Rainer Nikowitz: Tagwacheee!

Rainer Nikowitz: Tagwacheee!

Lang geschlafen heute? Noch nichts geleistet? Dann müssen Sie ein Wiener sein!

Nach allem, was der Kanzler durch die getönten Scheiben seiner Dienstlimousine erkennen konnte – und eigentlich kannte er die Welt ja nur aus dieser Perspektive –, war da draußen alles so, wie an jedem anderen Morgen auch. Menschenleere Straßen, bis auf die armen Kinder, die ungekampelt und ohne Bügelfalte in der Hose den Schulweg absolvieren mussten. Sonst war da wie üblich niemand, was aber nicht weiter verwunderlich war, denn schließlich war da draußen ja Wien, dieser versiffte, von Faulenzern und Minderleistern abgewirtschaftete Moloch, in dem Basti zwar immer schon gelebt, von dem er sich aber nie wirklich verstanden gefühlt hatte. Und das konnte klarerweise nur daran liegen, dass sich Wien einfach nicht genug angestrengt hatte.

Gut, in Sievering. In Sievering war es wohl anders, da waren die Shareholder sicherlich schon wach und checkten die Kurse. Von nichts kommt ja bekanntlich nichts. Auch draußen im Ruralen, wo die Welt unter dem Herrgottswinkel – in dem man nun wirklich niemandem mit den Fake News zu kommen brauchte, die Caritas sei irgendwie katholisch – noch rot-weiß kariert war, also in Ordnung, und wo man Basti im Gegensatz zu den durch und durch verdorbenen Städten zum Glück so richtig zu schätzen wusste, waren die Spargelbarone mit dem täglichen Nachzählen ihrer Förderungen schon fertig und wienerten jetzt sicherlich emsig ihren Dritt-Mercedes. Sonst hatten sie, obwohl sie vor Tatendrang nur so strotzten, im Winterhalbjahr ja eher weniger zu tun. Eigentlich gar nichts. Aber immerhin konnte man bei ihnen davon ausgehen, dass sie das Richtige wählten – was ja auch im total neuen und endlich voll gerechten Österreich immer noch eine Leistung darstellte, die natürlich entsprechend honoriert gehörte.


Oder erst der Vizekanzler. Wie weit der es bitteschön gebracht hatte – und das praktisch ohne jegliche Ausbildung.

Aber der Wiener Pöbel? Lag auf der faulen und in seinem Fall sicherlich auch noch unreinen Haut und verschwendete keinen Gedanken daran, dass man jetzt eigentlich schon längst in der Arbeit sein müsste, wenn sich die vom Chef freiwillig verordneten zwölf Stunden noch ausgehen sollten. Aber das war halt für die alle nichts. Niemand brauchte dem Kanzler damit zu kommen, dass viele möglicherweise nicht freiwillig arbeitslos waren. Weil sie zu alt waren, nicht mehr fit genug, zu ungeschickt oder vielleicht gar zu dumm. Oder zu depressiv, weil sie schon so lange arbeitslos waren. Der Kanzler mochte keine Depressiven. Die waren total undynamisch, oft nachlässig gekleidet und machten schlechte Stimmung. Man musste die Depressiven auch deutlich unterscheiden von den Deprimierenden. Zweitere machten zwar auch schlechte Stimmung – aber eine nützliche. Sonst hätte der Kanzler ja nicht mit ihnen koaliert.

Jeder, der arbeiten wollte, konnte auch. Das war Bastis tiefe Überzeugung, und dafür waren auch keine irgendwie empirischen Beweise notwendig. Für so einen schönen Glaubenssatz, der an jedem Stammtisch hielt, musste das Bauchgefühl reichen. Und wenn es das von Beate Hartinger-Klein war. Basti selbst war ja auch – wie für so vieles Gutes und Schönes – das beste Beispiel dafür. Fand er. Seine steile Karriere hätte er sicher nicht gemacht, wenn er nicht immer schon ganz dringend gewollt hätte. Oder erst der Vizekanzler. Wie weit der es bitteschön gebracht hatte – und das praktisch ohne jegliche Ausbildung, die ihn irgendwie dazu befähigt hätte! Wenn man von der Charakterformung in den Wehrsportlagern einmal absah. Und darum brauchte dem Kanzler auch niemand mit irgendwelchem Armutsgesäusel kommen. Wer arm war, war selber schuld, und aus. Wie hatte Bertha von Suttner einst gesagt? „Sollen sie doch Kuchen essen!“ Oder war das Florence Nightingale gewesen? Da war sich Basti im Moment nicht so sicher. Aber irgendeines seiner großen Vorbilder würde es schon gewesen sein.


Dieses Widerstandsnest würde ausgeräuchert werden, so wahr er das größte politische Talent seit Karl-Heinz Grasser war.

„Schneller“, sagte er für seine Verhältnisse erstaunlich konkret. Aber es ging ja schließlich auch nicht um die Details der größten Steuerreform aller Zeiten. Der Chauffeur gehorchte wortlos, so hatte Basti das gern. Er wollte dieses ganze staatszersetzende Elend da draußen, diesen ostentativ verweigerten nationalen Schulterschluss nicht mehr länger sehen. Und er würde auch alles tun, damit er das nicht länger musste. Dieses Widerstandsnest würde ausgeräuchert werden, so wahr er das größte politische Talent seit Karl-Heinz Grasser war. Wien würde erst wieder gesunden, wenn es endlich eine Stadtregierung hatte, die auch in der verrotteten Hauptstadt das verkörperte, was die Vaterländische Front im Bund vorlebte. Also Verstand – und Anstand. Verkörpert durch das Duo Blümel – Gudenus!

Wobei man möglicherweise vor allem für Gudenus noch einen dritten, besser zu ihm passenden Begriff finden musste. Aber schließlich hatte ja auch niemand gesagt, dass es leicht sein würde, Österreich wieder dorthin zu bringen, wo es schon einmal gewesen war.

rainer.nikowitz@profil.at