<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Bildungsbürger

Nachdem da wirklich nichts weitergeht, nimmt sich nun endlich Erwin Pröll des Bildungsthemas an. Natürlich nur mit lauteren Absichten.

Es war dem Landeshauptmann zwar sichtlich unangenehm, ja fast ein wenig peinlich, weil er doch wusste, wie sehr ihn die ihm an sich ureigene Bescheidenheit kleidete und wie unwiderstehlich, ja nachgerade sexy ihn seine leise, zurückhaltende Art nicht zuletzt im Kreis der Roggenbäuerinnen des nördlichen Steinfelds machte – aber er konnte momentan nun einmal nicht umhin, mit sich selbst ungeheuer zufrieden zu sein. Und außerdem war das letzte Mal ohnehin schon eine schwache Dreiviertelstunde her.

Seit Erwin, der Pröll, in dieses von den vollkommen verzichtbaren Wortmeldungen selbst ernannter Experten, die sich angeblich um das Wohl der Kinder sorgten – etwas, das Erwin der Ehrliche im Gegensatz zu all diesen von linker Gleichmacherei verblendeten Ideologen gar nicht erst vorgab –, umkränzte Vakuum in der Bildungsdebatte vorgestoßen war, ging ja wenigstens endlich einmal was weiter.

Schon mit seinem Erstversuch in angewandter Pädagogik hatte er internationales Echo ausgelöst – und auch damals war Erwin, wie er fand, mit Fug und Recht auf sich stolz gewesen, auch wenn er sich, falls er das noch nicht erwähnt haben sollte, dieses Gefühl höchst ungern gestattete.
Nächtelang hatte er über dem Problem gebrütet, dass die Linken eine Gesamtschule aller Zehn- bis 14-Jährigen wollten, weil dort die eh armen, aber halt leider mittelschwer vertrottelten Pamperletschen aus dem proletarischen ­Wasteland wesentlich länger Zeit hatten, die klugen Kinder aus den bürgerlichen Häusern mit dem Depperl-Virus anzustecken. Nachdem die ÖVP das aber stets mannhaft zu verhindern gewusst hatte, galt hier die Grenze von zehn Jahren. Hier zehn, da 14. Und nach kaum zwei Wochen mit dem Taschenrechner hatte Erwin die Lösung. Sie lautete: zwölf!

Als er dann also öffentlich dekretierte, er könne sich eine gemeinsame Schule bis zwölf vorstellen, weil sich bis dahin ja schon einiges geklärt habe – zumindest mussten selbst die hartnäckigsten Roten bis dahin schon eingesehen haben, dass ihr Fratz in einem Gymnasium nichts verloren hatte –, bekam er eine Welle von zustimmenden Mails aus der ganzen Welt. Ein Stammesprinz oder so aus Nigeria wollte sogar sein Vermögen mit ihm teilen – aber das kam für einen honorigen Volksvertreter wie Erwin nicht infrage, weshalb er das an sich interessante Schreiben auch an die Hypo Niederösterreich weiterleitete.

Wobei die Formulierung „Erstversuch in angewandter Pädagogik“ ja nur zum Teil stimmte. Denn sein allererster Eingriff in das zugegebenermaßen schwer zu reformierende Bildungssystem war ja eigentlich schon knapp nach seiner Wahl zum Landeshauptmann gewesen, als er 46 Hauptschuldirektoren aus ganz Niederösterreich zu einem gemütlichen Beisammensein gebeten und sie nach dem dritten Achtel voll freundlich gefragt hatte, ob sie eigentlich wo angrennt seien, dass sie glaubten, noch immer kein Parteibuch haben zu müssen, weil so deppert konnte ja eigentlich niemand sein, der immerhin die Pädak geschafft habe – und da müsse man sich schon Gedanken machen, wie sehr sich diese unglaubliche Weltfremdheit auf die Qualität des Unterrichts niederschlage.

Dieser Intervention zur Hebung des Schulstandards ­waren noch viele weitere gefolgt – die meisten davon allerdings unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit, die sich darob auch nicht angemessen dankbar zeigen konnte, was Erwin sehr bedauerte, wusste er doch, wie gerne ihm die braven Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher dankbar waren.

Aber jetzt hatte er ja wohl endgültig den Vogel abgeschossen: Seit er klargemacht hatte, dass er seine vom Bund bezahlten, aber von ihm ausgesuchten Landeslehrer keineswegs wieder dem Bund überlassen wollte, bei dem man ja nie wusste, ob er auch die richtigen einstellte, sondern vielmehr im Sinne eines ordentlichen Föderalismus auch noch alle bisherigen Bundeslehrer in den Landesdienst dazu wollte, war ja wohl endgültig klar, wem die Schule in diesem Land mehr als nur einen flüchtigen Gedanken wert war.

Ja, das war eine Verwaltungsreform, wie er sie sich ­vorstellte! Und niemand, wirklich niemand konnte behaupten, dass da wieder einmal ein Landesfürst sinnlos mit Geld um sich werfen würde – er gab ja schließlich gar keines aus!

Und wo er jetzt schon einmal so schön in Schwung war, konnte er den Leuten ja überhaupt gleich zeigen, was für einen prächtigen Bundespräsidenten er abgegeben hätte. Bei diesem Gedanken tropfte übrigens eine schwere Träne auf das Pergament, auf dem er verfügte, dass nicht nur die Lehrer, sondern überhaupt alle öffentlich Bediensteten einfach in seine Obhut zu übergeben seien – außer den Lohnverrechnern natürlich, die brauchte er nicht.

Und als Nächstes, ja als Nächstes würde er dann wohl das Parlament übernehmen, die Regierung föderalisieren und schließlich die Verfassung eigenhändig zur Realverfassung umschreiben. Denn manchmal musste ein Landeshauptmann eben tun, was ein Landeshauptmann tun muss.

rainer.nikowitz@profil.at