<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Ist Austerity weiter zumutbar?

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Ist Austerity weiter zumutbar?

Europas Süden stöhnt unter der Rezession, die USA konnten sie bisher vermeiden.

Nach der Rebellion der italienischen Wähler gegen Mario Montis (Angela Merkels) Austerity-Politik ist die schwelende Auseinandersetzung über ihren Sinn und Erfolg endgültig unvermeidlich: Ist diese Politik dem überschuldeten Süden weiterhin zuzumuten? Oder ist sie grundsätzlich verfehlt? Ihre Kritiker verweisen insbesondere auf die ziffernmäßig weit bessere Performance der USA: Sie fahren (trotz der jüngsten Zwangskürzung des Budgets) keinen Sparkurs, sondern dulden Schuldenwachstum. Aber dafür wächst ihre Wirtschaft – wenn auch zuletzt minimal; ihre Arbeitslosigkeit sinkt (minimal); und sie vermögen ihre Leistungs­bilanz nicht nur durch verminderte Importe, sondern auch durch steigende Exporte zu verbessern. Viele angesehene Ökonomen halten ihr Rezept für das bessere.

Nur gibt es ähnlich viele angesehene Ökonomen, die bezweifeln, dass es wirklich funktioniert und dass die Zahlen die Realität wiedergeben. Sie fürchten, dass die USA ihr Debakel nur hinausschieben. Ich maße mir diesbezüglich kein Urteil an. Wohl aber kann ich erklären, warum das US-Rezept – de facto das Rezept von Fed-Chef Ben Bernanke – vorläufig besser zu funktionieren scheint als Merkels Austerity-Kurs:
Man kann auf Pump immer etwas nominelles Wirtschaftswachstum generieren. Fed-Chef Alan Greenspan generierte unter George W. Bush sogar einen Boom – der freilich Basis des aktuellen Problems ist.
Und die auf Bush folgende US-Finanzkrise hat in ihrer Verschränkung mit Bernankes Reaktion etwas bewirkt, das den Eurostaaten längst nicht im gleichen Ausmaß zuteilwurde: Der Dollar ist gegenüber allen wichtigen US-Handelspartnern dramatisch schwächer geworden – der Euro nur gegenüber dem Yen.

Kein Ökonom zweifelt, dass Krisenbewältigung mittels „Abwertung“ weniger schmerzhaft ist. Aber viele Ökonomen zweifeln, dass sie wirtschaftlich besser ist. So hat Italien bekanntlich seinerzeit jedes Mal abgewertet, wenn sich seine Wirtschaftsstruktur als zu wenig konkurrenz­fähig erwies – mit dem Erfolg, dass es ebendiese schlechte Wirtschaftsstruktur konserviert hat.

Sie ist heute Italiens zentrales Problem.

Auf die USA übertragen: Ihre traditionelle Industrie ist veraltet. Durch die Schwächung des Dollars wird das kaschiert, denn US-Produkte verkaufen sich dank seiner Abwertung zwangsläufig besser. Aber das kann in Zukunft zum zentralen US-Problem werden.

Vor allem aber ist es generell problematisch, aus der Krisenbewältigung der USA auf die Krisenbewältigung in Südeuropa rückzuschließen. Zu diesem Zweck will ich die USA mit Spanien vergleichen, das ich am besten kenne.
Überschuldet sind beide Länder. Doch der Hauptgrund ist in den USA ein anderer: Die Kriege im Irak und in Afghanistan zeugten die gigantischen Schulden des US-Staatshaushalts. Dazu addierte sich jene Mega-Verschuldung privater Haushalte, die dem enormen Leistungsbilanz-Defizit im Handel mit China und Japan entsprang und durch leichtfertige Bankkredite auf der Basis billigen Gelds möglich wurde. Derzeit vergeben die Banken aber an Private nur mehr begrenzt Kredite, und die Kriege sind fast vorbei.

In Spanien hatte der Staat bis 2007 die EU-weit niedrigsten Schulden: 36 Prozent des BIP. Erst dass er jetzt Banken retten und Arbeitslose finanzieren muss, hat sie auf 70 Prozent des BIP erhöht. Es waren Spaniens private Haushalte, die bis 2007 Schuldenberge angehäuft haben, und nur hier ähnelt der Ablauf dem in den USA: Die Banken haben leichtfertig billige Euro-Kredite vergeben.

Der Schuldenstand ist aber nur der kleinere Teil des spanischen Problems – der viel größere ist seine mangelnde Konkurrenzfähigkeit: Ich habe hier schon einmal vorgerechnet, wie dramatisch sie sich aufgrund stagnierender Produktivität und gestiegener Löhne im Verhältnis zu seinen Handelspartnern, voran Deutschland, verschlechtert hat. Natürlich muss Spanien letztlich vor allem seine Produktivität steigern – aber im Moment kann es seine Konkurrenzfähigkeit nicht anders als durch ein Senken der Löhne (als wichtigster Kostenfaktor) zurückgewinnen.

Das gelänge sicher schmerzloser im Wege einer Abwertung – nur brächte es prompt die Gefahr mit sich, dass die Verbesserung der Wirtschaftsstruktur unterbliebe.

Die Zugehörigkeit zum Euro versperrt diesen Weg freilich sowieso. Die „interne Abwertung“, die Spanien daher vollziehen muss, ist schmerzhaft: Die Unternehmen führen Kündigungen durch, um Lohnkosten zu senken, oder stellen bestenfalls gleich viele Leute zu geringeren Löhnen ein.

Die USA haben dieses Problem nicht: Erstens weil die Löhne dort die beschriebene Abwertung erfahren haben. Zweitens und vor allem, weil sie im Verhältnis zur Produktivität nie zu hoch gewesen sind – die USA sind seit Jahrzehnten ein Billiglohnland. Wahrscheinlich ist es dieser ­Unterschied, der selbst den Keynesianer Paul Krugman veranlasst hat, die „interne Abwertung“ in Spanien für unausweichlich zu halten. Die USA, so bin ich sicher, werden ­darum genauso wenig herumkommen.

Ich habe diesen Kommentar an Erich Streissler weitergeleitet. Hier seine überraschende Analyse dazu.

peter.lingens@profil.at