Rosemarie Schwaiger: Zweiklassengesellschaft

Rosemarie Schwaiger: Zweiklassengesellschaft

Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen kommen im Schulsystem zu oft unter die Räder. Soll man versuchen, das zu ändern? Bloß nicht, finden Experten.

Es ist Prüfungszeit an den heimischen Schulen. Deshalb auch an dieser Stelle etwas Denksport zum Aufwärmen: Jeder sechste Jugendliche in Österreich kann nach Ende der Schulpflicht einfachste Texte nicht sinnerfassend lesen. Weitere 28 Prozent straucheln, sobald der Inhalt eine Spur komplexer wird. Besonders schlecht schneiden Kinder von Zuwanderern ab; viele haben noch als Erwachsene große Schwierigkeiten mit der Landessprache. So weit die Ausgangslage. Und jetzt bitte ankreuzen: Ist diese Situation a) ein Indiz dafür, dass an den Schulen einiges ganz massiv falsch läuft und dringend geändert werden müsste, oder b) der Beweis, dass der Deutschunterricht prima funktioniert und genau so bleiben muss, wie er derzeit ist?

Wer die Frage zu einfach findet, hat in den vergangenen Tagen nicht aufgepasst. Da geisterten nämlich zahlreiche Experten durch die Medien, die überraschend zu Antwort b tendieren. Schuldirektoren, Lehrergewerkschafter, Erziehungswissenschafter und Politiker der Opposition machen derzeit mobil, um mit erheblichem Furor den Status quo zu verteidigen. Hauptziel ihrer Attacken ist Bildungsminister Heinz Faßmann, der einen besonders perfiden Plan verfolgt: Er will etwas ändern. Schulanfänger mit unzureichenden Sprachkenntnissen sollen ab Herbst in eigenen Deutschförderklassen unterrichtet werden. Die Trennung wird nicht für alle Fächer gelten (geturnt, gezeichnet und gebastelt wird weiterhin im Kollektiv) und natürlich nicht für die Dauer der gesamten Schulzeit, sondern höchstens zwei Jahre lang.

Einige Wiener Schuldirektoren erbost das so, dass sie offen über einen Boykott nachdenken. Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer hätte dafür „großes Verständnis“, wie er sagte. Sonja Hammerschmid, ehemalige Unterrichtsministerin der SPÖ, spricht von einer „Ho-Ruck-Aktion, um die Wahlkampfslogans von Kurz und Strache zu bedienen“. Eine Plattform namens „Aktionsbündnis Bildung“ ruft zum Schulstreik gegen Schwarz-Blau auf. Der Grund: „Die Regierung schert sich offensichtlich nicht um die Zukunft von jungen Menschen, die keine reichen Eltern haben.“ Einig sind sich die Gegner darin, dass den Kindern großer Schaden zugefügt werde, weil „Sechsjährige nicht durch Vokabel-Pauken Deutsch lernen, sondern vor allem durch die Interaktion mit deutschsprachigen Schülern“, wie eine Lehrerin erläuterte.

Jetzt müsste man bloß noch herausfinden, warum das bisher nicht so toll funktioniert hat.

Organisatorisch scheint die Idee von Schwarz-Blau tatsächlich kein Meisterstück zu sein. An manchen Standorten fehlt der Platz für zusätzliche Klassenräume. Auch Details zur Finanzierung des Projekts blieben bis dato eher wolkig. Triftige Gründe für Kritik gibt es also durchaus. Aber den Reformbedarf per se aus Trotz, Bequemlichkeit oder ideologischer Verbohrtheit zu leugnen, ist grob fahrlässig. Niemand wird bestreiten, dass die starke Zuwanderung der vergangenen beiden Jahrzehnte massive Auswirkungen auf das Schulwesen hatte, ganz besonders auf jenes in der Bundeshauptstadt. Über 40.000 Kinder in Österreich werden aktuell wegen mangelnder Sprachkompetenz als „außerordentliche Schüler“ geführt, also nicht benotet.


Wie jede Debatte über die Bildungspolitik trieft auch die aktuelle vor Doppelmoral.

In Wien betrifft das jedes fünfte Volksschulkind. Es gibt Klassen, in denen mehr als zwei Drittel der Kinder weder zu Hause noch in ihrer Freizeit Deutsch sprechen. Natürlich beherrschen manche dieser Kinder die Sprache trotzdem. Die übrigen beginnen ihre Bildungslaufbahn mit der Erfahrung, den Anforderungen von Haus aus nicht zu genügen – ganz egal, wie sehr sie sich anstrengen. Ob das pädagogisch wertvoll ist, kann jeder selbst beurteilen, der sich noch an die eigene Schulzeit erinnert.

In der Wissenschaft hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass Kinder am schnellsten und einfachsten von anderen Kindern lernen. Klingt einleuchtend. Aber es wird dabei nicht ganz egal sein, wie die Kompetenzen verteilt sind. Wenn in einer Klasse nur eine Minderheit Deutsch versteht und spricht, kann die Sache mit der Vorbildwirkung schnell kompliziert werden. Deshalb gibt es schon jetzt verpflichtende Sprachförderkurse. Die anstehende Reform geht nur einen Schritt weiter – von einer umfassenden Systemumstellung kann keine Rede sein. Gut möglich, dass auch Faßmanns Konzept keinen Erfolg haben wird, aber im Gegensatz zur geltenden Praxis ist das Nichtfunktionieren in diesem Fall wenigstens nicht empirisch belegt.

Wie jede Debatte über die Bildungspolitik trieft auch die aktuelle vor Doppelmoral. Ganz ohne separate Deutschkurse herrscht im österreichischen Schulsystem längst eine Zweiklassengesellschaft. Wer es sich richten kann, schickt den Nachwuchs eher nicht in das bunte, sprachlich und kulturell herausfordernde Umfeld, das in der Theorie so gern gepriesen wird. Die Kinder vieler Politiker, Universitätsprofessoren, Manager, Künstler und Journalisten haben Schulfreunde, die perfekt Deutsch sprechen.

Im Interesse aller anderen lohnt sich der Versuch, an ein paar Schrauben zu drehen. Viel schlechter kann es nicht werden.

schwaiger.rosemarie@profil.at