Peter Michael Lingens: Quantitative Easing wird nicht reichen!

Peter Michael Lingens: Quantitative Easing wird nicht reichen!

Deutschland behindert den erfolgreichen Einsatz und beharrt auf seinem Würgegriff.

Die EZB hat sich also für „Quantitativ Easing“ entschieden: bis Ende September 2016 will Mario Draghi jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere aus den Euro-Ländern aufkaufen – in Summe für 1,14 Billionen Euro.

Auf allen Fernsehkanälen ist seither fast täglich Deutschlands Star-Ökonom Hans-Werner Sinn zu sehen, der – wetten, dass – ein schreckliches Ende mit massiver Inflation prophezeit.

Er hat nicht immer so simpel argumentiert – noch 2009 warnte er in einem großen Artikel vor genau diesem Kurzschluss –, aber es gibt offenbar das Phänomen der TV-Radikalisierung.

In Print geht’s nicht so kurz: Preise ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Ein höheres Preisniveau – Inflation – kommt nur zustande, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. 100 billige (niedrig verzinste) Milliarden im Rahmen einer geldpolitischen Maßnahme der Notenbank sind aber nicht hundert Milliarden mehr Nachfrage, sondern die Banken haben nur die Möglichkeit dieses Geld zusätzlich von ihr zu borgen. Sie borgen es freilich nur in dem Ausmaß, in dem sie es brauchen, um die Kreditwünsche von Privaten oder Unternehmen zu befriedigen.
Wichtigstes Merkmal der aktuellen Krise ist leider, dass weder Private noch Unternehmer nach Krediten gieren. Daher wird nur ein Bruchteil des möglichen Zentralbankgeldes auch nachfragewirksam.

Vor allem steigerte es die Preise nur dann, wenn das Warenangebot eine fixe, nicht vermehrbare Größe wäre. Das ist es aber nur in wenigen Bereichen – voran Aktien und City-Immobilien. Dort warnt Professor Sinn zu recht vor Blasen. Bei den meisten Waren ist es freilich genau umgekehrt: Es gehört zum Wesen der Krise, dass es davon ein Überangebot gibt: Weil so viele Autos bereits auf Halde stehen, unterbieten einander die Händler im Preis.
Das ist das Wesen der aktuellen Deflation.

Etwas mehr und sehr billiges Geld hat offenbar nicht ausgereicht, mehr Nachfrage zu erzeugen obwohl es sicher die richtige Maßnahme war.

Die EZB versucht es daher direkter: Die Banken haben nicht nur die Möglichkeit, mehr Geld in Anspruch zu nehmen, sondern sie kauft ihnen Staatsanleihen ab, so dass sie dieses Geld unmittelbar auf ihren Konten haben.
In der Hoffnung, dass es dadurch doch häufiger zu Kreditverträgen mit Unternehmern kommt.
Professor Sinn unterschlägt geflissentlich, dass das in den USA seit drei, in England seit zwei Jahren funktioniert – ohne jede Inflationsgefahr.

Am vernünftigsten wäre es, die Zentralbank kaufte wie ein guter Anleger eine ausgewogene Mischung aus höher verzinsten (weniger sicheren) „südlichen“ und niedriger verzinsten (sehr sichereren) nördlichen Anleihen – dann kreierte sie eigentlich Eurobonds. Aber um wieder einmal Deutschland zu beruhigen, tut sie das nur zu 20 Prozent – die restlichen 80 Prozent werden die nationalen Notenbanken nach ihrem Gutdünken kaufen.
Das ist nicht sicherer, nur schlechter als das einheitliche Vorgehen der USA.

Ich sorge mich denn auch weit weniger vor partieller (Aktien-)Inflation als davor, dass QE die angestrebte Belebung nicht erreicht. Unternehmen beantragen Kredite nicht, weil sie noch um eine weitere Nuance billiger und leichter als bisher zu haben sind, sondern weil sie sich von den zugehörigen Investitionen bessere Geschäfte erwarten. Das, so fürchte ich, können sie kaum, solange der Sparpakt gilt.

Denn der Staat wäre am ehesten imstande, die „Nachfrage“ nach Gütern signifikant und sinnvoll (Bildung, Forschung, U-Bahnen, alternative Energien) zu steigern.

Das Juncker-Investitionsprogramm stellte eine sinnvolle Ergänzung zu höheren Staatsinvestitionen dar – ersetzen kann es sie meines Erachtens nicht.

Merkel & Schäuble scheinen aber entschlossen, das Sparprogramm bis zum bitteren Ende durchzuhalten: Dass die Wachstumszahlen, von denen sie jedes Jahr angekündigt haben, dass sie steigen würden, jedes Jahr gefallen sind, ficht sie nicht an.

Ihre Hauptsorge gilt der Gefahr, dass der „Süden“ – Professor Sinn nennt voran Spanien – angesichts neuerlich verbilligten Geldes „in seinen Reformbestrebungen erlahmt“. Nur dass man gerade dem spanischen Staat alles Mögliche, kaum aber mangelnde Sparsamkeit vorwerfen kann – bis 2007 hatte er mit 37 Prozent die halbe Staatschuldenquote Deutschlands. Dass sie jetzt höher ist, schuldet er der Arbeitslosigkeit und der Bankenrettung. Und die Banken musst er nicht retten, weil er, sondern weil seine Bürger soviel Überflüssiges (Immobilien, deutsche Autos) erworben haben. Spaniens Problem, darin bin ich mit Sinn einig, waren seine im Verhältnis zur niedrigen Produktivität viel zu rasch gestiegenen Löhne, die seine Wettbewerbsfähigkeit gemindert haben.

Aber das Lohnniveau ist in erster Linie eine Frage von Kollektivverträgen. Der eiserne Kündigungsschutz, der Anstellungen massiv verhinderte, ist jedenfalls gefallen. Und das überhöhte Lohnniveau mit ihm.

Es ist irritierende deutsche (österreichische) Überheblichkeit, der Bevölkerung des Südens Einsicht in schmerzhafte wirtschaftliche Notwendigkeiten zu bestreiten.