<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
„Mein“ Berufsheer

Ein Versuch, die wichtigsten Einwände zu entkräften, die die Befürworter der allgemeinen Wehrpflicht gegen eine Profi-Truppe vorbringen.

In der Vorwoche habe ich an dieser Stelle die Befürchtungen beschrieben, die Österreichs erster Soldat, General ­Edmund Entacher, einem allfälligen österreichischen Berufsheer entgegenbringt: Weil unsinnigerweise erwartet würde, dass es billiger als die allgemeine Wehrpflicht käme, würde dafür höchstens dieselbe Menge Geld budgetiert; das aber ­bedeute, dass dieses Heer entweder lächerlich klein ausfiele oder dass es auch Leute anstellen müsste, die – wie in den USA – eine eher negative Auslese der Bevölkerung darstellten; gleichzeitig gingen dem Berufsheer all die Fähigkeiten verloren, die im derzeitigen System von beruflich hoch quali­fizierten Milizionären eingebracht werden; gerade sie aber sind es, die Österreichs hervorragende Leistungen bei Auslandseinsätzen bedingen, denn Milizionäre stellen dabei mehr als die Hälfte der Mannschaft.

Ich halte alle diese Sorgen für berechtigt – aber ich glaube, dass ein Berufsheer auch anders konstruiert werden kann und konstruiert werden muss und dass es dem derzeitigen Bundesheer dann sehr wohl überlegen ist.

Die wichtigste Aufgabe eines Heers ist, fürchte ich, nach wie vor, notfalls tatsächlich zu kämpfen. Das ist Wehrpflichtigen, wenn es nicht um die Verteidigung des Vaterlands geht, nicht zuzumuten. Nur von einem Berufssoldaten kann man verlangen, dass er sein Leben riskiert, und nur ein Berufssoldat hat die für einen erfolgreichen militärischen ­Einsatz notwendigen Fähigkeiten in ausreichendem Maß ­erworben und trainiert.
Den durchschnittlichen österreichischen Wehrdiener in einen wirklichen Kampf zu schicken wäre in jeder Hinsicht ein Verbrechen.

Österreichs politische Parteien sind denn auch in Wahrheit immer davon ausgegangen, dass wir unsere Soldaten nie in einen wirklichen Kampf schicken. Wir hatten ein Bundesheer, um eine Verpflichtung aus dem Staatsvertrag zu erfüllen, Pontonbrücken über angeschwollene Flüsse zu bauen, olympische Skipisten zu treten und weil es sich so gehört.
Wenn sich, wie beim Ungarn-Aufstand und während des Prager Frühlings, eine ernsthafte militärische Gefährdung ­ergeben hat, haben wir gebetet, dass sie doch nicht so ernsthaft ist, und kurzfristig doch an eine Erhöhung des Wehr­budgets gedacht.

Aber dieser Gedanke ist gleich danach wieder in der Versenkung verschwunden: Wir haben trotz unseres Reichtums immer weniger als alle anderen vergleichbaren Staaten für unser Heer ausgegeben.
Das war in Zeiten massivster Ost-West-Spannungen verantwortungslos – aber wir hatten das Glück, Trittbrettfahrer einer starken NATO zu sein.

Seit der „Wende“ ist unser Trittbrettfahren nur mehr unsolidarisch: Eigentlich müsste man bei Auslandseinsätzen im Auftrag der UN erwarten können, dass Österreich genauso kämpfende Truppen stellt wie England, Polen und Kanada, denn die Neutralität bietet völkerrechtlich keine Ausrede mehr – und moralisch ist sie nie eine gewesen. Für einen solchen ernsthaften Kampfeinsatz im Ausland braucht man – ich bleibe dabei – ein Berufsheer.

Ich stimme mit General Entacher überein, dass es mit ­Sicherheit nicht billiger als das Bundesheer kommt, sondern eher mehr kostet, wenn man eine negative Auslese aus der Bevölkerung vermeiden will.

Für friedenstiftende Einsätze ist es in der Tat entscheidend, dass dieses Heer auch wesentlich zur Betreuung der ­betroffenen Zivilbevölkerung beiträgt, und dabei haben die Milizionäre tatsächlich eine entscheidende, international ­anerkannte Rolle gespielt.

Nur sehe ich nicht ein, warum Ärzte, Techniker, Köche, Handwerker nicht genauso bereit sein sollten, innerhalb eines Berufsheers eine möglichst kurz gehaltene militärische Ausbildung zu absolvieren und es dort bis zum Reserveoffizier zu bringen, wenn dafür die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Wenn das Berufsheer insgesamt den Ruf einer hoch­professionellen Elitetruppe besitzt, dann werden genügend „Zivilisten“ stolz darauf sein, dort im Rang von Re­serve(unter)-offizieren zu stehen. Und natürlich kann man auch per Gesetz sicherstellen, dass ihr ziviler Dienstgeber sie für die nötigen Übungen freistellen muss. Er wird darüber, wenn es eine akzeptable finanzielle Regelung gibt, auch nicht wütend sein, sondern es im Gegenteil zu schätzen lernen, dass sein Mitarbeiter Führungsqualitäten trainiert und logistische Kenntnisse erwirbt.

Vor allem aber könnte ein Berufsheer selbst zu einer Spitzen-Ausbildungsstätte für die verschiedensten zivilen Berufe – vom Mechaniker über den Bautechniker bis zum Brunnengräber – werden. Es wäre sowieso unsinnig, wenn die Berufssoldaten Jahre hindurch den ganzen Tag „Sprung, vorwärts, decken“ übten. Vielmehr sollten sie nach einer militärischen Ausbildung durchwegs eine hochwertige Fachausbildung erhalten, die es ihnen darüber hinaus, wenn sie irgendwann für den Kampfeinsatz zu alt sind, ermöglicht, erfolgreich ins Zivilleben zurückzukehren.

Gleichzeitig bildete die Chance, eine solche doppelte Ausbildung zu erhalten (die das Bundesheer Offizieren ja schon in manchen Bereichen anbietet), den besten Anreiz dafür, dass eine positive Auslese aus der Bevölkerung sich um Aufnahme in ein künftiges Berufsheer bewirbt und dass beileibe nicht jeder aufgenommen werden muss.

peter.lingens@profil.at