Peter Michael Lingens: Mit Nestroy im Ronacher

Peter Michael Lingens: Mit Nestroy im Ronacher

Eindrücke eines Ressort-unzuständigen Beobachters von einem Theaterereignis.

Montag wurden im Ronacher die Nestroys vergeben. Wenn es einen nur mit der politischen und wirtschaftlichen Szene einigermaßen vertrauten Journalisten wie mich dorthin verschlägt, fällt ihm Folgendes auf:

Während Oscar und Romy –Verleihung es auf ORF II schaffen, schafft es die Nestroy-Verleihung nur auf ORF III. Aber zumindest dieser Kanal erfüllt die Verpflichtung des Rundfunkgesetzes zu hundert Prozent - mit 0,1 Prozent des Rundfunk -Budgets. Eigentlich Nestroy-würdig, was diese Mini-Redaktion zu Mini-Mitteln leistet.

Das Ronacher ist zweifellos die optimale Location für die Verleihung eines Theaterpreises. Aber das verdeckt, dass für diese wunderschöne Spielstätte, die um viel Geld perfekt renoviert worden ist, auch nach Jahren kein tragfähiges Konzept für seine „normale“ Nutzung existiert. Bis zu einem gewissen Grade spricht das für das Wiener Kulturleben: Es gibt schon für so gut wie alles - jede Form des Sprechtheaters und des Musiktheaters, aber auch für Tanz oder Jazz - erstklassige, ausreichend große Spielstätten. Ich wüsste auf Anhieb auch keine Nische, die das Ronacher besetzen könnte. Am ehesten ersuchte ich André Heller oder Bernhard Paul um ein Konzept. Oder schreibe es zur Verpachtung aus: Gäbe eine Summe bekannt, die die Stadt maximal als jährliche Subvention zu gewähren bereit ist und forderte alle Theatermacher auf, sich unter diesen wirtschaftlichen Bedingungen mit ihrem Konzept um die Führung des Theaters zu bewerben. Im Idealfall meldete sich dann jemand aus dem Team mit dem Anita Ammersfeld ihr leider aufgegebenes Wiener Stadttheater gemanagt hat: Dort spielte man zuletzt durchwegs ebenso interessante wie erfolgreiche Stücke und zog ein Publikum heran, das wahrscheinlich auch das Ronacher füllte.


Ich bin nicht für den Ersatz der Kultur-Subvention durch Marktmechanismen – aber sie sollten nicht ganz vernachlässigt werden.

Zu ähnlichen Bedingungen sollten die “Vereinigten Bühnen“ ihren „Musical“-Anteil ausschreiben. Auch wenn ich zur Kenntnis nehme, dass es beim Musical die relativ größte Kostendeckung durch das Publikum gibt, halte ich rund 20 Millionen jährliche Subvention für eine Sparte, die sich nicht nur in New York, sondern auch in London selbst finanzieren muss, für unverhältnismäßig – zwei Drittel dieses Betrages sollten das Maximum dessen sein, was die Stadt zu geben bereit ist.

Wer zu diesen Bedingungen Musicals zu produzieren bereit ist, sollte den Zuschlag erhalten.

Ich bin nicht für den Ersatz der Kultur-Subvention durch Marktmechanismen – aber sie sollten nicht ganz vernachlässigt werden.
Bei dieser Gelegenheit zu einem teuren Haus, das allerdings immer mehr leistet: Die in meiner Augen mit Abstand beste Inszenierung eines Musicals ist derzeit in der Volksoper zu sehen. Dale Wassermans „Mann von la Mancha“ ist abseits seiner gelungenen „Hits“ ein geniales, zeitloses Theaterstück – ebenso weise wie berührend und aktuell. (Nicht zufällig hat der selbe Autor auch „Einer flog übers Kuckucksnest“ dramatisiert.) Der Bedarf an einer „besseren Welt“ ist selten größer gewesen – und nur ein Don Quichote kann sie erhoffen.

Hausherr Robert Meyer ist ein Don Quichote, der in meinen Augen in dieser Rolle selbst den legendären Josef Meinrad an Glaubwürdigkeit übertrifft: Schon nach den ersten Sätzen, die er spricht, zweifelt im Publikum niemand mehr daran, dass sie die Mörder und Diebe die die Bühne bevölkern in bessere Menschen und die Hure Aldonza in die edle Dulcinea verwandeln werden– denn sie verwandeln auch die Zuschauer.

Mag sein, dass man seinerzeit bei Meinrad mehr lachen konnte – bei Meyer weint man umso mehr, je länger die Vorstellung dauert.

Als Aldonza Din Quichote, der bereits aufgeben will, an Dulcinea erinnert, plärrt das gesamte Haus.
Das Theater als moralische Anstalt: Man begreift plötzlich, dass die Hilfe, die hunderte Freiwillige an Grenzen und auf Bahnhöfen hunderttausenden Flüchtlingen leisten, viel wahrer als die „Überforderung“ ist, vor der „realistische“ Politiker uns warnen. Man kann – man muss - den unmöglichen Traum träumen.


Was einem Theater-Fremden sonst noch auffällt: In der überwältigenden Mehrheit der nominierten Aufführungen wird auf der Bühne ungeheurer Aufwand betrieben.

Wäre ich ein Nestroy–Juror (wozu man als politischer Journalist zum Glück fürs Theater nie aufsteigt), so wäre Meyer mein Nestroy-Kandidat fürs kommende Jahr.

