Rainer Nikowitz: I, Robot

Rainer Nikowitz: I, Robot

Das „Hobt’s scho Mittag gessen?“ im Altersheim war nur einer von schon vielen ergreifenden Momenten im Kurz’schen Nichtwahlkampf.

So unglaublich ungekünstelt! So durch und durch natürlich! Und dermaßen überraschend herzlich – vor allem, wo man doch weiß, dass er es hart auch kann. Österreich ist noch immer hin und weg vom herzerweichenden Auftritt von Sebastian Kurz in einem Altersheim. Und dabei war das ja noch lange nicht alles! Es hat nämlich im Rahmen seiner „Das Volk und ich brauchen aber sicher kein Parlament!“-Tour noch eine Menge anderer ergreifender Begegnungen gegeben – aber Bastis uferlose Bescheidenheit verbat es ihm klarerweise, damit hausieren zu gehen. Dass jetzt doch weitere Videos publik wurden, liegt sicherlich – wie alles – auch irgendwie an der Kanzlei Lansky. Aber wir wollen uns diesfalls nicht über Gebühr beschweren, zeigen diese Aufnahmen unseren Sebastian ohnehin nur einfach so, wie er eben ist.

„Und? Flutscht’s?“

Dass unser Momentan-nicht-Kanzler keine Angst davor hat, auch dorthin zu gehen, wo’s wehtut, wird seine Fans keinesfalls überraschen, ist er doch auch jede Woche in eine Ministerratssitzung mit Herbert Kickl gegangen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber mit seinem jetzigen, mehr als mutigen Auftritt in einem Kreißsaal könnte es ihm gelingen, auch noch die letzten Zweifler zu überzeugen. Andere mögen sich einen plakativen Feminismus auf ihre Fahnen geheftet haben, aber Hand aufs Herz: Kann man sich eine Pamela Rendi-Wagner vorstellen, wie sie mitfühlend zu einer gerade tapfer gegen Überalterung und Pensionsfinanzierungsloch Angebärenden sagt: „Und? Flutscht’s?“ Wohl kaum.

Zu einem der absoluten Highlights dieser langen, dieser nahezu endlosen Reihe bemerkenswerter zwischenmenschlicher Kontakte zählt auch zweifellos Sebastians Besuch in der Strafanstalt Krems-Stein. Kurz gelang es, ähnlich wie damals dem beinahe ebenso charismatischen Johnny Cash in seinem berühmten Folsom-Prison-Konzert, das Eis zwischen ihm und den im Speisesaal versammelten Insassen sofort bei der Begrüßung zu brechen. Sie lautete: „Kinder, heute ist es ja wieder sooo schön – draußen!“ Die kollektive Begeisterung, die darauf folgte, brachte in Sebastian übrigens auch einen intensiven Nachdenkprozess bezüglich Für und Wider des humanen Strafvollzugs und der Frage, ob denn lebenslang nicht wirklich lebenslang sein sollte, in Gang. Aber genau zu diesem Zweck – zum Zuhören und daraus Schlüsseziehen – hat er seine Tour durch das Land ja schließlich auch angetreten.


Doppelter Rückwärts-Salto mit eineinhalb Schrauben

Auch im Freibad von St. Jakob am Blasenstein werden sie den Auftritt des jungen Altkanzlers noch lange in Erinnerung behalten. Und zwar erst in zweiter Linie wegen seiner am Buffet gehaltenen, feurigen Verteidigungsrede für die dort verkauften, nach allen Regeln unserer nationalen Kunst hellschwarz frittierten Pommes. Denn vor allem sorgte natürlich sein souverän vom Fünfmeterbrett ausgeführter doppelter Rückwärts-Salto mit eineinhalb Schrauben – den er während der gemeinsamen Zeit mit der FPÖ bis zur Perfektion geübt hat – für nicht enden wollende Beifallsstürme. Den hat im Freibad von St. Jakob nämlich noch nie wer gemacht. Schon gar nicht in marineblauer Stoff-Röhrlhose und weißem Hemd.

Dass hingegen das Publikum im Wiener Kasperltheater auf die in diesem Rahmen ja nun wirklich naheliegende Frage „Seid ihr alle da?“ nicht – beziehungsweise in drei Fällen sogar mit haltlosem Schluchzen – reagierte, war schon ein bisschen bedauerlich. Allerdings bekam Kurz dadurch erst die Gelegenheit, seine wahre, seine schier übermenschliche Größe zu zeigen – indem er nämlich das erboste Krokodil davon abhielt, von der Bühne herunterzukommen und erzieherisch tätig zu werden. Aber dass die Wiedereinführung der verpflichtenden Ziffernnoten auch für die Allerkleinsten überfällig war, sollte spätestens jetzt auch dem Allerverstocktesten klar sein.

„Wie schaut’s aus – mach ma dann a Hazerl?“

Im zwölften Kilometer des sommersamstäglichen Staus vor dem Tauerntunnel wiederum zeigte sich Kurz sehr sattelfest – auch und gerade, was die Street Credibility betrifft, um die sich andere zeit ihres politischen Lebens umsonst bemühen. Aber schließlich sind ja die Geilomobil-Jahre noch viel kürzer her, als es Reinhold Mitterlehner immer noch glauben kann. Also sprach Sebastian bei 35 Grad augenzwinkernd zum Fahrer eines Opel Zafira älteren Baujahrs (und also ohne Klimaanlage): „Wie schaut’s aus – mach ma dann a Hazerl?“ Unnötig zu erwähnen, wie befreit der Angesprochene auflachte und wie sicher Sebastian seine und die Stimmen seiner ganzen Familie im Sack hat. Auch wenn die aus Castrop-Rauxel war. Und nicht ganz firm im Wiener Dialekt. Aber man kann natürlich immer ein Haar in der Suppe finden, wenn man unbedingt will. Wenigstens dessen werden ja die Gegner von Sebastian Kurz nie müde. Auch wenn sie sonst ziemlich alt ausschauen. Aber ganz ehrlich: Ist das angesichts dieser übermächtigen Konkurrenz denn auch ein Wunder?

rainer.nikowitz@profil.at