Rainer Nikowitz: Hört, hört!

Rainer Nikowitz: Hört, hört!

Während sich die Medien nur mit Nebensächlichkeiten befassen, schwelt der größte Skandal der Dritten Republik nahezu unbemerkt weiter.

Als HC an diesem Morgen die Küche seiner Wohnung betrat, war sein Blick noch ein wenig ungetrübter als sonst. Scharf musterte er die Umgebung. Oberflächlich betrachtet war alles wie immer. Da der Messerblock und der Karton mit dem Seehasenrogen, dort die Käsereibe und der Inländer-Rum. Doch dann erstarrte der beliebteste Vizekanzler seit Hubert Gorbach mit einem Mal. „Philippa!“, rief er schneidend, denn schließlich waren dieser Raum und sein Inhalt ja Frauensache. „Philippa, was ist das hier?“

Natürlich musste einer wie er, der der linksgrünen Diktatur in unserem schönen Land nun schon so lange mutig die Stirn bot, immer und überall auf der Hut sein. Aber mit dem Fund der ausgeklügelten Abhöranlage in seinem neuen Büro hatte die skrupellose Verfolgung Andersdenkender ja eine selbst für ihn nie gekannte Dimension erreicht. Nicht zu fassen, dass die sogenannten Experten des BVT nach ihrer Untersuchung dieses größten Spionageskandals seit der Entführung eines unbescholtenen Bürgers aus Argentinien nach Israel im Jahr 1960 befunden hatten, es habe sich in Wirklichkeit um eine uralte Verkabelung zur Übertragung von Parlamentsdebatten gehandelt. Da sah man wieder einmal, wie recht Herbert Kickl damit gehabt hatte, in diesem unglaublichen Saustall aufzuräumen. Und selbst wenn die Kommunisten im BVT, die es sich ja offenbar auch zur Aufgabe gemacht hatten, mit von den Lefzen tropfendem Geifer honorige Mitglieder unserer Gesellschaft, die man maximal als Mitte-Rechts bezeichnen konnte, politisch zu verfolgen, mit ihrer Kabelthese zumindest nicht völlig falsch liegen sollten: Was waren Fakten denn anderes als Steine, die man ihm und seinen Mitstreitern auf dem Weg zu einer freien, von allem unbeleckten Meinungsbildung böswillig vor die Füße warf?

Außerdem waren HC seither noch ein paar andere höchst dubiose Dinge aufgefallen. Und keiner konnte einem extrem wachen und kritischen Geist wie ihm weismachen, dass es sich hiebei um simple Zufälle handelte. So viele Zufälle konnte es nicht geben – außer natürlich bei der Häufung gewisser Einzelfälle, die sich rein zufällig immer allesamt innerhalb der FPÖ zusammenballten. Jüngst im Auto etwa hatte HC auf der Suche nach dem Zigarettenanzünder – den es, wie er später erfahren musste, mittlerweile eigentlich in keinem Auto mehr gab; der nächste Mosaikstein in der empörenden Ausgrenzung von Minderheiten und Suchtkranken in diesem Land, auch dagegen musste die Gesundheitsministerin dringendst etwas unternehmen –, also jedenfalls hatte HC bei dieser Suche einen ihm unbekannten Knopf auf dem Armaturenbrett gedrückt. Und dann passierte etwas hochgradig Beunruhigendes: Plötzlich sprach eine unsichtbare Frau mit ihm! Und nicht genug damit: Offensichtlich wusste sie ganz genau, wo er sich gerade befand!


Plötzlich sprach im Auto eine Stimme zu HC. Und: Sie wusste sogar, wo er war!

Danach ging es die ganze Woche so weiter. Der Radiowecker spielte beim Aufwecken in der Früh zwei Mal hintereinander dasselbe Lied: ausgerechnet die Stalker-Hymne „Every breath you take“. Die Schweine bemühten sich also offensichtlich nicht einmal mehr, ihre dunklen Machenschaften irgendwie zu verbergen! Es war erschreckend, wie sicher sie sich fühlten. Weil ihnen das System ja klarerweise die Mauer machte, da brauchte man nur eins und eins zusammenzuzählen. Dann verstellte sich mit einem Mal seine Uhr völlig ohne sein Zutun wie von Geisterhand um eine Stunde. Unbedarfte Gemüter hätten dieses unheimliche Geschehen möglicherweise dem Beginn der Sommerzeit zugeschrieben – aber HC wäre nicht HC gewesen, hätte er es nicht besser gewusst.

Schließlich schaute ihn der Pizzabote auch noch so komisch an – und spätestens, seit Christian Kern kurzfristig einen gegeben hatte, waren ihm Pizzaboten sowieso per se suspekt. HC warf die Pizza weg. Seit dem Giftanschlag in London, den George Soros ja in einer höchst durchsichtigen Aktion den armen Russen in die Schuhe schieben wollte, musste man auch diese Eventualität einkalkulieren. HC brauchte dringend einen Vorkoster. Und zwar einen, der ständig verfügbar war. Das hieß also, dass Harald Vilimsky garantiert nicht mehr für das EU-Parlament kandidieren würde.

Aber jetzt, jetzt war die Sache endgültig vollkommen eskaliert. „Philippa! Was ist das hier?“ Seine Gattin sah ihn verständnislos an. „Das ist unsere neue Espressomaschine, Schatz.“ HCs wachsame Augen verengten sich zu Schlitzen. „Woher kommt die – und wie kommt die da her?“ – „Aus dem Espressomaschinengeschäft, Schatz. Die haben dort so viele, dass sie sie sogar verkaufen. Und weil sie doch recht schwer ist, habe ich sie mir liefern lassen, und zwei nette Herren haben sie mir heraufgetra…“

Weiter kam sie nicht. HC hatte ihr den Finger auf die Lippen gelegt. Und er sagte auch nur mehr einen Satz: „Gott, bist du naiv!“