<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Scheitern die USA an Keynes?

Ist Obamas Verpflichtung zu staatlichem Sparen unerlässlich – oder der sicherste Weg in die Depression?

Die USA erleiden derzeit den Zustand der großen Koalition: Zwei Parteien mit diametral entgegengesetzten Ansichten mussten zu einer „gemeinsamen Lösung“ finden. Also haben sich die Republikaner, die die Ausgaben drastisch senken wollen, um die Wirtschaft anzukurbeln, mit den Demokraten, die sie drastisch erhöhen wollen, um die Wirtschaft anzukurbeln, darauf geeinigt, die Schuldenobergrenze um 2,4 Billionen Dollar anzuheben – nur muss ­Barack Obama 2,5 Billionen einsparen. Wie in Österreich waren die Konservativen die besseren Pokerspieler.

Auch die Reaktionen sind einander diametral entgegengesetzt: Für die Chefin des IWF, Christine Lagarde, ist das Sparprogramm „ein wichtiger Schritt zur Konsolidierung“, dem weiteres Sparen folgen müsse. Für den Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2008, Paul Krugman, ist staatliches Sparen inmitten einer Rezession dagegen „das Schlimmste, was man tun kann“: Es würde die Rezession vertiefen und nicht einmal die Budgetprobleme lösen, weil eine noch schlechter laufende Wirtschaft noch weniger Steuern abliefern würde.

Mit John Maynard Keynes ist Krugman überzeugt, dass der Staat im Zuge von Rezessionen nicht sparen, sondern massiv investieren muss, damit der Wirtschaftsmotor anspringt. Letztlich ist dies die Gretchenfrage: Funktioniert Keynes? Und wie?

Krugman argumentiert, dass alle Finanzminister im Zuge diverser Nachkriegsrezessionen im Sinne von Keynes das Geld verbilligt und damit Erfolge eingefahren haben.

Zumindest darüber, dass die Diskontsätze gesenkt und Großbanken von Staats wegen vor Pleiten bewahrt werden müssen, war man auch 2008 einig. Aber ob die USA oder die EU sich auch höher verschulden sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln, beurteilen schon Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sehr unterschiedlich: Schließlich hat die enorme Staatsverschuldung der USA die Krise ausgelöst, und Merkel will nicht glauben, dass man Schulden mit noch mehr Schulden bekämpfen kann.

Meist wird die Bewältigung der Weltwirtschaftskrise durch Franklin D. Roosevelt als Gegenbeweis ins Treffen geführt: Indem er die Staatsschuld von 23,4 Milliarden Dollar im Jahr 1934 auf 48,9 Milliarden im Jahr 1939 mehr als verdoppelte, finanzierte Roosevelt staatliche Großaufträge, Sozialprogramme und eine Arbeitslosenunterstützung.

Das Resultat fiel freilich keineswegs berauschend aus: Die Arbeitslosenrate, die 1933 mit 25 Prozent ihren Höchststand erreicht hatte, ging bis 1938 lediglich auf 18,5 Prozent zurück. Manche liberale Ökonomen ziehen daraus den Schluss, dass Keynes in Wahrheit gar nicht funktioniert hat: Der festgestellte geringfügige Aufschwung sei nichts anderes als die auf jeden Tiefpunkt folgende Erholung gewesen. Von einem auf vollen Touren laufenden Wirtschaftsmotor konnte jedenfalls nicht die Rede sein.

Mein verstorbener Kollege Franz G. Hanke hielt dem exakt das Argument entgegen, das Krugman für die Gegenwart bereithält: Konservative Ökonomen hätten in Zusammenhalt mit den Republikanern dafür gesorgt, dass Roosevelt, wie jetzt Obama, nie aus dem Vollen schöpfen, sondern immer nur viel zu zaghafte Maßnahmen setzen konnte. (Auch damals wurde Roosevelts Politik als „sozialistisch“ diffamiert, und die Republikaner malten den Staatsbankrott und eine überschießende Inflation an die Wand.)
Als der Zweite Weltkrieg faktisches, massives Deficit-Spending dann freilich zur „nationalen Notwendigkeit“ machte, kam der US-Wirtschaftsmotor sehr wohl auf Touren: 1941, als die Staatsverschuldung auf 55,3 Milliarden geklettert war, überholte das BNP mit 103,8 Milliarden endlich den Stand des Jahres 1929, kletterte 1943 auf 170 Milliarden (bei 141 Milliarden Schulden) und erreichte nach Kriegsende 180 Milliarden, wobei die Staatsschulden freilich auf 270 Milliarden gestiegen waren. Trotz dieser Schulden ging es den USA in der Folge bestens.

Aber wäre es ihnen nicht auf jeden Fall bestens gegangen, weil sie als Einzige über eine intakte Industrie verfügten? Und zeigt die Zahlenfolge nicht auch, dass zum Schluss ein Riesenaufwand für eine minimale Steigerung des BNP benötigt wurde? Krugman wendete ein: Entscheidend war dennoch die Initialzündung durch massives Deficit-Spending – danach ist der Motor von selber gelaufen und hätte keine Verschuldung mehr gebraucht.

Aber gilt das immer und überall? Die Japaner haben ihre Staatsschuld auf das gigantische Doppelte ihres jährlichen BIP gesteigert und riesenhafte Staatsaufträge vergeben – dennoch lahmt die Wirtschaft unverändert. Krugman entgegnete wohl, dass auch sie zu zimperlich gehandelt hätten: Ein Motor springt auch dann nicht an, wenn man bei zu schwacher Batterie endlos auf den Anlasser drückt.

Ich bin nicht sicher, wer in dieser wirtschaftswissenschaftlichen Auseinandersetzung Recht hat. Wenn es, wie ich meine, letztlich Krugman ist, treten die USA in ein Jahrzehnt der Depression ein. Wenn Lagarde Recht hat, dauert es zehn Jahre, bis sie sich erholen. Beides wird nicht ohne Folgen für uns sein.

peter.lingens@profil.at