<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wie blöd dürfen Banker sein?

Wann werden Banken endlich wieder zugrunde gehen, wenn sie untragbare Risiken eingehen?

Andreas Treichl hat bekanntlich vor nicht allzu langer Zeit die Blödheit der Politiker im Umgang mit der Geldwirtschaft beklagt – seine Zunft hat daher hoffentlich Verständnis, dass ich an dieser Stelle die Blödheit der Banker im Umgang mit Geld beklage: Sie war und ist ein wesentliches Element der perpetuierten Krise. Wenn Treichl sich im Nachhinein für seine Wortwahl entschuldigt hat, entschuldige ich mich schon im Vorhinein und führe als Milderungsgrund gleichfalls meine Emotion ins Treffen: Ich zahle für die Blödheit der Politiker wie der Banker.

Damit zum jüngsten Anlass: Mittlerweile scheint rundum klar, dass Griechenland (und Portugal) einen Schuldenschnitt braucht, wenn es wirtschaftlich je wieder auf die Beine kommen soll (es brauchte andernfalls ein sofortiges Wirtschaftswachstum von sechs Prozent). IWF und EU – so eine der Ideen – sollen den Griechen daher Geld zukommen lassen, mit dem sie ihre Staatsanleihen zur Hälfte des Ausgabepreises zurückkaufen sollen. Falls das zustande kommt – und irgendetwas dergleichen wird zustande kommen –, wird einmal mehr mit Steuergeld nicht nur den Griechen, sondern auch den Banken geholfen, denn die haben nach wie vor eine Menge solcher Anleihen auf Lager.

Daher die Frage: Wie blöd darf man als Banker sein, um massenweise Anleihen eines Landes einzukaufen, von dem seit Längerem klar ist, dass es vor der Pleite steht? Und wie lange darf man diesem Land durch den Ankauf seiner ­Anleihen überhaupt erst ermöglichen, sich bis zur Pleite zu verschulden? Herr Ackermann, der Spitzenmanager des deutschen Spitzeninstituts Deutsche Bank (Jahreseinkommen 9,5 Millionen Euro), wird einwenden: Wie hoch die Griechen sich verschuldet haben, war alleine ihre Sache. Und ich war alles eher als blöd! Die Bank hat blendend an griechischen Anleihen verdient, denn schließlich haben sie Zinsen bis zu 28 Prozent abgeworfen, sodass wir den Kaufpreis längst mehr als herinnen haben; danach haben wir rechtzeitig – während die Politiker noch heftig diskutiert haben – mit dem Abverkauf begonnen, sodass der Kurs sich mittlerweile halbiert hat. Wenn uns der Rest jetzt auch noch zu diesen Bedingungen abgekauft wird, war es ein Jahrhundertgeschäft! (Denn zum Ankauf der Papiere hat uns die EZB das Geld ja zum Nulltarif zur Verfügung gestellt.)

Ich revidiere daher meine Eingangsaussage: Die Banker sind nicht blöd – sie verlassen sich vielmehr auf die Blödheit einer Politik, die es ihnen ermöglicht, jegliches ­Risiko ständig auf den Steuerzahler zu überwälzen.
Bisher war folgender Grundsatz wirtschaftlichen Handelns im „Kapitalismus“ doch einigermaßen unbestritten: Wer einem schlechten Schuldner Geld borgt und für sein Risiko entsprechend hohe Zinsen kassiert, hat den Verlust zu tragen, wenn das Risiko eintritt.

Als Europas Banken in den USA kaputte Hypothekarkredite einkauften, konnte man ihre Vorstände damit entschuldigen, dass diese Kredite in undurchsichtige Wertpapiere verpackt gewesen waren und dass jene Ratingagenturen, deren Irland- oder Italien-Voten wir derzeit Gottesurteilen gleichsetzen, sie mit AAA bewertet hatten.

Europas Banker, von Ackermann bis Treichl, waren also zwar nicht so rasend brillant, wie man aus ihren Einkommen schließen müsste – sonst hätten sie die Mogel­packungen durchschaut –, aber moralische Vorwürfe sind ihnen schwer zu machen: Im Grunde wurden sie betrogen.
Es war daher nicht nur volkswirtschaftlich nötig, sondern auch moralisch gerechtfertigt, dass ihnen vom Staat – vom Steuerzahler – unter die Arme gegriffen wurde.

Aber das Risiko griechischer Staatsanleihen lag auf der Hand – die hohen Zinsen sind der beste Beweis. Es gleichfalls auf den Steuerzahler abzuwälzen muss die Bürger ­empören, weil es empörend ist.

Es reicht nicht, dass die Banken, auf Drängen Angela Merkels und Nicolas Sarkozys vielleicht – wenn die Rating­agenturen es erlauben – einen „freiwilligen Beitrag“ zur Schuldenübernahme durch den Steuerzahler leisten, sondern es müssen wieder normale „kapitalistische“ Verhältnisse einkehren: Wer Ramsch einkauft, muss darauf sitzen bleiben und schlimmstenfalls daran zugrunde gehen.

Die Abkehr von diesem kapitalistischen Grundgesetz – nicht der Euro – ist das zentrale Problem der EU: Viel zu riskant wirtschaftende Banken gehen nicht zugrunde, sondern werden belohnt. Die Begründung für diese Perver­sion ist seit Jahren die immer gleiche: Wenn eine große Bank pleiteginge, käme das einem Kreislaufzusammenbruch gleich – die gesamte Wirtschaft würde mitgerissen.

Das stimmt. Nur muss der politische Schluss daraus lauten: Der Staat muss „große Banken“ entweder per Gesetz zu größerer Vorsicht zwingen (statt es so zaghaft wie mit Basel III zu versuchen), oder er muss sie auf ein handlicheres Maß zurückstutzen. Man muss das Problem der „system­relevanten“ Banken lösen! Es darf entweder keine Banken von solcher Größe geben, dass ihr Zusammenbruch das ganze „System“ gefährdet, oder man muss ihnen riskante – „systemgefährdende“ – Geschäfte unmöglich machen.

Womit wir wieder bei Treichls Ansprüchen an die Intelligenz der Politiker wären.

peter.lingens@profil.at