<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wie weit ist Istanbul von Mekka?

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wie weit ist Istanbul von Mekka?

Die Gegner eines EU-Beitritts der Türkei fühlen sich durch die jüngsten Ereignisse bestätigt – die Befürworter auch.

Die Ereignisse in Istanbul sind Wasser auf die Mühlen derer, die – wie Angela Merkel oder Michael Spindel-egger – selbst den bloßen Gedanken an eine Aufnahme der Türkei in die EU am liebsten bis zur Unkenntlichkeit klein mahlten. Tränengas- und Prügelorgien bei Polizeieinsätzen gegen friedliche Demonstranten passen allenfalls zu Wladimir Putins Russland. Denn die geplante Verbauung eines kleinen Parks innerhalb des Taksim-Platzes war zweifellos nur der Anlass der Bürgerproteste – ihre Ursache ist die Irritation über Recep Tayyip Erdogans autoritären Stil und die zunehmende Islamisierung des Landes.

Eine „islamische“ Türkei, in der Kemal Atatürks strikte Trennung von Kirche und Staat zunehmend rückgängig gemacht wird und in der die Polizei Versammlungsplätze freiprügelt, als stimmenstärkster Staat der EU, ist tatsächlich ein Szenario, das weit über jeden Stammtisch hinaus abschreckende Wirkung entfaltet.

Obwohl man die entstandene Situation auch genau umgekehrt beurteilen kann: Wäre die Türkei bereits seit Jahrzehnten Mitglied der Europäischen Gemeinschaft, so wären autoritäre Maßnahmen dort rechtlich anfechtbar, geprügelte Demonstranten könnten den Staat klagen und vor dem Europäischen Gerichtshof Recht bekommen. Das Gesetz, das kritischen Journalisten den Mund verbietet, wäre längst kassiert und die Trennung von Kirche und Staat durch EU-Recht gesichert. An die Stelle des leisen, beleidigten Trotzes, mit dem sich Erdogan derzeit vom Westen ab- und der islamischen Welt zuwendet, wäre vielleicht sein Bemühen getreten, als gleichberechtigter Partner Frankreichs und Deutschlands akzeptiert zu werden.

Man kann aus den jüngsten Ereignissen auch schließen, dass es ein großer Fehler war, die Türkei seit 50 Jahren vor verschlossenen EU-Türen warten zu lassen.

Ich will trotzdem nicht verhehlen, dass die Ereignisse am Taksim-Platz für mich eine kalte Dusche waren: Ich habe mich persönlich desavouiert gefühlt. Denn nicht nur in Kommentaren, sondern auch in Dutzenden privaten Auseinandersetzungen mit Kollegen habe ich immer für die EU-Aufnahme der Türkei plädiert und die Ansicht vertreten, dass sie zum besten Beispiel dafür würde, wie sehr auch große islamische Staaten in der Lage sind, europäischen Werten zu genügen. Ich habe darauf hingewiesen, dass gerade die islamische AKP die türkischen Gesetze denen EU-Europas mittlerweile fast völlig angeglichen und Anachronismen fast völlig beseitigt hat.

Die Einwände meiner Diskussionspartner haben immer wieder gelautet, dass die türkische Realität eine völlig andere sei: Dass außerhalb Istanbuls und Ankaras immer noch „Anatolien“ herrsche; und dass es nichts nutze, dass Religion vom Gesetz her Privatsache sei, denn de facto mache Erdogans Staat islamische Gesinnung zur Bürgerpflicht.
Wie zum Beleg untersagten die staatlichen Turkish Airlines (die ich dank ihrer Fernsehwerbung besonders ins Herz geschlossen hatte) kürzlich ihren Stewardessen roten Lippenstift und rot lackierte Fingernägel. Die Fluglinie nahm dieses Verbot zwar nach Protesten türkischer Frauenorganisationen zurück – doch dass es möglich war, ist bestürzend genug und hat bekanntlich eine wesentliche Rolle für die Proteste am Taksim-Platz gespielt. Aber ich fürchte, es spielte auch eine wesentliche Rolle dafür, dass Erdogan diese Proteste derart brutal mit Tränengas erstickte.
Um allerdings tags darauf anzukündigen, dass er einen Volksentscheid über das künftige Schicksal des Platzes akzeptieren will – bei dem freilich nur dessen Verbauung, aber nicht die Rolle des Islam zur Diskussion steht.

Die vorigen Absätze verraten überdeutlich: Ich traue mir bezüglich Erdogan kein seriöses Urteil zu.

Religion hat sich schon immer meinem Verständnis entzogen. Zumindest wenn sie ernstgenommen wird, sind Gläubige offenbar nicht bereit, darauf zu verzichten, ihre „Wahrheiten“ als allgemeingültig zu betrachten und alle Menschen zu ihnen zu bekehren. (Auch die Päpste der jüngsten Vergangenheit konnten es ja nicht lassen, die christliche Religion als die einzig richtige zu bezeichnen.) Wenn Erdogan ein ernsthaft frommer Mann ist, macht er mir Angst für die Türkei.

Aber bisher erschien er mir immer ein überaus professioneller, „geschmeidiger“ Politiker: Einer der weiß, dass es zur satten Mehrheit der AKP beiträgt, dass seine Frau sich stets mit Kopftuch zeigt – dass er diese Mehrheit aber gefährdet, wenn er allen Frauen ein Kopftuch verordnet.
Auch dass er zweifellos ein „Machtmensch“ ist, scheint mir von Vorteil: Ich bezweifle, dass er diese Macht in einer Auseinandersetzung mit den „europäischen“ Eliten der Bevölkerung aufs Spiel setzt, zumal dazu auch die hohen Militärs gehören. Und es wird ihm zu denken geben, dass ­Istanbuls Börse angesichts der Taksim-Unruhen um acht Prozent abgestürzt ist. Denn bisher war der wirtschaftliche Erfolg des Landes sein größtes Atout.

Erdogans „Geschmeidigkeit“ ist Grund für meinen verhaltenen Optimismus – für anderer Leute begreiflichen Pessimismus freilich auch.

peter.lingens@profil.at