Peter Michael Lingens: Tsipras ist sicher nicht das Problem!

Peter Michael Lingens: Tsipras ist sicher nicht das Problem!

Geringe Produktivität und ungenügende Staatsmoral lassen sich weder durch Sparen noch durch die Drachme beseitigen.

Die Regierung Alexis Tsipras’ will dem Euro treu bleiben, einen Schuldenschnitt und das Ende der Troika und des Sparens. Merkel & Schäuble wollen keinen Schuldenschnitt, die Erfüllung der Troika-Wünsche und die Fortsetzung des Sparens. Sie können sich auch ein Ausscheiden der Griechen aus dem Euro vorstellen. Star-Ökonom Hans-Werner Sinn hält ihre Rückkehr zur Drachme sogar für das Beste, was ihnen und dem Euro passieren kann.
Mit ihm halte ich einen Schuldenschnitt für unvermeidlich: Griechenland kann Schulden von 320 Prozent des BIP unmöglich begleichen. Man wird den Schnitt aber nicht so nennen, sondern die Schuldenlaufzeit massiv ausdehnen, was fast aufs Gleiche hinauskommt, sich aber besser anhört und in Bankbilanzen besser liest.

Die Probleme Griechenlands – auch da bin ich ganz bei Sinn und Angela Merkel – bleiben freilich die alten: Das Lohnniveau ist für die geringe Produktivität noch immer zu hoch. Das beeinträchtigt Griechenlands Konkurrenzfähigkeit bis hinunter zum Joghurt. Ämter und Behörden funktionieren nicht. Die katastrophale Steuermoral entspricht der katastrophalen Korruption.

Es besteht aber zumindest die Chance, dass Tsipras’ neues, linkes Team das zum Besseren ändert.
Auch das änderte nichts an der Gretchenfrage, ob Griechenland im Euro bleiben soll oder mit der Drachme besser führe. Die mit der Drachme verbundene drastische Abwertung hat folgende Vorteile:
1. Auch bisher erfolgsarme griechische Produkte sind sofort wieder konkurrenzfähig, wenn sie billiger werden.
2. Das Verhältnis griechischer Preise zu griechischen Löhnen ändert sich vorerst nicht, was Schmerzen und Streiks vermeidet.

Dem stehen als Nachteile gegenüber:
1. Die Wurzel des Übels – zu geringe Produktivität bzw. Qualität der Produkte – wird übertüncht statt beseitigt.
2. Sehr bald steigen sehr wohl auch die Preise, weil in den meisten griechischen Produkten ausländische Komponenten enthalten sind, die sich durch die Abwertung extrem verteuern. Und weil griechische Erzeuger ihre Preise angesichts stark verteuerter ausländischer Konkurrenz bald anheben. Gegenläufig und positiv kann allerdings sein, dass sie sich bemühen, teure ausländische Produkte zu substituieren und Griechenlands Industrie dadurch eine Strukturverbesserung erfährt.

Eine griechische Wirtschaft, die dem Euro treu bleibt, vermeidet die Vor- wie die Nachteile. Ich gratuliere jedem, der zweifelsfrei weiß, was die bessere Alternative ist.

Persönlich bevorzuge ich die wirtschaftliche Wahrheit, wie sie sich im Euro exakter spiegelt. Leider ist sie Europäern schwer zumutbar: Sie (ihre Gewerkschaften) müssten nämlich, wie die Bürger kriselnder US-Bundesstaaten, ohne viel Aufregung Lohnsenkungen akzeptieren, bis Wettbewerbsfähigkeit erreicht ist; Unternehmen müssten die Preise viel rascher nach unten anpassen. Allerdings genießen US-Bundesstaaten bei dieser schwierigen Übung institutionalisierte Hilfe durch Transfers: Die Bundesregierung bezahlt die Arbeitslosen und gewährt Zuschüsse zu den Kreditzinsen, die auch bei kriselnden Bundesstaaten nie in den Himmel schießen, weil letztlich stets die USA in ihrer Gesamtheit haften.
Eine solche „Transfer-Union“ wollen Merkel & Schäuble für die EU unbedingt vermeiden – bis sie vielleicht bemerken, dass die gewährten Ad-hoc-Hilfen ungleich teurer kommen. So wie sie vielleicht irgendwann doch entdecken, dass ein „Sparpakt“ – der auch für reichste, funktionierende Staaten, voran Deutschland, gilt – das Wirtschaftswachstum so zwingend beeinträchtigen muss, wie das die deutsche „Lohnzurückhaltung“ seit Jahren tat: Zurückhaltend entlohnte Deutsche konnten weniger in Griechenland (Italien, Spanien usw.) urlauben; und ein stagnierender deutscher Konsum musste den Export aller „nichtdeutschen“ Staaten nach Deutschland behindern.

Quantitative Easing wird die Lage nicht entscheidend verbessern: Unternehmen nehmen noch so billige Kredite nur dann in größerem Ausmaß auf, wenn sie sich mehr Geschäft erwarten. Und das tun sie nicht, solange alle Staaten, auch die starken, gleichzeitig sparen.

Mit Tsirpas’ Wahlsieg wird darüber in Deutschland vielleicht zumindest um einen Tick ernsthafter nachgedacht.

PS: Kurz zu Franz Schellhorns Einwänden gegen meine Sicht der Deflation (profil 5/2015):
1. Dass ich „seit 25 Jahren“ gegen deutsches Sparen „trommle“, ist mir neu. Frühestens seit 2012 behaupte ich, dass Deutschlands über alle Euro-Staaten gleichermaßen verhängtes Spardiktat Wachstum kostet.
2. Der Ölpreisverfall stützt natürlich eine Erholung. Nur liegt ihm neben Fracking auch abgewürgtes Wachstum zugrunde.
3. Dass einige Preise – ich nannte Aktien und Immobilien – trotz Deflation steigen, glaubte ich erklärt zu haben: Weil Aktien, Baugrund, aber auch Ackerland, anders als industrielle Güter, nicht beliebig vermehrbar sind, steigen bei erhöhter Geldmenge Aktienkurse, Immopreise (Mieten) und Ackerpreise (Nahrungspreise) weiterhin.
Das trifft „die Menschen“ in der Tat. Noch mehr träfe sie ­allerdings steigende Arbeitslosigkeit bei anhaltender ­Deflation.