Peter Michael Lingens: Klimakonferenz - Und sie bewegen sich doch

Peter Michael Lingens: Klimakonferenz - Und sie bewegen sich doch

Das schwammige Klima-Abkommen von Paris hat dennoch ernsthafte Chancen auf Erfolg.

UN-Generalsekretär Ban Ki–Moon nannte es einen „monumentalen Erfolg für die Völker des Planeten“. US-Präsident Barack Obama sprach von der „besten Chance, den Planeten zu retten“, und die Botschafterin des Pazifischen Inselstaates Palau , Olai Uludong, ist zumindest froh, „dass unser Kopf über Wasser bleibt.“

Sie alle meinen das Vertragswerk, das Samstag beim Klimagipfel in Paris von 195 Staaten beschlossen wurde. (Auch wenn es, um Gültigkeit zu erlangen, noch von einer qualifizierten Mehrheit der Staaten ratifiziert werden muss.)

Dabei nennt das Abkommen weder konkrete Maßnahmen, noch konkrete Daten, noch vor allem Sanktionen. In Artikel 2 verpflichten sich die unterzeichnenden Staaten lediglich, sehr allgemein, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf bedeutend weniger als 2 Grad - womöglich sogar weniger als 1,5 Grad - gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Erreicht werden soll das, indem der Ausstoß an Treibhausgasen „so schnell wie möglich“ reduziert und der Übergang zu erneuerbaren Energien (an stelle von Erdöl und Kohle) forciert wird. Entwicklungs- und Schwellenländer (China, Indien) dürfen dabei ausdrücklich länger brauchen – die Reduktion muss mit ihrer wirtschaftlichen Entwicklung vereinbar sein. Den Entwicklungsländern sollen die alten Industrieländer (nicht aber die reichen Golfstaaten) großzügig zur Hilfe kommen – der bisher anvisierte Mindestbetrag von 100 Milliarden Dollar wird nur in einem Begleittext genannt.


Warum ist ein gewisser Optimismus trotz einer so diffusen Vereinbarung tatsächlich angemessen?

Abseits dieser allgemeinen Verpflichtung ist alles denkbar vage: Es wird davon ausgegangen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit vorerst noch zunehmen wird, weil die Entwicklungs- und Schwellenländer noch mitten in ihrer Industrialisierung stecken und unmöglich rasch auf Kohle und Erdöl verzichten können – aber nicht einmal Polen muss das in absehbarer Zeit. Der Zeitpunkt maximaler Treibhaus-Belastung (also maximaler Industrialisierung) soll jedoch „so schnell wie möglich“ erreicht werden, damit so bald wie möglich mit der beschlossenen Reduktion des Ausstoßes begonnen werden kann. Ein Termin für diesen Wendepunkt wird für niemanden angeführt.

Allerdings ist es das erste Mal, dass sich Entwicklungs- und Schwellenländer überhaupt zur Reduzierung ihrer Treibhausgase verpflichten.

Und immerhin soll alle fünf Jahre von Fachleuten überprüft werden, wie weit die einzelnen Staaten die Ausstoß-Ziele, die sie sich selbst gesetzt und bekannt gegeben haben, auch erreichen.
„Mit diesem Vertrag hat sich zum ersten Mal die gesamte Weltgemeinschaft zum Handeln verpflichtet“, lobt Angela Merkel, obwohl sie zuvor klare Daten, klare Verpflichtungen und Sanktionen gefordert hatte. Und selbst Umweltschützer zeigen sich erstmals optimistisch: „Dass sich alle auf einen Pfad zum Ausstieg aus Kohle und Öl begeben, bedeutet einen Wendepunkt in der Klimageschichte“ (Christof Bals von der Umweltorganisation „Germanwatch“, die sich vor allem der Benachteiligung des „Südens“ durch den industrialisierten „Norden“. annimmt.

Warum ist ein gewisser Optimismus trotz einer so diffusen Vereinbarung tatsächlich angemessen? Im Wesentlichen, weil beim Klimasünder Nr.1, den USA, in der Ära Barack Obamas ein Umdenken stattgefunden hat: 70 Prozent der Amerikaner, (die pro Kopf immer noch vier mal soviel CO2 wie die Chinesen produzieren) sind nach diversen Dürre-Katastrophen der Meinung, dass dringend etwas gegen den Klimawandel unternommen werden muss.

Schon Monate vor dem Gipfel haben sich eine Reihe der besten US-Unternehmen, (gemeinsam sind sie für ein Drittel des US-Output verantwortlich) angeführt von Internetriesen wie Google oder Facebook, verpflichtet, ab sofort klimaneutral zu produzieren, wobei sie damit ihre gesamte Produktionskette, nicht bloß ihre Software meinen. Dieser Leader -Gruppe anzugehören ist zu einem industriellen Image-Faktor geworden- die Gruppe wächst laufend. Nicht einmal die große, in den letzten Jahren aus dem Boden geschossene Fracking-Industrie vermochte die Einstellung der Bevölkerung oder gar Barack Obamas zu dieser Frage zu verändern: Klima-Schutz ist in den USA mittlerweile „in“. Obama hofft als „Klima-Retter“ in die Geschichte einzugehen.


Schon seit längerem gehen daher selbst die Investitionen der großen Öl-Konzerne in die Erschließung neuer Ölfelder und die gesamte Erdölindustrie nicht nur Krisen-bedingt, sondern auch Vernunft-bedingt, zurück.

