Rainer Nikowitz: Du lieber Gott!

Rainer Nikowitz: Du lieber Gott!

Wenn sich ein evangelikaler Sektenguru beim Himmelvater für den heiligen Sebastian ins Zeug legen kann, ist das auch von uns nicht zu viel verlangt.

Ja, Gott. Ich weiß. Ist eine Weile her. Vermutlich seit der Erstkommunion, oder? Wo ich die ganze Zeit so dringend pinkeln musste – aber natürlich sakramentehalber nicht gehen konnte – und mir dann die schöne Kerze so lange schwitzend und verzweifelt in den Bauch gedrückt habe, bis sie abgebrochen ist. Und dann hab ich gebetet, dass das jetzt hoffentlich keiner sieht.

Ich will jetzt gar nicht bereden, dass mir das damals nichts genützt hat. Schwamm drüber, Gott. Wobei: Wenn du deswegen ein schlechtes Gewissen hast und mich bei meinem jetzigen Ansinnen unterstützt – umso besser! Denn ich würde mich ja nicht nach so langer Zeit bei dir melden, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Schließlich geht es quasi um alles. Nämlich um nichts weniger als die Fortsetzung des so erfolgreichen Reformweges in Österreich – nach Jahrzehnten des Stillstands! Um die neue Volkspartei, die nämlich keineswegs schon 33 Jahre ununterbrochen regiert und mit der alten vor allem dann nichts gemeinsam hat, wenn illegale Parteispenden aufgedeckt werden! Und natürlich um unseren heiligen Sebastian, der sich schon jetzt, wo eigentlich nur er und sonst noch keiner Wahlkampf macht, so vielen Anwürfen ausgesetzt sieht, dass man sich ernsthaft Sorgen machen muss, wie lange sein Teflon noch unzerkratzt bleibt.

Hilft’s nix, schadt’s nix, denk ich mir, man sollte in dieser Sache nichts unversucht lassen, auch wenn man vielleicht nicht den allerbesten Draht zu dir hat. Ja, du könntest sogar einwenden, dass ich ja überhaupt nicht an dich glaube. Insofern unterscheide ich mich allerdings vermutlich gar nicht einmal so stark von diesem Prediger in der Stadthalle, der sich irgendwann einmal im Rausch in der Wiese liegend gedacht hat: Dieses Dealen ist erstens scheißgefährlich und bringt zweitens noch dazu immer weniger ein. Also mach ich jetzt Folgendes: Ich hab jetzt im zweiten Bildungsweg einfach eine Erleuchtung! Und dann werd ich Guru! Das ist eine sichere Hacke, weil es immer Leute geben wird, die sogar Leuten wie mir nachrennen – und besser bezahlt ist es auch noch!

Allerdings muss ich sagen, dass mich dieses Massengebet, das der Kerl für unseren Gerade-nicht-Kanzler angeleiert hat, schon sehr beeindruckt hat. Diese erhobenen Hände über 10.000 entrückten Gesichtern. Wann hat man so was zuletzt gesehen? Für einen Politiker? Lass mich einmal nachdenken … Fällt mir jetzt nicht ein. Aber jedenfalls, Gott: Hör einmal zu!


Also bitte, Gott: Tu, was du halt so draufhast. Salbe Sebastian weiter mit Weisheit und scharfen Anzügen, strafe seine Gegner mit Sodbrennen und Filzläusen.

Diese 38 Prozent für den Basti in den jüngsten Umfragen sind zwar schön und gut – aber immer noch viel zu wenig. Da hat er nun wirklich wesentlich mehr verdient – vor allem wenn man bedenkt, was er in den letzten eineinhalb Jahren von der FPÖ alles schlucken musste. Er nämlich – und nicht etwa wir! Aber er hat sich nie beschwert, er hat die Augen geschlossen und es für Österreich getan. Wie viel mehr an Selbstaufopferung kann man denn bitteschön verlangen? Und dann erst all seine anderen herausragenden Leistungen! Ich muss dich ja wohl nicht daran erinnern, was der „richtige“ heilige Sebastian alles erdulden musste. Mit furchtbar vielen Pfeilen wurde er auf Befehl des römischen Kaisers Diokletian beschossen – und zwar von wem? Von numidischen Schützen! Und die kamen woher? Nordafrika! Algerien, Tunesien und – Libyen! Also: Mittel!meer!route!!

Das sind schon beängstigende Parallelen. Aber: Auch der alte heilige Sebastian hat diese feigen Angriffe überlebt. Allerdings hatte der es in Wirklichkeit ja ein wenig leichter, denn damals gab es noch kein Internet. Und damit auch keine gefälschten Mails, die mit der größten kriminellen Energie seit mindestens Al Capone, wenn nicht sogar Ernst Strasser, angefertigt wurden, einzig mit dem Ziel, unseren Sebastian in die Nähe von menschlichen Verfehlungen zu rücken. Wobei man ja gleich einmal gar nicht weiß, was von beiden schlimmer ist. Ich werfe jetzt an dieser Stelle, wie es ja auch Sebastian selbst oft und gerne tut, einfach einmal den Namen Tal Silberstein in diese Fürbitte. Nicht, weil der etwas damit zu tun hätte, eh nicht. Aber auch hier gilt natürlich: Hilft’s nix, schadt’s nix.

Also bitte, Gott: Tu, was du halt so draufhast. Salbe Sebastian weiter mit Weisheit und scharfen Anzügen, strafe seine Gegner mit Sodbrennen und Filzläusen. Lass den Schein weiter schön sein, das Leben ist schließlich hart genug. Schick einen Blitz, wenn das nächste Mal ein Blauer mit einem Kreuz herumwachelt, denn das wehrhafte Christentum ist jetzt wieder in der Partei zu Hause, in die es von Rechts wegen hingehört. Und lass Doskozil unbedingt weiterhin jeden Tag ein Interview geben. Auf dass bei der Wahl im September alles gut geht – und damit besser bleibt.

Also, was meinst du dazu, Gott? Gott? Hallo? Go-hott! Warum so still? Ist da jemand? Aha. Verstehe. Auch so ein Linker.

rainer.nikowitz@profil.at