<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>Nur Visionäre sind Realisten

Tunesien, Ägypten und das absehbare „Ende der Geschichte“.

Durch Jahrzehnte war es nur der naive Traum von Pazifisten: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Aber seit den Ereignissen in Tunesien und Ägypten ist vorstellbar geworden, dass selbst diese Vision wahr wird: Regierungen befehlen Krieg – und die Bevölkerung verabredet sich via Facebook, Twitter und Handy, nicht daran teilzunehmen.
Die Diktatoren dieser Erde werden jedenfalls viel Geld in die Entwicklung von Systemen stecken müssen, die das Internet lahmlegen, sonst bestätigt sich schon demnächst die Vision Francis Fukuyamas vom „Ende der Geschichte“: Die Ereignisse in Ägypten und Tunesien belegen, dass es tatsächlich in allen Staaten der Erde früher oder später zu ­erfolgreichen Revolutionen kommen wird, die letztlich in Demokratie und freie Marktwirtschaft münden.

Der amerikanische Journalist und Dichter Carl Sandburg, der als Erster vom „Krieg, zu dem keiner hingeht“, fantasierte, hat auch diesbezüglich ein visionäres Zitat hinterlassen: „Alles, was wir brauchen, um zu beginnen, ist der Traum von einer besseren Zukunft. Alles, was wir haben müssen, ist Vertrauen in unsere Sache, und der Traum wird Wirklichkeit werden. Alles, was wir tun müssen, ist handeln – und die Zeit zu handeln ist jetzt.“

Nur über den letzten Halbsatz wird man in Zukunft diskutieren: Wann ist es Zeit, auf die Straße zu gehen? Wann wird auch die Diktatur in Algerien, Syrien oder Libyen fallen? Wann folgt mit Saudi-Arabien auch das Land mit der härtesten Diktatur des Nahen Ostens und dem meisten Öl der Welt? (Was tun dann die dort stationierten amerikanischen Truppen?) Und wann geht auch im scheinbar so stabilen China eine Milliarde Männer und Frauen auf die Straße, weil der zunehmende Wohlstand auch dort ungleich verteilt ist und die Menschen auch dort nach Freiheit dürsten?
Jede Politik, die auf die Stabilität von Unrechtssystemen setzt, ist langfristig nicht „realistisch“, sondern „naiv“.

Die Revolution wird allerdings immer erst dann erfolgreich sein, wenn die Bevölkerung darauf vertrauen kann, dass die Armee nicht mehr schießt. Ich erinnere mich, wie ich 1968 auf dem Wenzelsplatz in Prag genau so zwischen Abertausenden begeisterten, nach Freiheit dürstenden Demonstranten eingekeilt war wie jetzt die Korrespondenten auf dem Tahrir-Platz in Kairo – doch plötzlich begannen auf den Dächern sowjetische Soldaten mit Maschinengewehren zu schießen, und innerhalb einer einzigen Minute war der Platz vollkommen leer und der Prager Frühling zu Ende.
Wenn Mubaraks Soldaten geschossen hätten, wäre es in Kairo nicht anders gewesen; so wie es in Teheran nicht ­anders gewesen wäre, wenn die Soldaten des Schah geschossen hätten, und es nicht anders ist, weil Ahmadinejads Garden schießen.

Zwangsläufig werden die Diktatoren daher in aller Welt weiterhin versuchen, ihre Generäle zu verwöhnen und ihre Soldaten oder Gardisten wirtschaftlich massiv zu bevor­zugen.
Aber das ist in dem Augenblick obsolet, in dem die Söhne und Töchter der Generäle und Soldaten beginnen, die ­Unzufriedenheit der Bevölkerung zu teilen, und sich unter die Demonstranten mengen: Auf die eigenen Kinder schießt man nicht.
Dieser Moment war in Ägypten und Tunesien seit Langem erreicht und wird irgendwann auch in China erreicht sein, so wie er in der Sowjetunion erreicht worden ist.

In den Ländern, die Demokratie und Freiheit bereits errungen haben, ist es intellektuelle Mode, in erster Linie zu fürchten, dass Revolutionen keineswegs zu Demokratie und Freiheit, sondern im Gegenteil zu Chaos und danach zu noch mehr Unfreiheit führen.
Das stimmt vielleicht für den Iran – obwohl nicht klar ist, ob der Schah den Ajatollahs tatsächlich vorzuziehen war; aber es war falsch bezüglich der Sowjetunion – in Summe geht es ihren Nachfolgestaaten besser.
Auf lange Sicht, so glaube ich mit Fukuyama, wird das in allen Ländern der Erde so sein: Die Freiheit wird siegen.

Auf kurze Sicht ist das Risiko eines Rückschlags aber zweifellos beträchtlich: Die vielen Ägypter und Tune­sier, die meinen, mit dem Umsturz würden sich ihre dramatischen Probleme auf einen Schlag lösen, werden eine ­ähnliche Enttäuschung erleben wie die Amerikaner, die von ­Barack Obama Wunder erwartet haben.
Das Bevölkerungswachstum ist in beiden Ländern ­un­vermindert viel zu hoch.

Die Arbeitslosigkeit wird auch dann nicht schnell zurückgehen, wenn man die Staatsindustrie zwecks besserer Entfaltung privatisiert.
So wie die Enttäuschung ihrer viel zu hohen Erwartungen die Amerikaner zurück in die Arme jener Republikaner treibt, die das Fiasko verantworten, könnte eine ähnliche Enttäuschung auch Tunesier und Ägypter wieder in die Arme von Scharlatanen treiben.
Wenn man dieses Risiko vermindern will, muss man dringend Bruno Kreiskys Vision eines Marshallplans für ­diese Region aufgreifen: Die EU muss Ägypten mit einer klugen Mischung aus politischem Know-how, wirtschaft­lichem Know-how und Krediten unter die Arme greifen, wobei sie – wie seinerzeit die USA in Österreich und Deutschland – ein System etablieren muss, das sicherstellt, dass diese Kredite auch erfolgversprechend verwendet werden. Sonst geht es ihr wie mit ihrer Unterstützung für den Staat der ­Palästinenser: Milliarden füllen dort erst wieder die falschen Taschen.


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