<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Um die Wurst

Noch nie war das Land so nah am Abgrund gestanden. Würde es Österreich noch gelingen, seine eigene Haut zu retten?

Wenn jemand in diesen dunklen Tagen, in denen die Sonne nur für Menschen aufging, denen ohnehin schon alles rund um sie herum vollkommen egal war, auf die abstruse Idee verfallen wäre, die Situation als ernst zu bezeichnen, wäre das der Wahrheit gerade einmal so nahegekommen wie Österreich dem Fußball-Weltmeistertitel in den nächsten drei bis vier Jahrhunderten. Die Situation war auf gar keinen Fall ernst. Die Situation war günstigstenfalls katastrophal.

Der Krisenstab im Bundeskanzleramt tagte mittlerweile schon seit einer Woche in Permanenz. Nicht nur sämtliche wichtigen Bundespolitiker und natürlich die Landeshauptleute, die zwar diesbezüglich wie sonst auch fast immer keine Kompetenzen hatten, aber wenigstens gerade nichts Besseres zu tun, nahmen daran teil. Nein, es hatte auch wieder die Stunde der Generäle geschlagen. Und nicht zuletzt jene der Bischöfe, die sich endlich wieder wichtigen Fragen widmen durften und nicht nur Orchideenthemen wie homosexuellen Pfarrgemeinderäten, die von Seelsorgern mit Konkubinen eines Lebens in Sünde geziehen wurden.

Ab und zu wurde ein Minister dabei ertappt, wie er übernächtig und graugesichtig durch den Hinterausgang flüchtete – wenn er nicht überhaupt den Wolfgang-Schüssel-Gedächtnisstollen unterhalb des Ballhausplatzes benützte –, um vor der Meute der wartenden Reporter sicher zu sein.

Allerdings war das große Interesse der staatstragenden Medien, also „Krone“, „Heute“ und „Österreich“, an dieser Causa nur allzu verständlich. Noch nie in der Geschichte der Zweiten Republik war das Land dermaßen knapp vor dem Abgrund gestanden. Und die verängstigten, vielfach sogar haltlos verzweifelten Bürger hofften natürlich auf eine Nachricht, die ihnen diese schreckliche Angst nehmen würde. Darauf, dass der Bundeskanzler vor die Presse treten und sagen würde: „Liebe Österreicherinnen und Österreicher, ich weiß, Sie haben in den letzten Tagen kein Auge zugemacht. Aber ich versichere Ihnen hiemit: Sie können wieder ruhig schlafen. Die Gefahr, die über unserem schönen Österreich geschwebt ist wie das große böse Raumschiff in ,Independence Day‘, ist gebannt. Diese Krise ist vorbei.“

Aber noch, noch war diese Krise leider keineswegs vorbei. Ganz im Gegenteil. Es gab nicht nur keine Anzeichen einer Entspannung, nein, die Fronten verhärteten sich immer nur noch weiter. Der Feind war komplett uneinsichtig. Er weigerte sich hartnäckig, sich die klarerweise einzig richtige Sicht der Dinge – also die österreichische – zu eigen zu machen, und steuerte mit dieser unverantwortlichen Eskalationsstrategie auf ein Szenario zu, von dem niemand auch nur im Traum gedacht hätte, dass es im vereinten Europa noch eintreten könnte.

Der Mann, der in dieser unerfreulichen Auseinandersetzung zuvorderst an Statur gewann, war Niki Berlakovich. Auch wenn manche einwandten, wenn jemand vorher überhaupt keine Statur gehabt habe, dann sei es ja nicht so schwer, daran zu gewinnen. Das war natürlich gemein, denn der Burgenländer, über den zuvor schon lächerliche Ablösegerüchte die Runde gemacht hatten, war ja nun wirklich ein Mann, der sich nie davor gescheut hatte, auch einmal dorthin zu gehen, wo es anderen wehtat.

Aber so etwas wie diese Geschichte hatte selbst der Landwirtschaftsminister, der in diesen schicksalhaften Stunden mit Mut und Festigkeit zum heimlichen Führer dieser Operation aufgestiegen war, zum stillen Helden der Regalbetreuerinnen und zum Role Model der Kampfhundebesitzer mit vierfärbigen Jogginghosen, noch nicht erlebt.

Keinen Zentimeter würde er zurückweichen, so viel stand für Nikolaus fest. In einer Frage von solch eminenter Wichtigkeit, in der es nicht nur um das wirtschaftliche Überleben der fettverarbeitenden und herzkranzgefäßverstopfenden Industrie ging, sondern um die (Trommelwirbel bitte jetzt) Tra!di!tion! – da war mit ihm noch weniger gut Kirschen essen als sonst eh schon.

Er würde jetzt diesen Slowenen, die frech behaupteten, bei ihnen gebe es einen Landstrich, der irgendwie so ähnlich heiße wie das, was sie Österreich zu stehlen gedachten, ein für alle Mal zeigen, woher der Wind wehte – und wohin sie sich ihr uneuropäisches Ansinnen stecken konnten.
Nikolaus Berlakovich stellte sich also vor einen Würstlstand, die Haltung unerbittlich und die Miene eisern. In der Hand hielt er einen Pappteller, auf dem eine Eitrige lag, allerdings nicht begleitet von einem Buckel, sondern von einer Semmel. „Minister Berlakovich kämpferisch“, stand unter dem Foto. „Wir lassen uns die Käsekrainer nicht verbieten!“

Und die Kunde hallte wider von den grünen Hängen des Leithagebirges, rollte gen Brüssel und sandte ein gewaltiges Echo gen Laibach. Wehret den Anfängen! Sonst behaupten die Falotten nächstes Mal, die Lipizzaner gehören auch ihnen. Aber nicht mit uns. Weil wir können auch anders. Wir haben schließlich einen Minister Berlakovich. Und das kann nicht jeder von sich behaupten.

rainer.nikowitz@profil.at