<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Sicher sind vorerst die Arbeitslosen

Unklar ist nach wie vor, wie weit die (Neo-)Keynesianer gegen die (Neo-)Liberalen Recht behalten.

Obwohl immer mehr Ökonomen die Rezession als überwunden bezeichnen, hat Barack Obama zurzeit Ge­genwind. Er musste bei einem seiner wichtigsten Reformvorhaben – der allgemeinen Krankenversicherung – zurückstecken: Der rechte Flügel seiner eigenen Partei will dem Staat ihre Kosten nicht zumuten. Sollte Obama scheitern, büßen es nicht nur die sozial schwachen Kranken, sondern es wird auch erheblichen Einfluss auf die Arbeitslosenrate haben: Das Gesundheitssystem ist jener Bereich der Dienstleistungen, in dem am ehesten eine deutliche Zunahme der Beschäftigung denkbar ist. Und an der Beschäftigungsfront gibt es derzeit wenig ­positive Neuigkeiten – weder in den USA noch irgendwo sonst.

Christian Rainer hat sich schon ein wenig über die Ansicht des „Zeit“-Herausgebers Josef Joffe amüsiert, wonach die Krise „vorbei“ sei, weil die Erholung der Aktienmärkte angeblich ein „klassischer Frühindikator“ der wirtschaftlichen Erholung ist. 1926 hatten sich diese Märkte nach dem Tief von 1921 triumphal erholt – bis 1929.

Natürlich ist es auch heuer, nach dem massivsten Kursrutsch aller Zeiten, zu einer „Erholung“ der Börsen gekommen. Die Frage ist nur, ob das mit einer nachhaltigen Erholung der realen Wirtschaft gleichzusetzen ist. Und vor allem, für wen die Krise vorbei ist: Ich bin schon Ende Juni auf ­einen Finanzberater getroffen, der unter anderem die Vermögen arabischer Ölscheichs verwaltet und mir versicherte: „Meine Kunden verdienen schon wieder ausgezeichnet.“ Meine freischaffenden Kollegen leider nicht. Sie bekommen bei immer weniger Aufträgen immer weniger Geld. Dabei ist Journalismus eine Dienstleistung und von der ­Arbeitslosigkeit weit weniger betroffen als die Güterpro­duktion. Dass die Krise „vorbei“ ist, wird man wohl erst sagen können, wenn das Gros der arbeitswilligen Menschen wieder einen menschenwürdig bezahlten Job hat.

Die USA, so ergaben die jüngsten Berechnungen, werden aufgrund des Obama-Pakets in zehn Jahren mit achtzig Prozent ihres BIP verschuldet sein. (Das kleine Österreich schon demnächst.) Die Republikaner sehen in diesem Auftürmen eines gigantischen Schuldenbergs kein Kurieren, sondern ein Verlängern der Krise, und eine Reihe (neo)liberaler Wirtschaftswissenschafter ist bei ihnen: Die Zahlungsfähigkeit der USA könnte in Diskussion geraten. Milton Friedmans Wahrspruch „Es gibt nichts umsonst“ klingt ihnen in den Ohren: Wenn die USA sich in einer Klemme befänden, weil sie zu viel ausgegeben hätten, dann müsste letztlich irgendwann gespart statt noch mehr ausgegeben werden. Sie zweifeln zwar nicht an Keynes’ Rezept, dass der Staat in einer Krise mit einem finanziellen Stimulus gegensteuern müsse, aber sie kritisieren Größe und Zusammensetzung des Obama-Pakets. Und auch der Wiener Nationalökonom Erich Streissler meint, dass viele Abgeordnete eher das Lieblingsprojekt ihrer Region auf Kosten zukünftiger Steuerzahler darin untergebracht hätten.

Dagegen streut der Nobelpreisträger des Jahres 2008, Paul Krugman, den USA in seinem jüngsten Buch „Die neue Weltwirtschaftskrise“ Blumen: Sie hätten Gott sei Dank nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die EU hingegen hätte „im Unterschied zu den USA“ nicht mit der gebotenen Energie reagiert. Insbesondere Frau Merkel scheine das Ausmaß der Gefahr „einfach nicht zu begreifen“, sondern habe erklärt, sich „nicht an einem sinnlosen Wettbewerb um Milliarden zu beteiligen“. Ihr ahnungsloser Finanzminister Peer Steinbrück habe sogar andere, vernünftigere Regierungen wegen eines „krassen Keynesianismus“ angegriffen. Ich weiß nicht, wer in dieser Auseinandersetzung Recht hat: Wenn die Krise, wie Joffe meint, im kommenden Jahr wirklich vorbei ist, haben wohl jene Finanzminister Recht, die jede Menge Schulden eingegangen sind – Keynes konnte dann gar nicht „krass“ genug durchgezogen werden. Ich hoffe es von Herzen. Obwohl auch ich mit der Vorstellung Probleme habe, dass eine Krise, die durch die Überschuldung der USA entstanden ist, durch eine noch größere Überschuldung nicht nur in ihrem akuten Verlauf eingebremst, sondern überwunden werden kann.
Aber ich bin ein blutiger Laie.

Was ich hingegen zu wissen glaube, ist, dass die Arbeitslosigkeit in nächster Zeit explodieren wird, obwohl die Aktienkurse sich erholen. Denn große Unternehmen verdienen ja auch bei etwas geringerem Umsatz recht gut – vor allem, wenn sie weiterhin Personal einsparen. Dort, wo die Kapazitäten seit Jahren zu groß sind – etwa in der Automobilindustrie –, gilt das ganz besonders: Noch so viele Abwrack-Prämien können den Personalabbau nicht nachhaltig verhindern, nur etwas verlangsamen.

Weder die (Neo-)Keynesianer noch die (Neo-)Liberalen scheinen mir diesen Aspekt der Krise ausreichend zu berücksichtigen: dass sie zu einem Teil auch auf der „Sättigung“ vieler Bedürfnisse beruhen könnte, die in der Nachkriegszeit noch sehr dringend, dann aber zunehmend nur mehr prestigeträchtig gewesen sind. Man kann vielleicht doch genug Schuhe, Autos, Fernseher, Waschmaschinen haben. Erich Streissler meint, dass neue Dienstleistungen die Arbeitsplätze schaffen werden, die in der Güterproduktion verloren gehen. Ich hoffe zu Gott, dass er Recht hat.

peter.lingens@profil.at