<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Spanische Verhältnisse

Spaniens Wirtschaft hat gewaltige strukturelle Schwächen, die jetzt immer offener zutage treten. Die Arbeitslosigkeit ist unübersehbar.

Während die Österreicher sich freuen können, dass ihre im internationalen Vergleich extrem niedrige Arbeitslosigkeit sogar zurückgeht, ist die Arbeitslosigkeit von über zwanzig Prozent in meiner zweiten Heimat Spanien nicht mehr zu übersehen: Sie hat aufgehört, eine statistische Größe zu sein, die man in der Zeitung liest – sie springt täglich ins Auge. An jedem zweiten Mast hängen Zettel, an ­denen man die Telefonnummern von Männern und Frauen abreißen kann, die Arbeit suchen. Es gibt keinen Tag, an dem nicht mindestens drei Leute an unserer Haustür läuten, um zu fragen, ob wir nicht Arbeit für sie hätten: Sie wollen Wände errichten, ausmalen, Bäume schneiden, putzen – was immer wir wollen. Unser Postkasten ist mit entsprechenden Anfragen voll.

Noch vor zwei Jahren war hier in Marbella keine einheimische Putzfrau unter zwölf Euro zu bekommen, und Baumeister waren auf ein halbes Jahr ausgebucht.

Jetzt gibt es abertausend unverkäufliche Apartments mit Blick auf die Autobahn, und in unserer Straße ist jedes vierte Haus zu verkaufen. Die Eigentümer verlangen die alten Preise – aber sie lassen sich auf die Hälfte herunter­handeln.

Der Einbruch der Bauwirtschaft hat Andalusien ein Drittel seiner Wertschöpfung gekostet.

Aber nicht nur zahllose Bauarbeiter, auch unsere kubanischen Freunde, die ihr Geld als Barmixer, Kellner oder Türsteher im Tourismus verdienten, sind durchwegs arbeitslos. Die vergangenen Tage habe ich einen von ihnen von Lokal zu Lokal begleitet: Die Geschäftsführer lachen, wenn man sie fragt, ob es irgendeine Arbeit – bis hinunter zum Toilettenputzen – gäbe. In Granada, wo wir uns – verrückt genug – an einem Tanzlokal beteiligt haben, konsumieren die jungen Gäste einmal die Woche für einen Euro pro Abend und wollen dafür zwei Bier. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt über 40 Prozent.

In „El País“ wurde der Chef einer Großbank zitiert, der meinte, die Finanzkrise sei „eine Grippe“ im Vergleich zu Spaniens mangelnder Wettbewerbsfähigkeit – sie sei der „Krebs“ des Landes.

In der Produktivität hinken die Spanier ihren französischen Nachbarn um 20 Prozent hinterher, und zudem ist sie in den letzten Jahren langsamer als überall sonst gewachsen. Es gibt ungleich weniger Großbetriebe als in allen ent­wickelten EU-Ländern, und innerhalb dieser ist der ­Anteil an Hochtechnologie-Unternehmen minimal.

Einzig beim Einsatz alternativer Energien liegt Spanien vergleichsweise gut.
Sonst ist es nach wie vor ein unterindustrialisiertes Land, und es ist schwer zu sehen, woher große Industrieinvesti­tionen kommen sollen: Von Italien über Frankreich bis Deutschland gibt es Überkapazitäten, und die spanischen Löhne sind längst nicht so niedrig wie in den neuen EU-Ländern im Osten.

Diese anhaltende Unterindustrialisierung wird nicht durch einen modernen Dienstleistungssektor – etwa im EDV- oder Finanzbereich – ausgeglichen. Und der tradi­tionelle Dienstleistungssektor ist ein zweites Krisenzentrum: Spaniens Fremdenverkehr brechen die Einnahmen weg.

Wieder kann man das an unserer Küste, der Costa del Sol, hautnah miterleben. Die Hotels gewähren, wie auch überall sonst, gewaltige Preisnachlässe, die Gäste geben ungleich weniger aus. Es wird wieder deutlich mehr Spanisch und ungleich weniger Deutsch oder Englisch gesprochen. Vor allem der Rückgang des England-Tourismus tut weh: Seit die dortige Wirtschaft und mit ihr das Pfund einen so starken Einbruch erlitten haben, kann die britische Mittelklasse hier nicht mehr prassen.

Dazu kommt der Mangel an Qualität. Das Preis-Leistungs-Verhältnis im spanischen Tourismus stimmt hinten und vorne nicht. Ein spanisches Viersternehotel hätte bei uns drei Sterne, von den Frühstücksbuffets, die unsere Dreisternehotels bieten, können spanische Luxushotels nur träumen. Die Preise in den Restaurants der Costa del Sol (keineswegs nur in Marbella) sind höher als in Wien (obwohl Nahrungsmittel nach wie vor weniger kosten), die Qualität ist gelegentlich erschütternd. Da wurde durch ­Jahre versäumt, die innere Einstellung zur Dienstleistung zu ­ändern: „Was wollen Sie, das ist sowieso nur für die Touristen“, belehrte uns der Ober in einem Restaurant der Gruppe Pesquéra (die zur oberen Kategorie zählt), als wir uns über zähes, kaum zu beißendes Fleisch beschwerten.
Erstklassig ist wirklich nur das Klima.

Spanien, das ist sein Problem, hat aufgehört, ein Billigland zu sein, aber es hat noch keineswegs die inneren Strukturen eines Landes, das höhere Preise verlangen und höhere Löhne verdauen kann. Die Verschuldung der Haushalte hat dramatisch zugenommen, die wirtschaftliche Leistungs­fähigkeit ist nicht mitgewachsen und wird von einer sagenhaften Bürokratie zusätzlich unterminiert. Alle Verfahren und Bewilligungen dauern endlos, die Verwaltung baut rundum Hürden auf.

Gäbe es die Peseta noch, müsste die Regierung eine ­gewaltige Abwertung verfügen – so müssten die Menschen, die sowieso verschuldet sind, eigentlich Einkommensverluste hinnehmen, damit die Relationen wieder halbwegs stimmen. Im öffentlichen Dienst werden sie verfügt, in der Privatwirtschaft tritt Personalabbau an ihre Stelle – womit wir wieder beim Anfang dieses Textes wären.

peter.lingens@profil.at