<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Zeit der Zocker

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Zeit der Zocker

Immer mehr Geld wandert in Spekulationsblasen anstatt zu ­Unternehmern und Konsumenten.

Tragisch für Monika Rathgeber und Uli Hoeneß , dass sie gerade jetzt nicht mehr zocken können. Denn es ist zweifellos das Jahr der Zocker: Nach der US-Notenbank und der Notenbank Japans hat nun auch die EZB die Zinsen auf ­einen historischen Tiefststand gesenkt und so wartet mehr Geld denn je darauf, in Wertpapiere gesteckt zu werden, deren Kurs unweigerlich steigen muss: An allen involvierten Börsen löst denn auch seit Tagen ein Hoch das nächste ab, obwohl die jeweiligen Volkswirtschaften stagnieren beziehungsweise schrumpfen.

Die Hoffnung aller drei Notenbank-Chefs geht dahin, dass die Geldschwemme diese Stagnationen überwinden wird.
Meine Befürchtung geht dahin, dass sich die größte ­Blase aller Zeiten zusammenbraut.

Bei der produzierenden Wirtschaft ist das viele Geld jedenfalls bisher nicht angekommen: weder in den USA noch in Japan noch gar in Europa.
Vor allem die Nachrichten aus dem Süden Europas sind unverändert trist: In Spanien ist das BIP nicht wie angenommen um 0,5, sondern um 1,3 Prozent zurückgegangen und die Arbeitslosigkeit ist auf 27 Prozent gestiegen; in Portugal verläuft die Entwicklung ähnlich; Italien hat zwar eine Regierung, aber auch keine besseren Wirtschaftsdaten; und mit Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU in die Rezession geschlittert.

Natürlich schlägt sich das alles auch für Deutschland oder Österreich in nachlassenden Auftragszahlen nieder, was zwangsläufig auch hier zu steigenden Arbeitslosenzahlen führen musste, auch wenn sie durch vermehrte „Schulung“ in Grenzen gehalten werden.

Wie angesichts einer solchen volkswirtschaftlichen Entwicklung stark steigende Betriebsgewinne zur Rechtfertigung der gestiegenen Aktienkurse zustande kommen sollen, ist mir ein Rätsel – aber weiter als bis zum Herbst brauchen Zocker nicht zu denken.

Politiker schon – jedenfalls wird das von ihnen erwartet. Vorerst sind sie sich zumindest in der Wahrnehmung eines Symptoms einig: Das von den Notenbanken so freizügig zur Verfügung gestellte Geld erreicht Unternehmen und Konsumenten im Norden nicht im erhofften Ausmaß – es werden nur geringfügig mehr Kredite aufgenommen – und im Süden gar nicht.

Teils wird es zu wenig nachgefragt: Angesichts steigender Arbeitslosigkeit hütet sich die Bevölkerung, Kredite zur Ausweitung ihres Konsums aufzunehmen; und angesichts stagnierenden Konsums hüten sich Unternehmer, Kredite zur Ausweitung ihrer Produktion aufzunehmen.
Teils halten die Banken ihr Angebot knapp: Konsumenten wie Unternehmen, die wider Erwarten doch Kredite nachfragen, bekommen sie nicht, weil die Banker Angst vor neuerlichen Kreditausfällen haben und ihre Bilanzen sanie­ren wollen.

Wenn sie jemandem Kredite geben, dann überschuldeten „südlichen Staaten“, indem sie deren Anleihen ankaufen. So müssen Spanien oder Italien derzeit längst nicht mehr zwischen sechs und sieben, sondern nur noch zwischen drei und vier Prozent Zinsen anbieten, um ihre Staatsanleihen los zu werden und slowenische Anleihen erlebten soeben einen regelrechten Boom, nachdem klar wurde, dass auch dieses Land unter den ESM-Schirm schlüpfen muss.

Man kann sich über diese Entwicklung freuen, weil die Schulden der Krisenstaaten auf diese Weise nicht explodieren – aber man kann sich auch vor einer Implosion der Schulden sammelnden Banken fürchten. (Beziehungsweise: Sich ausmalen, was ihre neuerliche „Rettung“ kostet.)

Wenn ich den Geschäftssinn eines durchschnittlichen Bankers beschreiben soll, so illustriere ich es am liebsten mit Erfahrungen aus meinem spanischen Bekanntenkreis: Zwei mir befreundete junge Leute – beide prekär beschäftigt und von Haus aus mittellos – wollten sich Kleidung beziehungsweise ein Auto kaufen. Ihre Banken zögerten 2007 keine Sekunde, jedem von ihnen einen Kredit von 6000 Euro zu gewähren, nachdem sie für einander gebürgt hatten.

Natürlich konnten sie diesen Kredit nicht bedienen.

Jetzt möchte ein anderes junges Paar, das zwar auch wenig Eigenmittel, aber immerhin große einschlägige Berufserfahrung besitzt, ein Lokal übernehmen und braucht dafür einen Kredit in etwa der gleichen Höhe – aber die Bank will nicht einmal darüber verhandeln.

Dabei kostet das zu übernehmende Lokal mittlerweile ein Drittel dessen, was es 2007 gekostet hat.

Ähnlich ist das mit Hauskäufen: Die gleichen spanischen Banken, die zuvor jedem Menschen einen noch so hohen Kredit zum Kauf eines noch so überteuerten Hauses nachgeschmissen haben, gewähren jetzt keinen Kredit, wenn man dasselbe Haus zum halben Preis kaufen möchte.
Und so ist es vor allem auch mit Betriebskrediten: Lieber parkt eine Bank ihr Geld bei der EZB, als es einem Unternehmen für seine Arbeit zur Verfügung zu stellen.

Banker sind Kaufleute, die ihr Risiko nie einzuschätzen vermögen: Erst waren sie fahrlässig leichtfertig, jetzt sind sie gefährlich vorsichtig.
Ich halte es deshalb keineswegs für abwegig, dass die EZB überlegt, ihnen für nicht verwendetes, aber zur Verfügung gestelltes Geld Strafzinsen zu verrechnen.

peter.lingens@profil.at