Rainer Nikowitz

Rainer Nikowitz

© Udo Titz

Satire
07/23/2022

Rainer Nikowitz: Daheimspiel

Der Bundeskanzler verzichtet wegen der Energiekrise auf seinen Urlaub in Griechenland. Das hat natürlich auch Folgen für die Polit-Konkurrenz.

von Rainer Nikowitz

Wieder einmal ist ein PR-Coup des diesbezüglich offenbar bestens von Expertinnen wie seiner Frau oder aber auch seiner Frau herausragend beratenen Bundeskanzlers eindrucksvoll geglückt. Mit dem publikumswirksamen Verzicht auf seine paar Tage Familienurlaub in Griechenland setzt sich Karl Nehammer klar an die Spitze der vor allem beim Boulevard und dessen weitblickenden Konsumenten stets beliebten Sack-und-Asche-Bewegung in der hiesigen Politik. Schließlich haben wir gerade mehrere Krisen gleichzeitig. Also bleibt der Kanzler, so der erhoffte Spin, bescheiden am glühend heißen Ballhausplatz und löst sie dort quasi im Alleingang, während alle anderen dem süßen Nichtstun frönen und an Putin nicht einmal denken. Da schaut die Konkurrenz, die vor dem Sommer ohnehin nur verschämt die Planung von Kurz-Barfuß-Wanderurlauben im Steirischen oder ein bisschen Sandburgenbauen in einer brackigen, hoffentlich von Quallen verseuchten und von Waldbränden bedrohten Adria-Badewanne zugegeben haben, jetzt natürlich ziemlich alt aus. Und muss nachziehen, ob sie will oder nicht.

Vor allem gilt das natürlich für Bundeskanzlerin in spe Pamela Rendi-Wagner, schließlich hat die SPÖ mit ihrer klugen Geißelung von Kanzlers Skiurlaub im vergangenen Februar ja mit den Boden für das nunmehrige sommerliche Daheimspiel Nehammers bereitet („Die ÖVP versinkt im Sumpf aus Korruption, Postenschacher und Machtmissbrauch, sie diffamiert die SPÖ und ihre Wähler*innen. Nehammer begeht beim Schiurlaub in den Tiroler Bergen Verantwortungsflucht, taucht unter und schweigt!“, twitterte damals der wortgewaltige Bundesgeschäftsführer …, dings … – verdammt, wie hieß dieser tolldreiste Stratege schnell noch einmal?). Und außerdem hatte Rendi-Wagner selbst schon einmal hochnotpeinlichen Erklärungsbedarf, als man sie im Sommer 2019 auf frischer Urlaubstat in der Klassenfeind-Hochburg Saint-Tropez ertappte. Und zwar keineswegs bewehrt mit einem „Eat the Rich“-Transparent und einem mächtigen Handbohrer zum Jachtenversenken, sondern vielmehr an einer reich gedeckten Tafel im noblen „Club 55“ sitzend, fotografiert von einem anderen österreichischen Urlaubsgast, der das Bild genüsslich auf Social Media weiterverbreitete. Bundesgeschäftsführer …, dings, retweetete es damals allerdings erstaunlicherweise nicht. 

Für heuer hatte Rendi-Wagner ursprünglich Wandern auf der Tauplitz und anschließend Meer in Italien im Visier, nach der Nehammer’schen Volte geht das aber natürlich alles nicht mehr. Dem Vernehmen nach bleibt sie also nunmehr in ihrer Wiener Wohnung und baut dort eigenhändig einen auf willhaben.at gegen Selbstabholung verschenkten Ikea-Kasten zusammen. Bei abgedrehter Klimaanlage, versteht sich, schließlich haben wir eine Energiekrise, in der man als populismusabholde Sachpolitikerin einfach Nägel mit Köpfen machen muss. 

Als Mitglied der Sack-und-Asche-Bewegung in der heimischen Politik ist selbst Wandern in der Steiermark zu luxuriös. 

SPÖ-Klubobmann Jörg Leichtfried wiederum wollte eigentlich in Dalmatien segeln, er hat sich jetzt aber entschlossen, stattdessen im entwässerten Neusiedler See mit seinem Schoner im Schlamm stecken zu bleiben und solcherart nicht nur für Heimatverbundenheit, sondern auch gleich gegen den Klimawandel zu demonstrieren.  

Auch Vizekanzler Werner Kogler wurde von der neuesten Idee des verfreundeten Koalitionspartners überrascht, er hatte laut APA vor, erst in der zweiten Augusthälfte zu urlauben, war aber noch unentschieden, wo. Angesichts der Tatsache, dass bei den Grünen Flight- und sonstiges -Shaming als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts ohnehin hoch im Kurs steht, war nur klar, dass es eine Zugreise werden sollte. Wohin es nun geht, weiß Kogler zwar immer noch nicht – aber er hat schon insofern downgegraded, als es eine Schmalspurbahn werden wird. Wenn man diesen Ansatz in Wien-Neubau nicht frenetisch bejubelt, dann weiß ich auch nicht. 

Von Oppositions-Rambo Herbert Kickl ist bekannt, dass er gerne hoch hinaus möchte, weshalb es ihn eigentlich immer in die heimischen Berge zieht. Den Gedanken, gleich dort zu bleiben und seinen Käse fortan als ebenso autonomer wie autochthoner Senner zu produzieren, hatte er allerdings offenbar noch nie, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer zuletzt. Jetzt ist es aber nicht nur so, dass mittlerweile die Gletscher zerbröseln und sich, wie unlängst in den Dolomiten, in größeren Stücken Richtung Tal begeben – was natürlich nichts mit dem von der FPÖ innigst bestrittenen Klimawandel zu tun hat, aber das Bergheil trotzdem entscheidend trübt. Und billiger muss man es natürlich in Zeiten wie diesen gerade als Vertreter des kleinen Mannes sowieso und nach Nehammers Verzichtserklärung erst recht geben. Somit wird Kickl heuer wohl nur ein Dippel am Gipfel des Gippel sein. 

Alles in allem darf man beruhigt konstatieren: Wir machen Fortschritte. Die nächste Krise kann getrost kommen.