Peter Michael Lingens: Tod eines großen Theatermachers

Peter Michael Lingens: Tod eines großen Theatermachers

Ein winziges Theater im nördlichen Waldviertel erfolgreich zu führen, ist wahrscheinlich schwieriger als die erfolgreiche Führung des Burgtheaters.

Mit Harald-„Harry“- Gugenberger ist am 27. November der Gründer und Intendant des „Waldviertler Hoftheaters“ – eines für sich genommen kleinen, abgelegenen Theaters im hintersten Niederösterreich –im 62. Lebensjahr an Krebs gestorben.

Das ist deshalb von österreichweiter Bedeutung, weil dieses Theater einzigartig ist: in der ehemaligen Scheune eines Bauernhofes untergebracht; in der winzigen Ortschaft Pürbach gelegen (gute 15 Minuten Autofahrt auf teilweise winzigen Straßen von der nächsten großen Gemeinde, Gmünd, entfernt). Ein Ort, an dem sich die Füchse gute Nacht sagen, sagte man dazu in Wien, Graz oder Salzburg.


In einer Region, in der die Bevölkerung Theater sonst allenfalls aus zweiter Hand – via Fernsehen – konsumieren könnte, ist erlebtes Theater auf diese Weise Tagesgespräch.

Dennoch war dieses Theater an jedem seiner 100 Spieltage gut besucht, ja meist ausverkauft, obwohl es ein durchaus anspruchsvolles Programm bietet: Klassische Stücke, Stücke der etablierten Moderne, aber auch Hochaktuelles – zuletzt etwa „Crash“ wie es auch im mittlerweile leider geschlossenen Wiener Stadttheater Triumpfe feierte. Dazwischen Kabarett, Jazz, Soloabende jeder Art von Nina Proll bis Josef Hader.

In einer Region, in der die Bevölkerung Theater sonst allenfalls aus zweiter Hand – via Fernsehen – konsumieren könnte, ist erlebtes Theater auf diese Weise Tagesgespräch. An den Wirthaustischen umgebender Ortschaften von Schrems bis Zwettel, an die man sich zufällig setzt, weiß man selbstverständlich über die jüngste Aufführung des „Hoftheaters“ Bescheid.

Was in Wien gelegentlich dem „Theater in den Außenbezirken“ gelingt, nämlich auch Segmente der Bevölkerung zu erreichen, die man gemeinhin als „Theater-fern“ bezeichnet, gelingt dort seit zwei Jahrzehnten in sensationellem Ausmaß: 13000 Besucher pro Jahr in einem Einzugsgebiet von bestenfalls Hunderttausend.

Das ist eine gewaltige kulturpolitische und unternehmerische Leistung. Kulturpolitisch spricht sie ausnahmsweise für den Föderalismus: Dieses Theater hätte so nicht bestehen können, wenn Erwin Pröll es als „Landesfürst“ nicht gefördert hätte. Man muss ihm diesen Kranz flechten: Er hat wie kein anderer Landeshauptmann die Bedeutung von Theater und Musik für die Lebensqualität der Bevölkerung (und zweifellos auch für sein Image) erkannt. Die Landeshauptstadt St. Pölten hat seit Längerem ein hervorragendes „Landestheater.“ Es gibt keinen größeren niederösterreichischen Ort ohne Sommerspiele, darunter so gewichtige wie die Nestroyspiele in Schwechat oder die Festspiele Reichenau. Das Musikfestival von Grafenegg hat innerhalb weniger Jahre einen europäischen Spitzenrang erlangt.


Ein Theater im nördlichsten Eck Niederösterreichs erfolgreich zu führen, ist mindesten so schwierig wie die erfolgreiche Führung des Burgtheaters.

Aber es bedurfte einer ganz besonderen unternehmerischen Leistung, um in einem Nest wie Purbach ein hervorragendes Theater zu etablieren. Diese Leistung erbrachte Harry Gugenberger als Theater-Direktor wie als Gastronom: Bevor er die Glocke zum Einlass für eine Vorstellung läutet, nimmt man in einem perfekt gestalteten Gastraum des Bauernhofes oder dessen zauberhaften Garten eine Jause oder bereits das Abendessen ein oder sitzt dort nach der Vorstellung beisammen. Gugenberger gelang eine Kombination aus „Gasthaus“ und „Theater“, die ihresgleichen sucht und in meinen Augen Modell-Charakter hat: So müsste das auch anderswo wirtschaftlich funktionieren.

In beiden Bereichen war er Autodidakt. Als Gastwirt jemand, der genau wusste, welche Sessel man aufstellen muss, damit ein Gastraum „einladend“ wirkt, wo man Lampen oder Windlichter anbringt oder wie die „Sektbar“ eines Bauernhofs aussehen soll. Als Theaterdirektor jemand, der mit sicherer Hand Stücke auswählte, ja gelegentlich sogar in Auftrag gab, Regisseure beauftragte oder selbst inszenierte. Wenn er Fremdproduktionen übernahm, dann hervorragende: Zuletzt etwa Peter Grubers Inszenierung von „Spiel´s nochmal, Sam!“

Ein Theater im nördlichsten Eck Niederösterreichs erfolgreich zu führen, ist mindesten so schwierig wie die erfolgreiche Führung des Burgtheaters.

Deshalb war Gugenberger in meinen Augen ein großer Theaterdirektor.

Die kommende Spielsaison wird sein Sohn bestreiten. Er hat ihn seit zwei Jahren an diese Arbeit herangeführt, denn er wusste, dass er lebensgefährlich erkrankt war, auch wenn er es sich so wenig wie möglich anmerken ließ.

Auch auf ein eingespieltes Team kann sich Moritz Hierländer verlassen.
Im Einverständnis mit dem zuletzt ans Krankenbett gefesselten Vater wird der Betrieb nicht unterbrochen.

peter.lingens@profil.at