<small><i>Robert Treichler</i></small>
Heiliger Bimbam

Müssen sich die Christen zusammenrotten und Verteidigungsstrategien aushecken? Bloß nicht!

Hätte der Papst Kinder, würden sie bestimmt nicht Finn, Oona oder Ali heißen. Eher schon Adam und Eva. Man mag einwenden, dass es kaum einen Grund gibt, sich darüber Gedanken zu machen, wie der kinderlose Heilige Vater seine Nachkommen nennen würde. Stimmt. Er hat keine Kinder, weil er keine haben darf, so steht es in seinem Dienstvertrag. (Hätte er trotzdem welche, würde er sie, anders als manche seiner Vorgänger, wohl nicht anerkennen.)

Die interessantere Frage ist: Warum kümmert sich Benedikt XVI. darum, wie wir unsere Kinder nennen? Er tat das kürzlich in einer Rede, in der er dazu aufrief, Kindern eindeutig christliche Namen zu geben. Er pochte damit auf eine Bestimmung des Kirchenrechts, in der es heißt: "Die Eltern, die Paten und der Pfarrer haben dafür zu sorgen, dass kein Name gegeben wird, der christlichem Empfinden fremd ist.“ Aber wieso ermahnt der Papst seine Herde gerade jetzt, ihre Lämmer deutlich zu kennzeichnen?

Der Papst tut dies, unmittelbar nachdem er in seiner Neujahrsansprache die Regierungen in aller Welt aufgefordert hat, die Christen besser zu schützen. Wenige Tage später wiederholte er seine Forderung während einer Audienz für Diplomaten in Rom und richtete den Appell auch an die islamischen Religionsführer. Der Grund dafür war das Massaker eines Selbstmordattentäters, der in der ägyptischen Stadt Alexandria 23 koptische Christen getötet hatte. Der Begriff der "Christenverfolgung“ machte die Runde. Er steht für eine mythisch verklärte Epoche, als die Christen im alten Rom wegen ihres Glaubens gefoltert und hingerichtet wurden. Daraus entstand ein sinnstiftender Märtyrerkult, der bis heute tradiert wird. "Aus dem Blut der Märtyrer (auch der von Alexandria) wachsen immer wieder neue Christen hinzu“, hieß es nach dem Attentat in einem Beitrag auf der Website von Radio Vatikan.

Niemand kann etwas dagegen haben, dass das Oberhaupt der Christen sich um seine Anhänger sorgt. Allerdings kippte die Sorge rasch in eine Atmosphäre der Lagerbildung. Christliche Politiker witterten eine Chance, Flagge für die Glaubensbrüder zu zeigen. Der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller, sagte: "Wir sollten unsere Entwicklungshilfe an der Frage ausrichten, ob in einem Land Christen vom Staat oder einer anderen Seite verfolgt werden.“

Die Botschaft ist klar: Wir Christen müssen uns verteidigen. Wir versammeln uns um das Kreuz, geben unseren Kindern demonstrativ christliche Namen und drohen denen, die Mit-Christen verfolgen.

Ist daran etwas falsch? Allerdings. "Die gegen uns und wir gegen die“ ist keine Lösung, sondern der Anfang vom Ende. Europa darf seine Entwicklungshilfe auf keinen Fall danach ausrichten, ob Christen in einem Land verfolgt werden. Europa müsste allenfalls Entwicklungshilfe daran knüpfen, dass in einem Land überhaupt niemand verfolgt wird - eine letztlich jedoch unpraktikable Idee.

Der Papst forderte auch die Abschaffung des Blasphemie-Gesetzes in Pakistan. Es stellt "Gotteslästerung“ unter Strafe und brachte einer fünffachen Mutter in erster Instanz die Todesstrafe ein. Jeder vernünftige Mensch muss gegen dieses Gesetz sein. Aber jeder vernünftige Mensch sollte gegen jedes Blasphemie-Gesetz sein. Wo war der Papst, als das erzkatholische Irland im vergangenen Jahr sein Blasphemie-Gesetz verschärfte? Wo war die Kirche, als der langjährige profil-Zeichner Gerhard Haderer bei einer Ausstellung seiner Jesus-Karikaturen in Kassel Bombendrohungen bekam und der Bundesgrenzschutz die Galerie sichern musste? Auf der Seite der Ankläger.

Die katholische Kirche darf stolz behaupten, Religionsfreiheit heute als Grundwert zu verfechten, während etwa ein Großteil der islamischen Welt weit von einer solchen Haltung entfernt ist. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Menschenrecht auf individuelle Religionsfreiheit über Jahrhunderte von ihr bekämpft worden ist. Die Kirche sollte andere Religionsgemeinschaften nicht belehren, sondern ihnen im Bewusstsein ihrer eigenen, unrühmlichen Geschichte klarmachen, wie unverzichtbar - wenn auch schmerzvoll - ein Umdenken ist.

Die Vorstellung, selbst im Besitz der Wahrheit zu sein, während andere im Irrtum leben, hat bei Gläubigen aller Religionen immer wieder teils fragwürdige Reflexe hervorgerufen. Das beginnt bei harmlosen Phänomenen wie äußerlicher Abgrenzung durch Kleidung und Namensgebung und geht bis zur Verfolgung und Unterdrückung. Einzig die Aufklärung, deren Postulat, dass der Einzelne frei über seinen Glauben oder Nicht-Glauben entscheiden kann und jede Religion gleichgestellt ist, konnte dies überwinden.

Wenn Christen die völlige Gleichwertigkeit der Religionen im öffentlichen Leben verächtlich als "Relativismus“ bezeichnen, lassen sie befürchten, dass sie noch nicht in der Moderne angekommen sind. Europa hat keinen Gott, und das ist die Basis für die Freiheit aller Gläubigen auf unserem Kontinent. Das ist die Haltung, die wir aller Welt empfehlen sollten.

Adam und Eva sind übrigens sehr schöne Namen. Finn, Oona und Ali auch.

treichler.robert@profil.at