögensteuer. Vermutlich im Gegensatz zur „Presse“ halte ich das für nicht ganz so ungerecht. Denn eines der Kennzeichen des real existierenden Neoliberalismus war es, „Angebotsorientierung“ dahin zu interpretieren, dass hohe Einkommen und Vermögen auf keinen Fall durch Steuern verringert werden dürfen. Auf diese Weise ist in den vergangenen Jahrzehnten – voran in den USA, aber auch bei uns – eine immer größere Kluft zwischen einer Minorität sehr Vermögender und der breiten Masse aufgebrochen, deren Entlohnung und Kaufkraft stagnieren bis abgenommen haben.

Zum Schaden der Wirtschaft. Denn die sehr Wohlhabenden „haben sehr vieles“ und konsumieren daher wenig. Stattdessen investierten sie heftig in Wertpapiere und trugen damit wesentlich zur „Blase“ bei. Dagegen hat die breite Bevölkerung – voran in Deutschland – zu wenig konsumieren können. Das haben in Europa leider am ehesten Spanier oder Franzosen ausgeglichen, indem sie die aktuelle Verschuldung auf sich geladen haben. In den USA haben alle, selbst die Ärmsten, auf Pump konsumiert – als Kern der Finanzkrise.

Die steigende Inflation enteignet jetzt auch die, die vorher dank missverstandenem Neoliberalismus von höheren Steuern verschont geblieben sind.

Das kann ich nicht so rasend ungerecht finden. Rasend ungerecht ist vielmehr, dass jetzt durch die Inflation selbst Rentner enteignet werden, auf deren Sparbüchern 1000 Euro – siehe oben – in zehn Jahren zu 558 Euro werden. Am meisten zahlen die Ärmsten drauf: Sie müssen jetzt mit winzigen Einkommen genau die Waren (Nahrung, Heizung, Wohnung) finanzieren, die sich am meisten verteuern.

Deshalb bin ich seit Jahren mit solcher Vehemenz für vermögensbezogene Steuern eingetreten, denn die lassen sich im Gegensatz zur Inflation zielen: Sie hätten wirklich „Vermögende“ und nicht auch Rentner getroffen.
Selbst jetzt und verspätet hätten sie sehr wohl einen wesentlichen Teil jener Beträge eingebracht, die zur Sanierung der Staatshaushalte notwendig sind und nun via Inflation extrem unsozial eingehoben werden. Wie immer gilt das voran für die USA: Wenn Barack ­Obama dort jene 30-prozentige „Reichensteuer“ durchsetzte, die Warren Buffett für angemessen hält, wäre sein Land selbst heute sofort saniert.

peter.lingens@profil.at