<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Katholische Frauenverachtung

Der verdrängte Beitrag der christlichen Kirche zur Diskriminierung der Frau im Gegensatz zu ihrer Befreiung durch Jesus Christus.

Immer wenn ich Diskussionen zur Stellung der Frau erlebe, erinnere ich mich der (Gott sei Dank Jahrzehnte zurückliegenden) Mittagessen mit zwei überaus katholischen Spitzenpolitikern der ÖVP: Nachdem sie uns serviert hatten, mussten die Ehefrauen jeweils in der Küche essen, während „die Herren“ über Politik sprachen.

Aber obwohl auch ihresgleichen mittlerweile die Unterdrückung der Frau im Islam bedauern, ist die Diskriminierung der Frau als Konstante aller christlichen Gesellschaften nach wie vor ein Tabu. Die Wittgenstein-Preisträgerin Renée Schroe­der hat in einem „Standard“-Interview an diesem Tabu gerüttelt: Sie hat auf die religiösen Wurzeln der Frauendiskriminierung hingewiesen. Die Professorin der Wiener evangelischen theologischen Fakultät, Marianne Grohmann, hat diesen Vorwurf erstens als „zu pauschal“ zurückgewiesen und zweitens die Existenz evangelischer Bischöfinnen eingewendet. Ich habe diesem Thema in meinem jüngsten Buch („Ansichten eines Außen­seiters“) viele Seiten gewidmet, weil ich vergeblich gehofft habe, genau diese Diskussion auszulösen. So will ich mich zumindest daran beteiligen und Frau Schroeders Behauptung durch ein paar Fakten und Zitate unterstreichen: Während es in der vorchristlichen Kultur etwa Griechenlands oder Ägyptens Göttinnen gab, Frauen selbstverständlich an Gottesdiensten beteiligt waren, Geschäfte abschließen konnten und Bürgerrechte besaßen, ja gelegentlich sogar regierten, konnte die hebräische Frau des Alten Testaments keine Geschäfte abschließen, nicht erben und vor Gericht nicht Zeugnis ablegen. Wenn sie die Periode hatte, war sie „unrein“ und durfte keinen Mann berühren, wenn sie die Ehe brach, durfte der Ehemann sie töten und die Scheidung begehren, wenn sie das Essen anbrennen ließ.

Deshalb muss ich jetzt Frau Professor Grohmann unterstützen: Gegen all dies ist Jesus aufgestanden. Zwar hatte auch er angeblich nur männliche Apostel um sich, aber Frauen durften ihm vorlesen, und ausgerechnet die ehemalige Hure Maria Magdalena durfte zu seinen Füßen sitzen. Als jemand einwandte, Maria sollte sich lieber der Hausarbeit widmen, entschied er, dass sie Gottes Lehre von ihm erfahren sollte. Einem Mädchen, das seit Monaten blutete, also zutiefst „unrein“ war, reichte er die Hand. Er bestritt, dass nur Frauen Schuld am Ehebruch hätten, und verbot Scheidungen, weil sie Frauen die Existenz kosteten.

Für die Auferstehung nennt das Neue Testament ausgerechnet nur weibliche Zeugen, und in einem der Paulusbriefe sind unter 29 Kirchenoberen, die von Jesus zur Gefolgschaft aufgerufen werden, zehn Frauen. Jesus war (wie übrigens auch Mohammed) ein Frauen-
Befreier. Doch das patriarchale Imperium hat in Gestalt der christlichen Kirche zurückgeschlagen: Schon hundert Jahre später heißt es im so genannten Thomas-Evangelium: „Ein Weib lerne in der Stille und in aller Untertänigkeit.“ Und das sah Papst Johannes Paul II. noch 1988 nicht viel anders: „Eine Frau sollte still zuhören und sich ganz unterordnen. Ich gestatte es keiner Frau, zu lehren und sich über den Mann zu erheben. Zuerst wurde ja Adam geschaffen und dann erst Eva.“

Um 200 n. Chr. blies der Kirchenlehrer Tertullian zur endgültigen Rückeroberung des durch Jesus an die Frauen verlorenen alttestamentarischen Terrains, indem er an Eva als „Eingangspforte des Bösen“ erinnerte: „Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat.“ Augustinus weist der Frau dann um 400 n. Chr. endgültig wieder den Platz zu, den sie vor Christi Geburt innehatte: „Das Weib ist ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht als sein Ebenbild geschaffen wurde.“

Von dort ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt zu Heiligen des Mittelalters wie Franz von Assisi oder Kirchenlehrern wie Thomas von Aquin: „Wer mit dem Weibe aber verkehrt, ist der Befleckung so ausgesetzt, wie jemand, der durch das Feuer geht, der Versengung ... Die Frau ist ein Missgriff der Natur – mit ihrem Feuchtigkeitsüberschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertig – eine Art verstümmelter, verfehlter, minderwertiger Mann.“

Das Patriarchat hatte nicht nur sein verlorenes Terrain zurückerobert, sondern die nächsten 1500 Jahre besetzt. Immerhin hat der deutsche Bischof Rudolf Graber noch 1980 erklärt: „Vielleicht wird uns hier klar, warum wir vorher auf den Zusammenhang des Weibes mit dem Tier aufmerksam machten. Sexualität führt zu Bestialität.“

Natürlich kann man dem die evangelischen Bischöfinnen entgegenhalten – aber nur gerade seit 1992. Die katholische Bewunderung für die „Jungfrau Maria“ ist, wie Schroeder richtig behauptet, kein Gegenbeispiel, sondern eine Bestätigung: eine Frau, die nichts außer hilfreich sein durfte und „unbefleckt“ empfangen musste.

Mir ist klar, dass heutige Pfarrer Augustinus oder Thomas von Aquin kaum je zum Thema Frau zitieren und dass Bischof Graber auch katholischen Widerspruch geerntet hat. Aber die christliche Kirche muss doch irgendwann nicht bloß verdrängen, sondern revidieren, was sie so lange vertreten hat. Sie muss ihre Sicht der Frau, so wie ihre Sicht der Juden, als historische Schuld begreifen: Irgendwann muss ein Papst sich für ihren Beitrag zur Diskriminierung der Frau nicht anders entschuldigen, als sich Papst Johannes Paul II. für ihren Beitrag zur Verfolgung der Juden entschuldigt hat.

peter.lingens@profil.at