<small><i>Rosemarie Schwaiger</i></small>
Das Duracell-Prinzip

Alexander Wrabetz ist nicht der schlechteste ORF-Chef. Aber er hat den größtmöglichen Schaden angerichtet.

Es ist schwierig, aus der Mimik von Alexander Wrabetz Schlüsse zu ziehen. Hat er sich über seine Wiederwahl zum ORF-Generaldirektor von Herzen gefreut? War er stolz, weil er mit 29 von 35 Stimmen im Stiftungsrat ein Rekordergebnis einfuhr? Oder ist ihm klar, dass noch nie ein ORF-Chef so beschädigt seinen Dienst antrat, wie er das im Jänner tun wird?

Wrabetz kann in den fünf Jahren seiner zweiten Amtszeit machen, was er will – den schlechten Ruf, der ihm ­vorauseilt, wird er nicht mehr einholen. Er gilt jetzt als Parteisoldat der SPÖ, der seine zweite Amtszeit vor allem mit guter Miene zum bösen Spiel sicherte. Der sogar vor Nachwuchsintriganten wie Laura Rudas und Niko Pelinka kuscht, wenn es nötig ist. Von einer solchen Nachrede erholt man sich nicht mehr.

Ein mutiger Manager könnte die verkorkste Ausgangslage vielleicht nutzen, um ohne Rücksicht auf Verluste endlich einmal alles zu tun, wovon er überzeugt ist. Wer nichts mehr zu verlieren hat, lebt entspannter. Aber Wrabetz ist nicht mutig. Er ist in erster Linie zäh.

Alexander Wrabetz hatte in den vergangenen Wochen eine Menge schlechter Presse. Manches davon war ungerecht. Der neue alte Generaldirektor hat seinen eigentlichen Job auf dem Wiener Küniglberg nicht so unterirdisch schlecht gemacht, wie dieser Tage gern behauptet wird. Die Marktanteile des ORF sind gesunken, aber das wären sie wohl unter jeder Führung. Es gab zwei Jahre mit herben Verlusten, aber in der Wirtschaftskrise haben ganz andere Manager-Kaliber rote Zahlen geschrieben. Die ÖVP fahndete lange und mit viel Eifer nach groben, für einen Skandal tauglichen Verfehlungen des Generaldirektors – und fand keine. Die Ära Wrabetz I wird in die Annalen des ORF weder als goldenes Zeitalter eingehen noch als eine einzige Katastrophe. Der Kapitän navigierte seinen großen, ungelenken Kasten irgendwie durch den Sturm, beileibe nicht unfallfrei, aber wenigstens ohne Frontalcrash.

Wirklich unverzeihlich war etwas ganz anderes: Wrabetz’ Ergebenheit auch noch den größten Gemeinheiten gegenüber, die ihm aus der Politik um die Ohren flogen. Was immer ihm zugemutet wurde, Wrabetz wehrte sich nicht – weder gegen dreiste Personalwünsche der Parteien noch gegen persönliche Beleidigungen. Er setzte seine freundlich-indifferente Miene auf und vertraute darauf, dass es schon irgendwann besser werden würde. Alexander Wrabetz hat dafür gesorgt, dass der Spitzenjob in Österreichs größtem Medienkonzern jetzt wie ein Trostpreis aussieht; gewonnen von dem Kandidaten, der – wie der Duracell-Hase aus der Fernsehwerbung – entgegen aller Wahrscheinlichkeit nicht schlappmachte. Nicht einmal in der Stunde seines Triumphs wagte sich Wrabetz aus der Deckung. Auf die Frage, ob Niko Pelinka demnächst einen Job beim ORF bekommen werde, antwortete der Chef: „Er hat das für sich ausgeschlossen.“ Ach so. Na dann.

Es wird Leute geben, die Alexander Wrabetz um seine buddhistische Duldsamkeit beneiden. Doch er öffnete mit seinem Verhalten Türen, die sich wohl lange nicht mehr schließen lassen werden. Seine Nachfolger auf dem Küniglberg wissen jetzt, dass es sich lohnen kann, die Selbstachtung für ein paar Jahre wegzusperren. Wer sich schlecht behandeln und öffentlich desavouieren lässt, bekommt eine zweite Amtszeit. Vor allem aber haben Österreichs Politiker in Wrabetz den lebenden Beweis, dass sie mit dem ORF machen können, was immer ihnen beliebt. Am Schluss feiert man dann eine rauschende Wahlparty auf der Summerstage. Nix passiert, alles wieder gut.

Skandal ist ein zu mildes Wort für das, was die Regierungsparteien in den vergangenen Jahren mit dem ORF und seinem Chef aufführten. Das gilt zunächst einmal für die SPÖ, die Wrabetz erst monatelang links und rechts abwatschte, um ihn dann wieder ganz fest an die Brust zu drücken. Dem Sinneswandel lag nicht etwa höhere Einsicht zugrunde, sondern lediglich die Feststellung, dass sich auf die Schnelle in den eigenen Reihen kein ungefährlicher Ersatz für den ORF-Chef finden ließ. Es gilt aber auch für die ÖVP, die Wrabetz und mit ihm das Unternehmen in den vergangenen Monaten nach Kräften verunglimpfte – um jetzt doch noch an den traurigen Resten zu nagen. Wenn die kolportierten Personalpakete nur ansatzweise Realität werden, bekommt auch die Volkspartei ein paar hübsche Pöstchen. Dafür durfte sich Wrabetz über sieben Stimmen aus dem schwarzen Lager freuen.

Selbst wenn der ORF-Chef in den nächsten fünf Jahren etwas mehr Fortüne bei seinen Programminnovationen hat als bisher, wird der Sender weiter Marktanteile verlieren. Die Konkurrenz wird größer und das Publikum mobiler. Allen öffentlich-rechtlichen Sendern geht es so. Der ORF brauchte ein Konzept, das ihn weniger abhängig von den Launen der Zuseher, der Werbewirtschaft und, das zuvorderst, der Politik macht.

Die Wiederwahl von Alexander Wrabetz stellt sicher, dass es ein solches Konzept für sehr lange Zeit nicht geben wird.

schwaiger.rosemarie@profil.at