Rainer Nikowitz: Lieber Django!

Rainer Nikowitz: Lieber Django!

Reinhold Mitterlehners Memoiren schreien natürlich nach einer Antwort durch den darin himmelschreiend unbeweihräucherten Kanzler.

Ich hoffe, diese Anrede ist noch korrekt. Denn es könnte ja sein, dass du dich in der verdienten Frühpension schon eher in einen anderen reitenden Helden verwandelt hast. In den kleinsten der Daltons vielleicht. Oder Sancho Pansa.

Vielleicht bleib ich also doch lieber bei: Lieber Reini! Schließlich sind wir ja Parteifreunde. Ha! Der war gut, oder? Ein mir persönlich bekannter Dichter, der nebenbei noch ein großes Ministerium schupft, in das ich ihn reingelassen habe, der hat mir geraten, ich soll „Rein Man“ schreiben. Jetzt hör ich normalerweise schon auf ihn, weil er nicht nur ein Mann des Wortes ist – aber ich fürchte, das meint er irgendwie gemein. Also … hör ich auch jetzt auf ihn!

Und auch etwas anderes sollte ich gleich vorneweg klären, damit du dir da bloß keine Schwachheiten einbildest: Ich hab dein Buch natürlich nicht gelesen. Ich hab ja was anderes zu tun auch noch. Ich weiß ja nicht, ob dir das auch wirklich ausreichend schmerzlich bewusst ist, darum wiederhole ich es hier sicherheitshalber noch einmal. Es verhält sich nämlich so, dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbringe, etwas zu tun, wo du sozialromantischer linkskatholischer Loser nicht einmal hingerochen hast, nämlich: Bundeskanzler zu sein! Eat this! Django, pffft!! Dass ich nicht lach!

Ich weiß jetzt auch gar nicht mehr, wer mir die Mail mit den Ausschnitten aus deinem unpatriotischen Machwerk geschickt hat, irgendwer, der viel Zeit dazu hat, auch die ganz hinteren Zeitungsseiten mit den voll unwichtigen Kurzmeldungen durchzublättern, muss es wohl gewesen sein. Vielleicht der Benko René, weißt eh, der interessiert sich sehr für Zeitungen und schaut sich das alles ganz genau an. Ich sag immer zu ihm, René, deine Sorgen und dem Benko sein Geld, das hätt ich gern. Da lacht er dann verschmitzt und sagt: „Na gut!“


Du solltest eigentlich wissen, dass man heute in der ÖVP vieles sagen kann. ­ Außer der Wahrheit.

Na jedenfalls schreibst du offenbar in deinem Büchl – oder lässt schreiben; von einer Falter-Redakteurin! Hat die Alice Schwarzer keine Zeit gehabt? –, wie das damals so war, als sich langsam abzuzeichnen begann, dass ich dereinst auf einer Woge der Begeisterung auf den Ballhausplatz surfen würde. Dass das alles schon längst generalstabsmäßig geplant war, behauptest du, dass meine Prätorianer deinen Freund Kern und dich sabotiert haben, wie ich dich also langsam Stück für Stück abmontiert habe … Lauter urschiache Sachen, die du da schreibst! Dabei solltest du – obwohl du kein Teil des türkisen Erfolgsmodells bist; gut, dann wär es ja auch keines! – eigentlich wissen, dass man in der ÖVP von heute vieles sagen kann. Eigentlich alles. Außer der Wahrheit.

Oder zumindest: keine Wahrheit, die nicht vorab mit mir akkordiert wurde. Es ist wirklich sehr traurig, dass ein ehemaliger Bundesparteiobmann so schnell vergisst, worauf es in dieser Partei ankommt. Auf mich, worauf denn sonst? Also muss man einfach viele Dinge auch unter dem Blickwinkel betrachten, dass ich die Balkanroute geschlossen habe. Und dass ich – ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt habe – Bundeskanzler bin und du nicht.

Mein Message-Control-Department, genauer gesagt die „Abteilung zur Bekämpfung sehr zacher Erinnerungen schwarzer Senioren“ – kurz „Abszess“ –, hat mir eine kleine Aufstellung meiner eigenen, mir und jeweils mindestens drei anderen Zeugen noch ganz genau erinnerlichen Erinnerungen gemacht, die in dein Buch unerklärlicherweise keinen Eingang gefunden haben. Und solltest du die so nicht bestätigen können – na, dann steht halt Aussage gegen Aussage. Oder: 20 Prozent gegen 35. Oder: Falter gegen Kroneheuteösterreich!

Warum erwähnst du zum Beispiel nicht, wie oft dich Angela Merkel angerufen hat – nicht etwa, weil sie etwas von dir wollte. Sondern von mir! Aber ich hatte ja meine Nummer natürlich schon damals nicht jeder x-Beliebigen gegeben …

Warum verschweigst du auch die doch nun wirklich viel über mich aussagende Geschichte, wie ich einst am Rande der Strategieklausur in Maria Plain diesen Kellnerlehrling mittels Handauflegen von seiner schweren Akne geheilt habe? Es muss dir doch heute nicht mehr peinlich sein, dass du damals bewegt in die Knie gesunken bist und eine Linderung deines Fersensporns erbeten hast. Was ist weiters mit dem Ischias von Gernot Blümels Cousine? Die hatte überhaupt nur ein Foto von mir in der Badehose. Oder was ist mit Andrä Rupprechters Burnout, das er vorher nicht hatte – und dann auf einmal schon? Alles vergessen?

Warum gibst du nicht zu, dass das BIP um 0,1 Prozent gewachsen ist, wenn ich mir nur die Kurve angeschaut habe? Weißt du noch, wie mich Arnold Schwarzenegger um ein Autogramm gebeten hat – für George Clooney? Und du wirst doch hoffentlich nicht vergessen haben, dass ich die Lottozahlen jedes Mal im voraus gewusst habe – sie aber nie selber gespielt, sondern immer nur den Armen und Bedürftigen verraten habe? Ich wollte über all das ja eigentlich nicht sprechen. Aber wie sagte schon Andreas Khol? Die Tochter hat keine Zeit für die Wahrheit. Oder so.