<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Rom ist nicht zu reformieren

Der Papst bestellt nur seinesgleichen zu Kardinälen – die Kardinäle bestellen nur ihresgleichen zum Papst.

„Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit Dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen“, leitete der Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Sodano, die Ostermesse am Petersplatz ein, und Papst Benedikt XVI. dankte es ihm mit einer Umarmung.

Nachdem der Papst in seiner Predigt mit keinem Wort auf die rundum aufgebrochenen Missbrauchsfälle eingegangen war, bejubelten fünfzehntausend versammelte Gläubige seinen Segen urbi et orbi.
Mehr ist zu der Hoffnung, dass Joseph Ratzinger Einkehr halten und die katholische Kirche sich von innen heraus erneuern könnte, nicht zu sagen. „Seit Papst Wojtyla bestellen die Päpste nur mehr erzkonservative Kardinäle, die den nächsten erzkonservativen Papst wählen, der die nächsten erzkonservativen Kardinäle bestellen wird. Nur ein Wunder kann diese Abwärtsspirale durchbrechen“, habe ich vor einem Jahr die „Ansichten ­eines Außenseiters“ formuliert und kritisch hinzugefügt: „Katholiken glauben an solche Wunder, und manchmal – siehe Johannes XXIII. – ereignen sie sich auch, aber nicht religiöse Menschen wie ich denken in politischen Strukturen: Eine im Kern undemokratische Struktur, zu der sich die Beteiligten ganz offen als einer Grundfeste bekennen – ­,Kirche kann nicht demokratisch sein‘ –, muss immer wieder all die Probleme produzieren, die dazu geführt haben, dass vergleichbare politische Systeme in allen entwickelten Gesellschaften abgelöst wurden.“

Der praktizierende Katholik Erhard Busek, der mein Buch vorgestellt hat, konnte mir „bei aller sonstigen Zustimmung“ in Bezug auf seine Kirche nicht folgen. Mittlerweile sieht auch er „keine Strategie, wie die Kirche ihr Überleben sichern will“, und meint stattdessen, „dass alle Kirchenoberen, die ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden sind, auf Knien den Berg hinaufrutschen sollten“.

Nur dass das angesprochene Problem auch damit in keiner Weise gelöst würde. Es ist nun einmal ein strukturelles: Die Mitglieder einer aufgeklärten Gesellschaft glauben an die Mitwirkung der Basis bei der Kür der Spitze. Dass die katholische Kirche das so kategorisch ablehnt, kann ihr innerhalb dieser Gesellschaft nicht zum Vorteil gereichen.

„Glaube ich zumindest“, habe ich diese Überlegung schon seinerzeit eingeschränkt. „Es ist leider nie auszuschließen, dass sich viele Menschen die Unterwerfung unter eine undemokratisch bestellte ,unfehlbare‘ höchste Instanz wünschen. Sonst hätte die evangelische Kirche wesentlich mehr Zulauf vonseiten verärgerter Katholiken.“

Schließlich bietet sie alles, was die Reformplattform „Wir sind Kirche“ fordert: Bischofswahlen, weibliche Priester, vernünftigen Umgang mit Hetero- wie Homosexualität und keinen Zölibat – und ist dennoch in unseren Breiten stärker geschrumpft als die katholische Kirche trotz ihrer keineswegs ganz neuen Skandale. (Weltweit nimmt die Anzahl der Katholiken sogar ständig zu.)

Wäre es tatsächlich so, dass vor allem die Botschaft Jesu die Gläubigen eint, so wäre es ungleich logischer, wenn sie diese Vereinigung derzeit in der evangelischen Kirche suchten. Aber in Wirklichkeit hat die irrationale Unterwerfung unter eine irrationale Obrigkeit ihre eigene Faszination: Ich bin schon sehr froh, wenn der Papst und nicht Adolf Hitler sie nutzt.

„Schönborn will der nächste Papst werden“, schloss ein Leser im „Standard“ aus einer Kolumne Hans Rauschers, der dem Kardinal attestierte, als einziger Kirchenfürst ­adäquat zu den Missbrauchsvorwürfen Stellung genommen zu haben. Tatsächlich war sein Bußgebet ein rarer Lichtblick. Sätze wie „Ungeheure Schuld ist in diesen Wochen offenbar geworden. Es ist Schuld Einzelner; es ist Schuld geronnen in Strukturen, Verhaltens- und Denkmustern …“ klingen gut und überzeugend.

Nur erinnere ich mich der Reaktion des Erzbischofs Christoph Schönborn, als profil aufzeigte, dass Kardinal Hans Hermann Groer sich an Kindern vergangen hatte: „Seit der Zeit des Nationalsozialismus“, tönte Schönborn damals, „hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken gegen die Kirche nicht mehr gegeben.“

Erst als die Vorwürfe zur Flut anschwollen, handelte Rom, und Groer zog sich – freilich ohne Schuldeingeständnis – zurück. Jetzt erzählte der Kardinal im ORF von seinen Schwierigkeiten, wenigstens diese Lösung in Rom durchzusetzen – damals reagierte er genau so, wie man im kirchlichen ­Apparat reagieren muss, wenn man Kardinal und vielleicht Papst werden will.

Ich fürchte, das ist auch die einzige Chance der Kirche auf Reform: ein Kardinal, der sich erzkonservativ aufführt, auf diese Weise erreicht, von erzkonservativen Kardinälen zum Papst gewählt zu werden – und sich am Ende als Reformer entpuppt. Psychologisch keine ganz leichte Aufgabe. Schönborn schien dazu das Zeug zu haben: Er war höchst glaubwürdig erzkonservativ, bis er zum Kardinal aufgestiegen ist und gibt sich nun in entscheidenden kritischen Bereichen – von der Priesterweihe für Frauen über den Zölibat bis zum Verständnis für geschiedene Eheleute – erstaunlich diskussionsbereit, weil er zu Recht das Gefühl hat, dass seine Kirche in Europa nicht anders überleben kann.

Ich fürchte nur, dass sein Paradigmenwechsel zu früh kommt: Rom braucht zwar dringend einen Reformpapst – aber die Kardinäle werden nur einen wählen, der sich bis ­zuletzt als Konservativer gebärdet hat.

peter.lingens@profil.at