<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wie blöd dürfen Banker sein? (2)

Wie Basel II die großen Ratingagenturen zu Göttern des Wertpapiergeschäfts gemacht hat, denen auch die Banker blind gefolgt sind.

Fast noch größere Wut als "Brüssel“ schlägt derzeit "Banken“ entgegen. In den USA finden "Occupy Wall Street“-Buttons mindestens so reißenden Absatz wie das neue iPhone, obwohl Amerikas große Banken mittlerweile wieder auf festen Beinen stehen. Dass sie nach drei bonusreichen Jahren schon wieder zulasten der Steuerzahler gerettet werden sollen, kann nur als Schlag ins Gesicht empfunden werden. Meine schon einmal gestellte Frage, wie blöd Banker sein dürfen, um massenhaft Anleihen schwächelnder Volkswirtschaften - von Griechenland bis Italien - einzukaufen, ist unverändert aktuell. Ich will versuchen, sie halbwegs fair zu beantworten:

1. Die meisten Banken haben diese Anleihen gekauft, als es den genannten Ländern noch besser ging.

2. Eine Verzinsung von fünf bis 20 Prozent muss man in Anspruch nehmen, wenn die Politik so dumm ist, das zugehörige Risiko zu übernehmen.

3. Das Bankenregelwerk Basel II hat den Ankauf von Staatsanleihen extrem gefördert. Denn es legt fest, dass Banken ein Wertpapier umso leichter - mit umso weniger Eigenkapital im Verhältnis zu Fremdmitteln - erwerben können, je besser es von den großen Ratingagenturen bewertet ist.

Und nichts haben die Agenturen die längste Zeit so hoch bewertet wie Staatsanleihen. Selbst Anleihen Spaniens oder Italiens landeten vor jenen von VW oder der OMV.

Daher ist ihr Bestand in den Tresoren vieler Banken besonders groß. Also sitzen diese beim nunmehrigen Kippen der Ratings auf besonders großen Verlusten.

Vielleicht macht das - und die jüngste Bilanz der Erste Bank - verständlicher, dass sich Andreas Treichl seinerzeit zu einer Verbalinjurie hinreißen ließ, als er auf die Rolle der Politik bei der Gestaltung von Basel II und nun auch Basel III zu sprechen kam. Denn auch bei Basel III soll es dabei bleiben, dass die Einstufung durch die Ratingagenturen darüber entscheidet, mit wie viel Eigenkapital eine Bank einen Wertpapierankauf unterlegen muss bzw. wie viel Fremdmittel sie einsetzen darf. Geplant war, dass sich Fremd- zu Eigenmitteln wie 100 zu drei verhalten dürfen - womit Bankenzusammenbrüche auch in Zukunft gesichert wären.

Wie kommen die Ratingagenturen zu ihrer gottgleichen Rolle? Die größten sind zwangsläufig am größten Finanzplatz - New York - entstanden, indem ihre großen Stäbe die Bonität von Unternehmen rascher und besser zu beurteilen vermochten als jemand, der gerade Aktien erwerben oder ein Geschäft mit ihnen abschließen wollte. Die meisten Bewertungen trafen zu und waren durch die einfache Buchstabennomenklatur international verständlich, sodass die US-Agenturen auch im Rest der Welt zu Marktführern wurden. Da alle Banken ihre Kunden waren, schienen sie auch ausreichend unabhängig. Das führte dazu, dass sie im Bankenregelwerk von Basel II per Gesetz zu Schiedsrichtern in allen Fragen der Bonität erkoren wurden.

Eine Aufgabe, die sie schon wenige Jahre später heillos überfordern sollte. Denn um 2000 begann sich das Volumen so genannter "Derivate“ dramatisch zu erhöhen: synthetische Wertpapiere, denen komplexe finanzmathematische Überlegungen zugrunde liegen, die meist nur jene durchschauen, die sie angestellt haben. Das waren die Spezialisten von immer weniger riesigen Investmentbanken, die damit zu den wichtigsten Kunden der Ratingagenturen wurden. Daraus erwuchs eine - mittlerweile in den USA gerichtsanhängige - Interessenverquickung. Jedenfalls bewerteten die Agenturen die synthetischen Wertpapiere mit Bestnoten: Nicht weniger als 4000 davon teilten ihr Triple A mit nur zwei Unternehmen der US-Realwirtschaft.

Kein Wunder, dass alle Banken der Welt - in Europa begünstigt durch Basel II - diese hochgelobten Papiere kauften. Sie bildeten den Stock an "toxischen Papieren“, der die Weltfinanzkrise 2007/08 auslöste, als sich herausstellte, dass die Ausfallsquote synthetischer Wertpapiere gleich 300-mal höher war, als die Agenturen sie eingeschätzt hatten.

Und ausgerechnet diese Agenturen fällen nun Gottesurteile über die Staaten der Eurozone. Obwohl sie dabei abermals Fragen beurteilen müssen, die sich von denen einer Unternehmensbilanz fast so massiv wie vom Inhalt synthetischer Wertpapiere unterscheiden: Wie gut vermag die Regierung im fernen Portugal ihre Sparmaßnahmen durchzusetzen? Oder wie groß ist der Anteil der Schattenwirtschaft an der ökonomischen Potenz Italiens?

Mit Professor Wilfried Stadler, dem ich viele Argumente dieser Kolumne danke, glaube ich, dass die Banken zu viel mehr Eigenkapital gezwungen werden müssen und dass die Bindung der Banken an das Urteil der Ratingagenturen gelöst gehört, statt sie mit Basel III zu verfestigen; und dass die neuerliche Bankensanierung trotz des Geschreis der Banker nach schwedischem Muster ablaufen muss: Banken, denen der Staat Kapital zuschießen musste, mussten ihm entsprechende Anteile überlassen, die er mittlerweile mit Gewinn für den Steuerzahler wiederverkauft hat.

peter.lingens@profil.at