Die Republikaner argumentieren zwar, wie überall, in die Gegenrichtung – es gäbe keinen Klimawandel und Obama unterminiere durch seine Politik die Stärke der Nation - aber die Umfragen bescheinigen ihnen bei dieser Argumentation keinen Erfolg.
Vor allem aber sehen immer mehr der großen internationalen Investoren auf Grund ihrer Sachkenntnis die Situation wie Obama: Sie glauben, dass das Zeitalter der fossilen Brenn- und Treibstoffe sich dem Ende zuneigt, weil die Erderwärmung ihrer Verwendung unbestreitbare Grenzen setzt. Schon seit längerem gehen daher selbst die Investitionen der großen Öl-Konzerne in die Erschließung neuer Ölfelder und die gesamte Erdölindustrie nicht nur Krisen-bedingt, sondern auch Vernunft-bedingt, zurück. Der Vertrag von Paris wird diese Veränderung im Investitionsverhalten weiter beschleunigen, weil er die Investoren in ihrer Haltung bestätigt.

Gleichzeitig sehen die vielfach gleichen Investoren wesentliche Chancen in der Erschließung alternativer Energien: Die Fotovoltaik macht große Fortschritte. Ebenso die Technik zur Speicherung von Strom in Batterien oder die Nutzung von Brennstoffzellen. Erstmals wird sogar versucht, Energie durch Kernfusion zu gewinnen.(0bwohl die Grünen auf jeden Fall aufschreien werden, weil das Wort „Kern“ bei ihnen zwingend Aggression auslöst, auch wenn bei der Kernfusion nichts strahlt.)

Angela Merkels durch Fukushima ausgelöste Energiewende erweist sich damit im Nachhinein jedenfalls als Vorwegnahme der Zukunft so gut wie aller entwickelten Industrieländer. Sie werden den Weg in die gleiche Richtung nach Paris schneller als bisher einschlagen. Hoffentlich auch Österreich.


Der Selbsterhaltungstrieb der Menschen scheint spät aber doch in immer mehr Ländern zu funktionieren – das ist durchaus ein Fortschritt.

Doch die Trend-Umkehr in den USA hätte nicht genügt, wenn nicht auch bei dem in absoluten Zahlen größten Klima-Sünder, China, ein vorsichtiges Umdenken eingesetzt hätte. Seiner Führung ist mittlerweile klar, dass auch sie trotz des Nachholbedarfes der Bevölkerung nicht um eine „Dekarbonisierung“ ihrer Industrien herumkommt: Der Smog ist einfach zu dicht geworden. Chinas Spitzenpolitiker wissen, dass sie unmöglich wie bisher fortfahren können. Sowohl, weil auch sie die Stimmung im Volk nicht völlig ignorieren können als auch, weil sie den Smog am eigenen Leib verspüren.

Dass sie selbst das Tempo der Dekarbonisierung bestimmen können, ließ daher auch sie und zuletzt auch Indien den Vertrag von Paris unterzeichnen.

Der Druck einer so großen Mehrheit und wahrscheinlich auch eine sehr geschickte französische Verhandlungsführung überwand schließlich auch den Widerstand der Öl- und Kohle- Produzenten einigermaßen: Es ist egal, was sie unterschreiben – der Markt ist stärker. Derzeit macht er Erdöl und Erdgas zum Schaden des Klimas so billig wie lange nicht – zumindest drängt das die Kohle zurück.

Dass die Staatschefs von Inselstaaten, die erleben, wie der Wasserspiegel messbar steigt, den Vertrag unterzeichnet haben, nachdem ihnen die 1,5 Grad Erderwärmung als „eigentliches Ziel“ zugesagt wurden, war zu erwarten.
Der Selbsterhaltungstrieb der Menschen scheint spät aber doch in immer mehr Ländern zu funktionieren – das ist durchaus ein Fortschritt.

PS: Ein Kulturtipp: Wenn Sie erleben wollen, wie man Shakespeare perfekt, ebenso mühelos wie nahtlos, in die Gegenwart transponiert, dann besuchen Sie – nein, keine der großen Theater Wiens, Münchens oder Berlins, sondern das Mödlinger Stadttheater: Bruno Max hat dort mit dem schwarzen Ex-Boxer Tino Führer in der Titelrolle, den aufregendsten „Othello“ seit der legendären Tabori –Inszenierung im Wiener Akademietheater in Szene gesetzt. Ein schwarzer General der US-Army, der der Intrige des Rassisten Jago zum Opfer fällt und in rasender Verzweiflung die höhere Tochter eines leise rassistischen republikanischen Senators erdrosselt.

Zentraler Ort der Handlung: Ein genial auf die Bühne gezauberter US-Stützpunk auf Zypern, über den die Helikopter hinwegdonnern. Auf ihren Einsatz wartend, kämpfen die führenden Offiziere um Aufstieg und Einfluss, wenn sie einander nicht gerade die hübscheren Soldatinnen als Geliebte ausspannen. Als Zuschauer glaubt man, mit ihnen unter der Hitze, der Langeweile oder dem Lärm der landenden oder startenden Kampfhubschrauber zu leiden. Aktueller kann Shakespeare nicht aufgeführt werden. Am 9. Jänner kommt die Inszenierung auch ins Max` Wiener Scala –Theater.

peter.lingens@profil.at