Rainer Nikowitz: Doppler-Effekt

Rainer Nikowitz: Doppler-Effekt

Sie sind unter uns. In der U-Bahn, in der Firma. Überall. Wer weiß, an wie vielen Sie heute schon arglos vorbeigegangen sind.

Nahezu täglich tauchen irgendwo neue türkische Wählerlisten auf. Peter Pilz, der Mann, der für jedes Dokument schon ein Kamerateam hat, bevor Eva Glawischnig die letzte Silbe von „Silberrücken“ zwischen den Zähnen hervorpressen konnte, will seine zwar nicht hergeben, benützt sie aber hingebungsvoll dazu, Wolfgang Sobotka zu ärgern. HC Strache hat auch eine, die wird jetzt gerade von einem Anwalt kontrolliert – sicherlich gänzlich ohne bei den freiheitlichen Mitkontrolloren für freudig erhöhten Puls zu sorgen – und dann den Behörden übergeben. Und diverse Medien haben auch eine. Da fragt sich die verunsicherte Bevölkerung schon einmal bang, ob da hoffentlich eh überall dieselben Namen draufstehen. Weil, wenn nicht, dann sind wir ja, wenn das so weitergeht, bald bei der Million. Oder wie die „Krone“ schreiben würde: fast zwei.

Aber selbst, wenn die Zahl doch noch ein wenig kleiner sein sollte, an einem lassen die diversen Listen, die de ­facto als Steckbriefe Verwendung finden, keinen Zweifel: Sie sind unter uns. In der U-Bahn, in der Firma. Überall. Wer weiß, an wie vielen Doppelstaatsbürgern auch Sie heute schon arglos vorbeigegangen sind. Ohne die geringste Ahnung zu haben! Zum Glück ist nichts passiert. Wobei: Langsam entwickelt man ja eh so eine Ahnung. Allenthalben keimt Verdacht auf.

„Du, weißt eh, der Mehmet von unter uns? Is dir aufgfallen, dass si der jetzt einen Bart wachsen lasst? Ob des net a so ein Doppelstaatsbürger is, ha?“

„Der Taxler is heut wieder mit der Kirchen ums Kreuz gfahren. Typisch Doppelstaatsbürger.“

Sogar bei Revierkämpfen im Park hat die Jagd nach dem Feind im eigenen Bett schon ihren Niederschlag gefunden.

„Heast, du Opfa!“
„Zu wem sogst du Opfa, du Doppelstaatsbürga?“

Oder beim Branntweiner. „Früher war a Doppler für mi was Positives. Heit siech i des anders.“

Es kann einen aber umgekehrt auch völlig aus heiterem Himmel treffen, wie die Mindestrenterin Josefine H. aus Favoriten: „Der Ali a Doppelstaatsbürger? Mi trifft der Schlag! Gestern erscht hab i an Schafskäs bei eam kauft. Do is er ma no ganz normal vurkumma.“


Er war immer so ruhig. Aber man kann in an Menschen halt net eineschaun.

In Bälde, wenn immer mehr Namen durchsickern, werden immer neue Zeugen im Boulevard auftreten, fassungslose Nachbarn von enttarnten Doppelstaatsbürgern („Er war immer so ruhig. Aber man kann in an Menschen halt net eineschaun.“), verängstigte Kundinnen („Mir wird ganz anders, wenn i dran denk, dass die Azra all die Jahre mei Friseurin war. I mein: Mit ana Scher in der Hand!“) und leider auch enttäuschte Freunde („Wenn die Sibel nur einmal ein Wort gsagt hätt – vielleicht hätt ich ihr helfen können. Auch mit einer Therapie oder was. Aber jetzt fühl ich da nur diese grenzenlose Leere.“).

Außerdem sollte man, nachdem leider nicht gewährleistet werden kann, dass diese Listen auch komplett sind, dringend auch noch Doppelstaatsbürgerverdachtsmeldestellen einrichten. Hiefür böte sich als Abwickler die FPÖ an, wegen einer gewissen Erfahrung bei Unternehmungen dieser Natur und dieser unbändigen kindlichen Freude daran, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Und je mehr revanchistische Hysterie wir jetzt zusammenbekommen, umso besser.

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Neues von den Wiener Grünen nach dem erfolgreichen Massenvotum der Basis gegen die Baupläne am Heumarkt, bei dem gleich 18 Stimmen den Ausschlag gaben: Jetzt spießt es sich auch beim Budget. Noch ist die Urabstimmungsfrist nicht abgelaufen, aber das Zwischenergebnis zeigt, dass es Spitz auf Knopf steht. Oder in Zahlen ausgedrückt: 3:3. Cosima ist dagegen, Ben ist dafür. Elke überlegt noch, fühlt sich aber durch die Behauptung, ein „Nein“ zum Budget würde das Ende der rot-grünen Koalition bedeuten, in ihrem Entscheidungsspielraum erheblich eingeengt. Sie muss also erst einmal weg von dem Ganzen und beim Küstenwandern in Irland in Ruhe über alles nachdenken. Beatrice ist dafür, weil heute so ein schöner Tag ist und die Gesichter irgendwie offener als sonst und man das Gefühl hat, es könnte sich etwas ändern in der Stadt, auch wenn man gerade keine Happy Pills geschluckt hat, Arthur hingegen dagegen, weil er hätte gern den Canaletto-Blick über ganz Wien wieder zurück, und den kann ihm so ein Budget auch nicht geben. Constanze war von Zwentendorf bis TTIP ausnahmslos immer dagegen, und seine Überzeugungen legt man schließlich nicht so einfach ab. Kurt wiederum ist dafür, weil … aus Koalitions­räson. Der war nie so der Philosoph. Bleibt also jedenfalls erst recht Elke, die aus Irland ausrichten lässt, dass sie es hasst, wenn alle immer mit dem Finger auf sie zeigen und sie vorerst einmal in Ruhe gelassen werden will. Sie wird den Bürgermeister und die Vizebürgermeisterin über ihre Entscheidung in Kenntnis setzen, wenn die Zeit reif ist. Aber jedenfalls erst nach Ende ihres irischen Volkstanz­kurses. Wir bleiben dran.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 18 vom 28.5.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.