Damit endlich zu den Preisgekrönten dieses Jahres: Achim Feyers Bühnenbilder haben auch mich stets (noch etwas mehr als seine Regie) begeistert. Den besten männlichen Schauspieler – Martin Wuttke- habe ich zu meiner Schande als Teilzeit-Spanier versäumt, aber er muss als John Gabriel Borkman grandios gewesen sein, wenn ich sehe, dass er das Rennen vor Nicholas Ofczarek in „Die Affäre Rue Lucine“ gemacht hat.

Beim Blick des Ressort-unzuständigen politischen Journalisten auf die Nationalität der Preisträger fällt auf, dass unter lauter Deutschen nur zwei Österreicherinnen die Jury durch ihre Einzelleistung überzeugen konnten: Elisabeth Orth und, als bester weiblicher Nachwuchs, Stefanie Reinsperger. Denn Florian Teichtmeister wurde von den Zusehern von ORF III, nicht von der Jury, zum vermutlich beliebtesten Schauspieler des Jahre gekürt.

Die viele ausgezeichneten Deutschen sprechen einerseits für die Jury – man kann ihr keinen Chauvinismus nachsagen – andererseits spiegelt es einen nicht ganz unproblematischen Zustand der österreichischen Theaterszene: Immer mehr Theater werden von Deutschen geleitet, die, wie im Extremfalls Matthias Hartmann an der Burg, ihr gesamtes deutsches Team – von den Schauspielern über die Dramaturgen bis zu den Sparten-Leitern- mitbringen. Denn in Deutschland wurden die Theater-Subventionen im Sinne staatlichen Sparens viel stärker als in Österreich gekürzt – es erlebt inmitten eines Wirtschafts-Booms ein geisteskrankes Theater-Sterben. (Denn ich weiß wenig Dümmeres, als in Zeiten zunehmender Leseschwäche, Sprechtheater zu sperren). Jedenfalls empfinden deutsche Theatermacher Österreichs Theaterlandschaft (wie die deutschen Studenten Österreichs Universitäten), als Paradies mit Willkommenskultur.

Das weckt zugehörige Sorgen der „Einheimischen“, die man nicht ganz missachten sollte: Nationalist, der ich bin, leide ich zum Beispiel darunter, selbst Nestroy, Schnitzler oder Molnar fast durchwegs mit deutschem Akzent und nicht selten mit mangelnder Sprechtechnik zu erleben.

Elisabeth Orth oder Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek oder Johannes Krisch wirken in den Besetzungslisten nicht selten als Feigenblätter zur Verdeckung weitgehend vollzogener deutscher Machtübernahme.

Nach Minichmayr hat diesmal Orth den Nestroy als beste Schauspielerin erhalten. Ich war darüber insofern erstaunt, als ich vermutet hatte, dass sie bereit deren mehrere in der Schublade hätte. Denn nur mit Kirsten Dene hätte ich sie in der selben Liga angesiedelt. Orths Sprache ist nicht nur so schlicht und so schön wie das Gedicht von Matthias Claudius über den eben aufgegangenen Mond, sondern sie ist auch die einzige, die man bis in die letzte Reihe des Burgtheaters versteht.
Ich bin beim Theater nicht nur nationalistisch sondern auch noch altmodisch und kleinlich: Ich halte das angesichts der Preise für hintere Reihen der Burgtheaters nicht für völlig unerheblich.

Was einem Theater-Fremden sonst noch auffällt: In der überwältigenden Mehrheit der nominierten Aufführungen wird auf der Bühne ungeheurer Aufwand betrieben. Man wälzt sich in Wasser, Unrat oder, wie bei Simon Stones Nestroy-Preis-gekröntem John Gabriel Borkman in künstlichem Schnee. Im konkreten Fall scheint das hervorragend gelungen – als allgemeine Übung (etwa auch bei Shakespeares Romeo und Julia) begeistert es mich weniger: Ich bin (parteiisch) für den Vorrang der Worte vor der „Action“. Ein wenig halte ich dieses von Action überquellende Regie-Theater sogar für die heutige Mode von gestern – und erinnere mich als Theaterbesucher von Gestern mit mehr Begeisterung an die Sparsamkeit, mit der ein Ingmar Bergmann klassisches Theater inszenierte. Aber das dürfte an meinem Alter liegen.

PS: Der Grund für mein Interesse an der Nestroy-Verleihung war die Nominierung von Benjamin Vanyek für einen Nestroy als bester männlicher Nachwuchsdarsteller. Sie mündete nicht in einen Preis, aber ich habe den jungen Deutschen, Benedikt Paulun, der damit bedacht wurde leider nicht gesehen und muss dieses Urteil für gerecht halten. Auch wenn es meines Erachtens auch damit zusammenhängen könnte, dass eben sehr viel mehr Jury-Mitglieder das zu Recht etablierte Theater im Zentrum als das winzige Ateliertheater- reloadet besucht haben.

Das gilt auch für die Kuratoren der Stadt Wien, die über Theater-Subventionen entscheiden und führt dazu, dass das Ateliertheater –reloudet auch kaum Chancen auf einen finanziellen Zuschuss hat.

Es wir das kommende Jahr daher nach menschlichem Ermessen nicht überleben. Das wird schade sein.