<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Theaterfürstliches

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Theaterfürstliches

Matthias Hartmann war ein würdiger Vertreter einer „neuen Generation von Theaterleitern“: Nichts ist so wichtig wie das eigene Honorar.

Schon weil es der gelungenste Beitrag zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg ist, wollte ich hier den Besuch von „Picknick an der Front“ im Wiener Theater Scala empfehlen. Jetzt tue ich es, weil es Anschauungsunterricht zu den Problemen des Burgtheaters liefert: Scala-Intendant Bruno Max betreibt mit Subventionen von insgesamt 1,1 Millionen Euro drei Theater (*1) und stellt pro Jahr zehn bis zwölf Eigenproduktionen her, die zuletzt von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ über ­Nikolai Erdmans „Der Selbst­mörder“ bis zur eigenen Welt­krieg-I-Collage reichten. Soweit ich seine Shakespeare-Inszenierungen kenne, waren sie stets „burgtheaterreif“. Auch „Picknick an der Front“ lässt sich durchaus mit Hartmanns Highlight „Krieg und Frieden“ vergleichen. Nur dass es trotz ähnlich vieler Darsteller zirka 70.000 Euro gekostet hat – Hartmanns „Krieg und Frieden“ dagegen 413.000 Euro. (*2) Das ebenfalls für die Burgtheater-Spielstätte im Kasino produzierte „Wunschlose Unglück“ sogar 700.000 Euro.

Da Kasino und Scala annähernd gleich wenig Besucher fassen, ist es keinerlei Rätsel, weshalb Max mit seinem Budget irgendwie auskommt, während die Burg in der Saison 2012/2013 einen Verlust von 8,3 Millionen produzierte, obwohl sie der Steuer fünf Millionen schuldig blieb.

Wiens kleine Theater leben von der Selbstausbeutung ihrer Akteure – Wiens größte Theater leben von der Ausbeutung des Steuerzahlers: Fünf Millionen mussten den Vereinigten Bühnen zu ihrem Jahresbudget von 42 Millionen Euro „nachgeschossen“ werden, obwohl Musicals anderswo Gewinne machen. Daran gemessen erhält die Burg samt Akademietheater, Kasino und Vestibül „nur“ 46 Millionen, die der Inflation in der Tat seit Jahren nicht angepasst wurden – die Einkommen der meisten Bürger freilich auch nicht. Die mussten lernen, sich nach der Decke zu strecken. Auch Hartmann streckte – bei allen außer sich.

Seine Aktivität nüchtern bemessen: Er kann tatsächlich auf die beste Auslastung weit und breit verweisen. Allerdings hat er dafür auch die meisten Premieren – rund 30 im Jahr, davon zwölf an der Burg – gebraucht und das potenzielle Publikum damit zwangsläufig am besten ausgeschöpft. Nur dass die Mehreinnahmen aus dem Kartenverkauf ebenso zwangsläufig unmöglich die Mehrkosten so vieler Premieren decken konnten. Dass Hartmann darüber hinaus bei den meisten Produktionen bis zur Hälfte der Kosten als Honorare für sein „Leading Team“ – voran sich selbst – beanspruchte, während die Schauspieler durchaus nicht auf Rosen gebettet waren, nennt der Essayist Franzobel im „Standard“ unfein „Gier“: „Mit dem, was sich der Direktor so zusätzlich verdienen lassen hat, hätten die Existenzen von zumindest zehn Autoren, Schauspielern, Musikern grundgesichert werden können.“

Ich möchte es „systemisch“ formulieren: Hartmann gehört zur großen Zahl aktueller „Topmanager,“ für die „Geld“ der Maßstab ist: Das Burgtheater ist so toll, weil es das größte Budget aller europäischen Theater vorweist; „Wunschloses Unglück“, eine Inszenierung basierend auf Handkes Erzählung, ist so toll, weil allein der Projektor 350.000 Euro gekostet hat; und Hartmann selbst ist so toll, weil er eine Jahresgage von 400.000 Euro erreicht hat.

Den „Künstler“ Hartmann bewertet „Falter“-Journalist Wolfgang Kralicek in der „Süddeutschen Zeitung“ nicht ganz so hoch: „Die Raubkopie eines Theaterfürsten vom alten Schlag. Er gab sich egozentrisch und großmäulig wie Peymann oder Zadek, konnte diesen Vorbildern aber inhaltlich nicht das Wasser reichen.“

Ein wenig scheint mir die Verwechslung einer „Raubkopie“ mit einem „Original“ und einer großen Gage mit großer Kunst schon für Hartmanns Bestellung charakteristisch: VP-Kulturstaatssekretär Franz Morak erklärte ihn zum Exponenten einer „neuen Generation von Theaterleitern“, die Kralicek schlicht „Generation Gier“ nennt. Claudia Schmied verlängerte selbstverständlich seinen Traumvertrag, war sie doch ebenso selbstverständlich zur Ministerin aufgestiegen, obwohl sie in der Kommunalkredit 2,6 Milliarden Verlust hinterlassen hatte. Und auch für den Chef einer weitgehend überflüssigen Bundestheaterholding, der wie Georg Springer 261.700 Euro Jahresgage bezieht, ist rechnen wohl eher ein Fremdwort: Natürlich durfte Hartmann der Burg Inszenierungen verkaufen, für die ihn schon Zürich bezahlt hatte; natürlich musste er für jede neue Inszenierung Extra-Geld bekommen, ohne dass die Zahl der Inszenierungen begrenzt worden wäre; natürlich wurde nicht einmal definiert, was eine Inszenierung ist: Auch wenn Sona MacDonald und Maria Happel nach einer Idee von David Winterberg nur glänzend sangen, kassierte Hartmann 52.500 Euro.

Laut Holding-Statut ist Springer für „Controlling“ und „konzernweite interne Revision“ verantwortlich. Dass er nicht gleichzeitig mit Hartmann gehen musste, ist ein Rätsel, dem kein Kommentator auf die Spur gekommen ist. Ich auch nicht.n

PS: Wenn Sie wissen wollen, warum kleine Theater ­unverzichtbar sind, dann sehen Sie sich Elfriede Hammerls köstliche „Kleingeldaffäre“ im Wiener Theater Drachen­gasse an.

peter.lingens@profil.at

*1) Das Stadttheater Mödling, das die Gemeinde Mödling mit ca. 300.000 Euro subventioniert; das Theater im Bunker, zu dem Niederösterreich die gleiche Summe beiträgt; in Wien subventioniert die Stadt das Theater Scala mit 320.000 Euro. Der Rest auf 1,1 Millionen kommt vom Bund.

*2) An das „Leading Team“ (voran Autor und Regisseur) gingen dabei ca. 20.000 Euro – bei Hartmann waren es bei „Krieg und Frieden“ 205.000 Euro.