<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Regenschirm statt Markt

Die Griechenland-Strategie der EU hat die Börsen begeistert, schlechte Banker belohnt und die Marktgesetze außer Kraft gesetzt – mit unbekannten Folgen.

Wenn man den Zustand der Wirtschaft an den Börsenkursen misst, geht es der EU glänzend: Die Kurs­rallye des nach-griechischen Montag sucht ihresgleichen.

Ich neige nicht zu dieser Sicht, sonst wäre ich 2002 nicht trotz boomender Börsen von einer kommenden Finanzkrise der USA überzeugt gewesen. Börsen boomen, wenn das Geld billig ist und die Zentralbank die Angst vor dem Risiko minimiert: Derzeit ist Geld so billig wie noch nie, und der EU-„Rettungsschirm“ hat die Angst vor dem Risiko so erfolgreich minimiert, wie das seinerzeit Alan Greenspans Überzeugung vom Segen der „New Economy“ tat.

Der aktuelle Aktienboom hat schon seit 2007 US-Charakter: Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind wieder abwegig hoch – und das, obwohl die Aussichten der Unternehmen auf dauerhafte Gewinne angesichts der längst nicht überstandenen Wirtschaftskrise weit schlechter als damals sind.
Ich verstehe aber viel zu wenig von Wirtschaft, um aus alledem nun den umgekehrten Schluss zu ziehen: dass die EU – wie seinerzeit die USA – ihre Krise und mit ihr die Anpassung an die wirtschaftliche Realität nur hinausschiebt und solcherart nur die Höhe des nachfolgenden Falls vergrößert.

Denn auch die USA sind nach Greenspan nur noch größere Schulden eingegangen, und das Zentralbanksystem Fed hat den Diskontsatz weiter auf Tiefststand belassen – trotzdem steigt die Wirtschaftsleistung der USA wieder an, und der Dollar, dessen Wert mein Mentor, Professor Erich Streiss­ler, schon bei 50 Cent gesehen hat, hält sich mit dem Euro auf Augenhöhe (vielleicht, weil die EU an der US-Krise kaum minder gelitten hat als die USA selbst: Wenn man heruntergewirtschaftete Schuldscheine – von Subprime-Papieren bis zu Dollars – in Zahlung genommen hat, steht man am Ende nicht viel besser da als der, der sie ausgestellt hat).

Die größten Kurssprünge – bis zu 25 Prozent – haben die Aktien spanischer Banken gemacht, aber auch die Deutsche Bank ist noch aberwitzig gestiegen. Das ist insofern logisch, als alle Banken – spanische und französische ganz besonders – hoch verzinste griechische Staatsanleihen gehortet haben. Griechenlands Pleite hätte also zu einer ähnlichen Finanzkrise geführt wie das seinerzeitige Horten von „faulen“ US-Subprime-Papieren durch die gleichen Banken – man hätte etliche von ihnen „retten“ müssen.

Auch die Vorgeschichte ist ähnlich: So wie die großen US-Ratingagenturen die faulen US-Papiere die längste Zeit als sicher bewertet haben, haben sie auch die griechischen Anleihen die längste Zeit nicht als gefährdet bezeichnet – ehe sie diese kürzlich zu „Ramsch“ erklärten. Standard & Poor’s & Co können offenbar gar nicht oft genug irren, dass man sie als unbrauchbar einstuft und ihnen durch eine EU-Agentur zumindest Konkurrenz beschert.

So wie die meisten Banker seinerzeit nicht in der Lage waren, die US-Subprime-Probleme von sich aus richtig einzuschätzen, durchschauten sie auch die griechischen Probleme nicht rechtzeitig. Die diesbezügliche Fähigkeit von Managern, die das 300-Fache jedes Bürgers verdienen, war einmal mehr unterm Hund (und der „Markt“, auf dem sich ihre Einkommen angeblich bilden, ist es seit Langem). Da die EZB den Banken gleichzeitig – siehe oben – jede Menge Geld zu den günstigsten Konditionen aller Zeiten zur Verfügung gestellt hat, haben diese Banken damit jede Menge griechischer und sonstiger Staatsanleihen erworben, weil das einfacher war und ihnen sicherer schien, als dieses Geld in Form von Krediten an die Realwirtschaft weiterzugeben.

Statt dass sie dafür durch Verluste bestraft worden wären, hat die EU dieses Fehlverhalten durch ihren „Regenschirm“ für Pleite-Kandidaten belohnt, denn mittlerweile sind fast alle Banken „too big to fail“.
Vielleicht lässt sich doch irgendwann ein eigenes Studienfach „Bankmanagement“ einrichten, in dem diese Herren, die uns und sich selbst als der Gipfel der Wirtschaftswissenschaften erscheinen, diese tatsächlich (anstelle von Jura) erlernen.

Auch sonst wurden die Grundprinzipien „kapitalistischen“ Wirtschaftens anlässlich der griechischen Krise reihenweise vernachlässigt: Theoretisch sollte ein schlecht wirtschaftender Staat ja durch teure Kredite zum Sparen gezwungen werden – Griechenland bekommt Kredite stattdessen in Zukunft besonders günstig, um sich zu erholen. Vielleicht ist das richtig und wäre in der Vergangenheit auch ­gegenüber vielen kriselnden Entwicklungsländern richtig gewesen – aber vielleicht ist es auch grundfalsch und greift nun auf Portugal, Spanien und Italien über.

Dass die EU zu Haftungszwecken einen gemeinsamen Fonds geschaffen hat, scheint mir eher vernünftig – es nähert sie den USA an: Dort hat der Dollar kaum darunter gelitten, dass das riesige Kalifornien so gut wie pleite ist und dass auch andere US-Bundesstaaten an der Pleite schrammen, denn die USA in ihrer Gesamtheit gelten ihren Gläubigern weiterhin als guter Schuldner – warum sollte das für die EU anders sein.

Entscheidend wird sein, ob, nachdem man den „Markt“ rundum außer Kraft gesetzt hat, jene anderen Mechanismen greifen, die verschuldete Staaten zu marktgerechtem Verhalten – nämlich zum Sparen – zwingen sollen. Angela Merkel hat gemeint, die EU müsse den Ausschluss aus der EU als Sanktionsmöglichkeit in ihre Verträge aufnehmen. Ob das einfacher ist, als solche Sanktionen doch dem Markt zu überlassen, wage ich nicht zu beurteilen.

peter.lingens@profil.at