Rosemarie Schwaiger
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© Alexandra Unger

Meinungen
01/25/2020

Rosemarie Schwaiger: Wie loyal ist Frau Wiesinger?

Wir sollten über die Misere an den Schulen reden, nicht über die Manieren einer Buchautorin.

von Rosemarie Schwaiger

Die katholische Kirche in Österreich hatte zuletzt wenig Grund zum Feiern. Ende vergangener Woche gab es zur Abwechslung eine aus Sicht der Glaubensgemeinschaft gute Nachricht zu vermelden: Die Zahl der Schüler in katholischen Privatschulen steigt. Aktuell sind es fast 75.000 – um über sechs Prozent mehr als vor fünf Jahren, bei insgesamt stagnierenden Schülerzahlen. Der Zuwachs hätte noch höher ausfallen können, wenn die Zahl der Plätze nicht begrenzt wäre. Man habe an vielen Standorten Bewerber abweisen müssen, weil die Schulen bereits ausgebucht waren, hieß es im Interdiözesanen Amt für Unterricht und Erziehung.

Mit boomender Religiosität hat dieser Andrang indes nichts zu tun, das weiß gewiss auch der Kardinal. Es handelt sich schlicht um ein Ausweichmanöver. Wer es irgendwie einrichten und bezahlen kann, erspart seinem Nachwuchs die Konfrontation mit dem öffentlichen Bildungssystem. Den nichtkonfessionellen Bereich mit eingerechnet, besucht schon jedes zehnte österreichische Kind eine private Schule. In Wien ist es fast jedes fünfte.

Diese Zahlen wären ein guter Anlass für eine ausführliche Debatte. Immerhin leistet sich Österreich ein besonders teures öffentliches Schulsystem. Warum ist dieses Angebot vielen Eltern offensichtlich nicht gut genug? Welche Besonderheiten machen die Schulbrüder, das Lycée oder das Paulinum so verlockend? Was veranlasst selbst prominente SPÖ-Politiker dazu, ihre Söhne und Töchter in Privatschulen zu schicken – während die Partei doch seit Menschengedenken die Abschaffung sämtlicher Privilegien mittels Gesamtschule postuliert?

Gesprächsthemen gäbe es also genug. Stattdessen haben wir gerade tagelang die Frage erörtert, warum die ehemalige Lehrerin Susanne Wiesinger so gemein ist und unbedingt schon wieder ein Buch schreiben musste. Eh auch ganz prickelnd. Aber halt nur, wenn man gar keine anderen Sorgen hat.

Wiesinger landete im Vorjahr mit dem Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ bekanntlich einen Bestseller und legte jetzt mit „Machtkampf im Ministerium. Wie Parteipolitik unsere Schulen zerstört“ noch einmal nach. Dass sie ihre Arbeit als Ombudsfrau im Unterrichtsministerium als Recherchegrundlage für ihr Buch verwendete und die Ministerialbürokratie darin heftig kritisiert, löste ebendort groben Ärger aus. Kann man gerade noch verstehen. Weniger einleuchtend war, dass letzte Woche sogar Journalisten ausrückten, um der Autorin fehlende Loyalität zu ihrem Arbeitgeber vorzuwerfen. So streng ist unsereins sonst nicht; eine ganze Menge Exklusivgeschichten wäre andernfalls nie geschrieben worden.

Österreichische Schüler sind im internationalen Vergleich nicht einmal Durchschnitt.

Wiesinger teilt nach allen Seiten aus, das macht sie zu einem Unikum in der Bildungslandschaft. Lösungen hat sie auch nicht parat, das stimmt. Aber keiner kann der ehemaligen Pädagogin und SPÖ-Gewerkschafterin vorwerfen, nicht zu wissen, worüber sie Klage führt. Wer Pädagogen in seinem Bekanntenkreis hat, wird vieles schon genau so oder ganz ähnlich gehört haben: Schulpolitik ist ein ideologischer Grabenkampf, in dem die Bedürfnisse der Kinder auf der Prioritätenliste oft ganz unten stehen. Die Neue Mittelschule hat nie wie geplant funktioniert; das Konzept ist teuer, sorgt aber nicht dafür, dass die Kluft zum Gymnasium kleiner wird. Die starke Zuwanderung der vergangenen 20 Jahre wirkte sich massiv auf das Bildungssystem vor allem der Großstädte aus. In Wien haben aktuell nur noch vier von zehn Volksschülern Deutsch als Umgangssprache. Entsprechend schwierig gestaltet sich der Unterricht. Viele Lehrer sind, wiederum hauptsächlich in Ballungsgebieten, komplett überfordert, weil sie sprachliche, kulturelle, religiöse und soziale Konflikte gleichermaßen lösen sollen und von der Politik zu wenig unterstützt werden.

Das alles blieb natürlich nicht ohne Folgen, wie der Pisa-Test regelmäßig beweist. Österreichische Schüler sind im internationalen Vergleich nicht einmal Durchschnitt. Gegen Ende ihrer Schulpflicht schaffen es fast 20 Prozent der Jugendlichen nicht, auch nur halbwegs komplexe Texte zu verstehen. Für ein hoch entwickeltes Industrieland mit einem der weltweit teuersten Sozialsysteme ist das ein zutiefst beschämender Befund.

Wahrscheinlich gibt es den Königsweg nicht, der alle Probleme gleichzeitig löst. Aber angesichts der Aufregung, die heutzutage oft schon bei lächerlichen Anlässen herrscht, wäre etwas mehr kollektives Bemühen um funktionierende Schulen durchaus angebracht. Stattdessen hat man im Gespräch mit Bildungspolitikern und -experten oft den Eindruck, korrektes Gendern sei im Zweifel von größerer Bedeutung als ein paar strukturelle Analphabeten weniger.

Die Eliten werden es sich weiterhin richten und ihre Kinder ins Theresianum schicken können. Alle anderen sind darauf angewiesen, dass man auch im öffentlichen Schulsystem noch etwas lernt.

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