<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Weiß das der Netanjahu?

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Weiß das der Netanjahu?

Parteiische Überlegungen zu Gaza, im Gedenken an Auschwitz und einen Palästinenser-Führer.

Ich bin in diesem Text Partei. Unter den Erzählungen, die meine Mutter mir aus Auschwitz mitgebracht hat, war auch diese: Jüdinnen, die auf dem Weg in die Gaskammern von ihr Abschied nahmen, taten es mit den Worten „Nächstes Jahr in Jerusalem“.

Israels Existenz ist mir so wichtig wie die Existenz ­Österreichs. Zwar ist meine Parteilichkeit nie so weit gegangen, dass ich übersehen hätte, dass vielen Palästinensern durch Israels Gründung Unrecht, bis hin zur Vertreibung, zugefügt wurde – doch dieses Unrecht schien mir ein Kollateralschaden, der in Kauf genommen werden musste, weil ein Fluchtpunkt für Juden unverzichtbar war. Zumal sich dieser Schaden in Grenzen gehalten hätte, wenn die Alliierten die arabischen „Bruderstaaten“ nur energisch genötigt hätten, die Vertriebenen aufzunehmen, statt dass die UN sie in Lagern aufbewahrten, in denen sie durch Jahrzehnte nur ihre Rache heranzüchten konnten.

Schließlich ist auch den Sudetendeutschen Unrecht geschehen, als sie aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden – aber sie wurden von Österreich und Deutschland aufgenommen, und niemand hat einen „Sudetenstaat“ für sie gefordert. Der von Bruno Kreisky so vehement geforderte „Palästinenser-Staat“ schien mir deshalb ein durchaus verzichtbares Risiko – zumal es ihn sowieso gibt: In Jordanien herrscht ein haschemitischer König über eine Mehrheit von Palästinensern.

Warum nicht gemeinsam mit der PLO?

Weil der frühere jordanische König Hussein die Fatah, als sie seine Herrschaft 1970 infrage stellte, so blutig niederschlug, dass ihre Kämpfer sogar nach Israel flohen. ­„Unsere arabischen Brüder haben mehr Palästinenser getötet als unsere israelischen Feinde“, übertrieb es mein palästinensischer Freund Issam Sartawi.

Sartawi war von Jassir Arafat zum Außenminister eines künftigen Palästinenser-Staats ausersehen – bis er sich 1982 vor versammelter PLO für die Anerkennung Israels aussprach: Da verbot ihm Arafat das Wort, und wenig später durchsiebten ihn neun Kugeln aus dem Maschinengewehr radikaler Palästinenser.

Einen Monat davor hatte Sartawi in Wien seinen Traum vor mir ausgebreitet: mehr als Frieden mit Israel – einen mit Israel befreundeten palästinensischen Staat als Nukleus einer demokratischen arabischen Welt.
Ich habe das damals als naiv verworfen. Jetzt schreibe ich diesen Kommentar, um zu begründen, warum ich es für das einzig Vernünftige halte: Da Israel den Staat der Palästinenser nicht verhindern konnte, sollte es im ureigenen ­Interesse alles tun, damit er funktioniert. Denn nur wenn seine Bewohner zu Wohlstand gelangen, wird dieser ihnen wichtiger werden als der heilige Krieg der Hamas gegen den Judenstaat. Und nur wenn das klar ist, wird die arabische Welt aufhören, diesen Krieg zu dem ihren zu machen.

In der Vergangenheit ist Arafat dem Funktionieren eines Palästinenser-Staats maximal im Wege gestanden: Die Milliarden, die die EU zu seinem Aufbau überwies, hat er auf seine Konten umgeleitet; die Hamas wollte er nie entwaffnen.

Aber Mahmud Abbas ist nicht Arafat und hätte sich eine Chance verdient – die er nicht erhält, weil Benjamin Netan­jahu ihn schlechter als Arafat behandelt.

Ich begreife Israels Angst vor offenen Grenzen eines ­intakten palästinensischen Staats – aber wie soll ein abgeriegelter, zerstückelter Palästinenser-Staat wirtschaftlich jemals funktionieren? Ich hätte auch begriffen, wenn Israel in Gaza einmarschiert wäre, weil die Hamas tatsächlich wenig anderes versteht – auch diesmal haben ja erst die heftigen Luftschläge sie einlenken lassen. Aber der Einmarsch wäre konterproduktiv gewesen:

• Leichen und Ruinen, die er zwangsläufig produziert hätte, hätten Israels Ansehen in der Welt minimiert.

• Arabische Regierungen, die bisher nur in Worten für die Palästinenser eingetreten sind, hätten sich zu Taten aufgerufen gesehen, denn sie sind mittlerweile der Bevölkerung verantwortlich. Gleichzeitig können weder EU noch USA auf ein besseres Einvernehmen mit ihnen verzichten.

• Die USA, auf deren Unterstützung Israel immer angewiesen sein wird, erlangen durch Schiefer-Fractioning zunehmende Unabhängigkeit vom arabischen Öl, und das nimmt ihrem israelischen Vorposten am Golf die überragende Bedeutung.

• Auch der Iran wird die A-Bombe haben.

Noch ist Israel militärisch überlegen – aber irgendwann stehen 7,6 Millionen Israelis 350 Millionen Arabern und 1,6 Milliarden Muslimen gegenüber.

Um einen der besten jüdischen Hitler-Witze abzuwandeln: „Weiß das der Netanjahu?“ Der Waffenstillstand lässt immerhin hoffen.
Ich glaube, dass Israel doch irgendwann ein besseres Verhältnis zu seiner Umwelt finden muss – und die beginnt an der Grenze zum Palästinenser-Staat.

Israel muss diesen Staat wollen – so wie Sartawi den ­Judenstaat wollte.Es braucht einen Führer von Sartawis Charisma und ­Naivität. Der auf die Palästinenser zugeht, um ihnen zu ­sagen: „Ich weiß, dass es verrückt klingt – aber lasst uns Freunde werden. Lasst uns euch helfen, eine funktionierende Verwaltung und Wirtschaft aufzubauen.“

Nur so viel Naivität wird sich als realistisch erweisen.

peter.lingens@profil.at