<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Niki Lauda vor Heinz Fischer

Die Sympathie 16-jähriger Erstwähler für ausländerfeindliche Parolen ist nicht gottgegeben. Sie hängt wieder einmal stark von ihren Vorbildern ab.

E s gibt wenige Fragen, die für Österreichs Zukunft wichtiger wären: Warum akzeptiert die Mehrheit der 16-jährigen Erstwähler die ausländerfeindlichen Parolen der FPÖ, während gleichaltrige Schüler einer Fachschule im steirischen Krieglach in berührenden Briefen (wie ich sie in der Vorwoche an dieser Stelle veröffentlicht habe) gegen die ­Abschiebung zweier ihrer Mitschüler in den Kosovo protestieren? Was bewirkt die ablehnende Reaktion der einen, was die verständnisvolle der anderen?

Ein wichtiger Unterschied scheint mir, dass die Mehrheit der FPÖ-wählenden Jugendlichen die Ausländer, die sie ablehnt, meist nur vom Hörensagen kennt, während die Schüler jener Krieglacher Schule die Familie aus dem Kosovo aus der Nähe kannten. Gutes Kennen verhindert Xenophobie: Man erlebt den anderen in erster Linie als meist sympathischen (viel seltener unsympathischen) Mitschüler, Mitspieler im Sportverein oder Mitarbeiter in der Firma und erst in zweiter Linie als „Ausländer“.

Das erklärt, dass „Ausländer“ in den Betrieben, in denen sie arbeiten, fast durchwegs eine „gute Nachrede“ haben – während ihnen in allgemeinen Meinungsumfragen eine ausländerfeindliche Grundstimmung entgegenschlägt. Denn die meisten Leute sind ausländerfeindlich vom ­Hörensagen: „De san halt sehr oft kriminell, was ma so heart.“ Das „Hörensagen“ ist deshalb wesentlich. In Österreich haben Innenministerium und FPÖ einen so festen Zusammenhang zwischen „Ausländer“ und „Kriminalität“ hergestellt, dass die meisten Leute gar nicht mehr in der Lage sind, den fundamentalen Unterschied zwischen Flüchtlingen oder Zuwanderern und jenen ausländischen Banden zu sehen, die kurzfristig zu Diebeszügen eingereist sind.

Aparterweise ist Innenministerin Fekter derzeit Opfer dieses von ihr so geförderten Zusammenhangs: Keine Ortschaft will das von ihr geplante Flüchtlingslager im Süden aufnehmen, obwohl die Kriminalitätsrate von Flüchtlingen unter jener der einheimischen Bevölkerung liegt.
In Krieglach haben anständige Lehrer das „Hörensagen“ offenkundig beeinflusst: Sie haben die Abschiebung vor den Schülern als „unmenschlich“ bezeichnet. Eine Lehrerin fühlte sich an „Zeiten wie unter Hitler“ erinnert, und das macht wahrscheinlich, dass sie ihre Schüler zuvor über diese „Zeiten“ unterrichtet hat.

Subjektiv ist der Unterschied zwischen damals und heute nämlich geringer, als man glaubt: Vor 1941 wussten die Österreicher, die erlebten, wie Juden von der Polizei aus ihren Wohnungen geholt und verschickt wurden, ja keineswegs, dass diese Juden vergast wurden – sie wussten nur, dass sie Österreich, das sie als Heimat empfanden, gegen ihren Willen verlassen mussten. Und sahen dem ohne Mitleid zu.

Die Schüler und Schülerinnen in Krieglach weigerten sich, ohne Mitleid zuzusehen, wie ihre ausländischen Mitschüler gegen ihren Willen von der Polizei abgeholt und verschickt wurden. Das unterscheidet sie von den „Zuschauern“ von damals und scheint mir nicht zuletzt ein Verdienst des Unterrichts, den sie durch ihre Lehrerinnen und Lehrer erhalten haben.
Man kann diese Form des Unterrichts fördern: indem an den Pädagogischen Hochschulen nicht nur der NS-Zeit als solcher besondere Aufmerksamkeit gewidmet, sondern auf genau diese Ähnlichkeiten in Grundfragen der Humanität hingewiesen wird. Jeder dort ausgemusterte Lehrer muss im Umgang mit der „Ausländerfrage“ speziell geschult sein und wissen, wie er seinen Schülern eine humane Haltung vermittelt.

Jugendliche orientieren sich an Idolen. Diese Idole müssen sich – über Ostbahn-Kurti hinaus – in der „Ausländer­frage“ outen. Ich war bisher kein Fan von Niki Lauda, aber das Interview, mit dem er sich in „News“ von der „Hetze“ der FPÖ distanziert und gefragt hat, ob Österreich die Fehler der NS-Zeit wiederholen wolle, hat mich dazu gemacht. Lauda steht für jenen Mut und „Leistungswillen“, den FP-Funktionäre ständig im Mund führen – deshalb ist es so unendlich wichtig, dass er sie als in Wahrheit feige Hetzer entlarvt.

Thomas Muster hat sich mir gegenüber privat einmal ganz ähnlich über Jörg Haider geäußert – „ein Schreier und nix dahinter“. Ich habe ihn angefleht, das öffentlich zu sagen, aber sein Ma­na­gement hat ihm abgeraten: Sport­ler müssten sich aus der Politik heraushalten. Das Gegenteil ist richtig: Politische Weitsicht ehrt auch Sportler. Muster hätte durch seine Äußerung gewonnen, nicht verloren. Ich weiß von den einstigen profil-Skitests her, dass viele Spitzenskifahrer ähnlich klug und anständig dachten: Ihresgleichen muss sich politisch äußern, statt das Sportlern zu überlassen, die für die FPÖ kandidieren, bis sie des Dopings überführt sind.

Es gibt auch bei der Jugend angesehene Politiker: Heinz Fischer zum Beispiel. Er muss dieses Ansehen einsetzen. Warum kann er nicht – beispielsweise – die Bundespräsidentenvilla in Anspruch nehmen und dort einen Trakt für „Flüchtlinge“ frei halten, deren Unterbringung er mit einem Teil seines (auch im internationalen Vergleich ansehnlichen) Präsidentengehalts finanziert? Dieser oder jener SP- oder VP-Politiker, der „Ausländerfeindlichkeit“ mit Worten geißelt, könnte es ihm nachmachen: Die Damen und Herren haben durchwegs Wohnungen und Villen, in denen sich ein Zimmer für solche Zwecke frei machen lässt. Auch Politiker brauchen Vorbilder. Damit sie jungen Menschen welche sein können.

peter.lingens@profil.at