<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Schul-Ungerechtigkeit

Waldorfschulen leisten das Gleiche wie öffentliche Schulen für weniger Geld – der Staat fördert sie trotzdem ungleich weniger als katholische Privatschulen.

Der „Standard“ rühmt das Unterrichtsministerium, weil es die Förderung für „nicht konfessionelle Privatschulen“ – voran Waldorf- und Montessorischulen – im vergangenen Jahr fast verdoppelt hat. Verglichen mit den lächerlichen Förderungen dieser Schulen in der Vergangenheit, ist das tatsächlich ein Ruhmesblatt, aber verglichen mit der Förderung konfessioneller Privatschulen – im ­wesentlichen katholischer Schulen –, ist es immer noch ­lächerlich.

Und verglichen damit, was öffentliche Schulen die Österreicher kosten, müssten sie aufschreien: Während Waldorfschulen sich in der Lage sehen, ihre Schüler für 5000 Euro pro Jahr zu betreuen, von denen ihnen der Staat nur gerade 1000 Euro ersetzt, kostet ein Schüler öffentlicher Schulen den Steuerzahler im Durchschnitt 7000 Euro (zu denen sich weitere 1500 Euro allgemeine Verwaltungskosten addieren).

Ich habe an dieser Stelle (und in einem kaum gelesenen Buch) einmal versucht, ein alternatives Schulsystem zu propagieren, das auf privaten Schulen basiert, in dem das Betreiben von Schulen als privatwirtschaftliche Unternehmen, mit Lehrern als ganz normalen Angestellten, erleichtert wird und standardisierte Prüfungen die vom Staat ­vorgegebenen Leistungsstandards sicherstellen. Die Finanzierung sollte entweder erfolgen, indem alle Eltern Schulschecks erhalten, die sie in der Schule ihrer Wahl abgeben, oder indem der Staat jeder Schule pro Schüler ­einen bestimmten Betrag überweist. Als Vorteile habe ich eine befruchtende Konkurrenz und die größere Vielfalt der Unterrichtsmethoden gesehen.

In Kenntnis der Kostenseite füge ich jetzt hinzu: Und billiger wäre dieses System außerdem noch. Der Erste, der sich dafür eingesetzt hat, war zwar der „rechte“ Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Milton Friedman, aber das einzige Land, in dem dieses System bereits verwirklicht ist, ist das „linke“ Schweden: Es wurde dort zwar von der Mitte-rechts Regierung eingeführt, aber es hat sich in den Augen der Eltern derart bewährt, dass die Sozialdemokraten es beibehalten haben.

Mir ist klar, dass Österreich viel zu starr ist, dergleichen umwälzende Reformen auch nur anzudenken, aber warum kann man die dringend nötige „Innovation“ im Schulwesen nicht wenigstens befördern, indem man den Sektor der privaten Schulen fühlbar ausbaut? Schließlich geben SP- und VP-Granden ihre Kinder nur zu gerne in Privatschulen – warum wollen sie das Volk nicht etwas gleichberechtigter an dieser Möglichkeit teilhaben lassen, indem sie diesen privaten Schulen die zitierten 5000 Euro Förderung pro Schüler zuschießen, womit sie immer noch weit billiger als „öffentliche Schulen“ kämen? Die ÖVP sollte sich theoretisch dafür begeistern, fordert sie doch ständig „weniger Staat, mehr privat“. Und die SPÖ kann eigentlich schwer etwas gegen mehr Chancengleichheit haben: Das derzeitige Klassen-Schulsystem – hier sündteure Privatschulen, die sich nur „Reiche“ ­leisten können, dort die kostenlosen Pflichtschulen, dazwischen die katholischen Privatschulen, die dank vernünftiger Förderung vergleichsweise preiswert sind – wiche einem System, in dem fast jeder in jede Schule gehen kann, denn selbst die teuersten Privatschulen würden erschwinglich.

Erstaunlicherweise (oder doch nicht) steht die „rote“ Unterrichtsministerin Claudia Schmied den „Privaten“ jedenfalls aufgeschlossener gegenüber als ihre „schwarze“ Vorgängerin Elisabeth Gehrer, bei der die „freien Schulen“ mit grotesken 1,7 Millionen Euro gegenüber derzeit immerhin 4,2 Millionen pro Jahr gefördert wurden.

25 Millionen jährlich – weit weniger, als die Regierung für „Werbung“ ausgibt – wären nötig, um die Förderung der freien Privatschulen von den derzeit 1000 Euro pro Schüler auf jene 5000 Euro anzuheben, die diese Schul­betreiber bisher vergeblich fordern.

Sachliche Einwände, die ich seinerzeit auch aus eigener Waldorf-Erfahrung erhoben hätte, sind seit Langem nicht mehr haltbar: Die Waldorfschulen haben beim PISA-Test mitgemacht, und ihre Schüler schneiden dort genauso gut (oder schlecht) wie der österreichische Durchschnitt ab, wenn man davon absieht, dass sie größeres Interesse an Naturwissenschaften zeigen.

Vielleicht lässt sich ihrer Forderung nach adäquater Förderung durch eine Klage bei der Wettbewerbsbehörde der EU Nachdruck verleihen, denn Privatschulen sind unter anderem auch Wirtschaftsunternehmen: Derzeit sind die katholischen Privatschulen gegenüber den nicht konfessionellen Privatschulen finanziell erheblich bevorzugt, was den Wettbewerb entsprechend verzerrt.

Ich schreibe das freilich nicht, weil ich den katholischen Privatschulen übelwill – sie leisten trotz der aktuellen Vorwürfe eine Menge –, sondern weil die nicht konfessionellen Privatschulen ihnen endlich gleichgestellt gehörten.

Vielleicht prüft der Finanzminister trotz jener „größeren Probleme“, die derzeit jedes detaillierte Denken ersticken, aber auch freiwillig, ob etwas mehr „privat“ in Bezug auf unser Schulwesen nicht letztlich preisgünstiger wäre. Und die Unterrichtsministerin denkt gleichzeitig darüber nach, ob etwas mehr Geld für die freien Privatschulen ihre Reformen nicht mindestens so sehr beförderte wie die „neue Mittelschule“ – schließlich sind die Waldorfschulen durchwegs Gesamtschulen, meist auch mit Nachmittagsbetreuung.

peter.lingens@profil.at