Peter Michael Lingens: Unglaubensbekenntnis

Peter Michael Lingens: Unglaubensbekenntnis

Ein hoffnungsloses Plädoyer für eine areligiöse Zukunft: den Islam durch Akzeptanz schwächen.

Wie Christian Rainer und Robert Treichler in profil hat auch der Kommunikationswissenschafter Maximilian Gottschlich in der „Presse“ die größte Problematik im aktuellen Umgang mit dem Islam formuliert: Es würde zu Unrecht so getan, als gäbe es einen klaren Unterschied zwischen einer friedlichen islamischen Religion und ihrem Missbrauch durch fanatische „Islamisten“.

Ich sehe diesen klaren Unterschied auch nicht: Was die Attentäter von Paris als Rache für die Verunglimpfung Mohammeds geübt haben oder was der „Islamische Staat“ auf seinem Territorium verwirklicht, ist vom Koran gedeckt – man muss ihn nicht so auslegen, aber man kann es, ohne dem Wortlaut die geringste Gewalt anzutun. Es stimmt zwar, dass sich zu allen Suren, die Aggression gegen „Ungläubige“ rechtfertigen, widersprechende, friedfertige finden lassen – aber sich auf die aggressiven zu berufen, steht den Gläubigen frei.

IS oder Al Kaida haben in Paris das Erschießen islam-kritischer Karikaturisten im Einklang mit den aggressiven Suren organisiert; in Saudi-Arabien, dem führenden „islamischen“ Land, hat man einen islamkritischen Blogger „nur“ schariakonform ausgepeitscht; in der Türkei wird seinesgleichen „bloߓ eingesperrt.

Das sind zwar gravierende quantitative Unterschiede – qualitative Unterschiede sind es nicht.

Gottschlich identifiziert sich daher mit der Forderung des deutschen Politologen Matthias Küntzel: „Es reicht nicht, die vom IS gewählte Interpretation des Islam zu kritisieren. Um den neuen Totalitarismus zu bekämpfen, muss der Koran in seiner Gänze neu gedeutet und die von den Terroristen gewählte Lesart ausgeschlossen und in den Moscheen geächtet werden.“

Wie Gottschlich halte ich diese „an die theologischen Wurzeln gehende“ Selbstkritik des Islam für unerlässlich. Als aufgeklärter Optimist bin ich zuversichtlich, dass Muslime sie in absehbarer Zeit üben werden.
Gottschlich erinnert daran, dass die katholische Kirche diese Selbstkritik auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit dem Dokument „Nostra Aetate“ geübt hat: Sie habe ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen dort „neu und positiv“ interpretiert und insbesondere „der durch zwei Jahrtausende betriebenen Theologie der Verachtung der Juden eine deutliche Absage erteilt“.

Ich sehe diesen Fortschritt, halte ihn aber für weniger gesichert: 2007 hat Benedikt XVI. doch wieder auf die „Überlegenheit“ der katholischen Kirche gegenüber „allen anderen Kirchen“ gepocht und die „Erleuchtung“ der Juden erbeten. Auch der Toleranzabstand, den die Aufklärung zwischen Katholizismus und Islam geschaffen hat, ist selbst in Europa kleiner, als man denkt: Noch 2002 forderte Bischof Andreas Laun wegen einer Jesus-Karikatur die Verurteilung Gerhard Haderers, die dann in Griechenland in erster Instanz tatsächlich erfolgte.

Während Gottschlich meint, dass weniger Religion „weder die Menschen noch die Welt besser mache“, bin ich dessen wie Rainer und Treichler nicht so sicher:

- Alle „großen“ Religionen halten ihre Weltsicht für einzig „wahr“ und verweigern sich damit Karl Poppers „offener Gesellschaft“.

- Die Forderung nach „gehorsamer Unterwerfung“ unter „Gott“ ist die Forderung nach Unterwerfung des Rationalen unter das Irrationale und fordert politischen Missbrauch heraus.

- Das Versprechen eines „Paradieses“ jenseits der „irdischen Welt“, das islamische Selbstmordattentäter beflügelt, hat Christen durch Jahrhunderte die Verbesserung der „irdischen Welt“ vernachlässigen lassen.

- Die patriarchale Schlagseite aller großen Religionen diskriminiert das Weibliche zum Schaden der Gesellschaft.

- Die mit dem Patriarchat gekoppelte repressive Sexualmoral, die im Islam Afrikas in der Genitalverstümmelung bei Mädchen und der Todesstrafe für Schwule gipfelt (und im haarverhüllenden Kopftuch ein gemäßigtes Reservat hat), belastet im Christentum zwar nur noch die Schwulen – aber das schmerzhaft genug.

Wenn ich mich frage, was mich als Ungläubigen dennoch halbwegs mit Europas aufgeklärtem Katholizismus versöhnt, dann ist es der Einsatz vieler „kleiner“ Priester aufseiten sozial Diskriminierter und die Caritas. Um eine ähnliche Haltung gegenüber dem gemäßigten Islam, den ich in Österreich erlebe, bin ich zumindest bemüht: Karitativ ist auch er; Antisemitismus verdammt er zwar selten – aber eine deutsche muslimische Gemeinde hat auch das fertiggebracht; Kopftücher irritieren mich, weil sie mir den Anblick prächtigen Haars vorenthalten – was leider ihr religiöser Zweck ist; Zwangsheirat will ich mit aller Härte des Gesetzes verfolgt und geächtet wissen.

Obwohl mir ein aufgeklärt humanes Österreich ohne Islam (und ohne Christentum) am liebsten wäre, habe ich meine Wohnung jedenfalls durch Jahre christlich mit muslimischen Familien geteilt und rate der Regierung dingend zur selben Politik: Sie gewähre dem Islam ein Maximum an „daham“. Das wird uns am ehesten vor islamistischem Terror bewahren. Und vor allem dazu beitragen, dass der Islam Zuwanderern aus islamischen Ländern in zwei, drei Generationen nicht mehr bedeutet als mir das Christentum.

peter.lingens@profil.at