Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Elfriede Hammerl
10/16/2021

Schallenberg ließ die Richterinnen in Afghanistan im Stich

Frauen in der Justiz waren und sind extrem gefährdet, weil die Taliban rachsüchtige Häftlinge frei setzten.

von Elfriede Hammerl

Alexander Schallenberg ist ein untadeliger Mann. Wofür sollte man ihn denn auch tadeln?

Dafür zum Beispiel, dass er es als Außenminister abgelehnt hat, besonders gefährdeten Frauen – Menschenrechtsaktivistinnen, Richterinnen, Journalistinnen – zur Flucht aus Afghanistan zu verhelfen?

Dafür, dass er stattdessen die afghanische Botschafterin ins Außenamt zitierte, als sie forderte, Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen und die Regierungen weltweit beschwor, ein Taliban-Regime dort nicht anzuerkennen? Dafür, dass er Hilfe vor Ort versprach, wohlwissend, dass den Richterinnen, Anwältinnen, Journalistinnen, (Hochschul-) Lehrerinnen und Menschenrechtsaktivistinnen vor Ort nicht geholfen werden kann (schon gar, wenn man bedenkt, dass Hilfe vor Ort in österreichischer Tradition mittlerweile eine bombastisch inszenierte Lieferung von Decken und Zelten in irgendwelche Lagerhallen bedeutet)?

Dafür, dass er erklärte, die Taliban an ihren Taten messen zu wollen, als hätte Aussicht bestanden, dass diese Taten den besonders gefährdeten Frauen kein Haar krümmen würden?

Afghanistan. Sie erinnern sich? Schrecken, Chaos, Verzweiflung. Menschen, die sich in wilder Angst an die Tragflächen von Flugzeugen klammern und Minuten später in den Tod stürzen. Richterinnen, die sich, so hört man, in Verstecke verkriechen und um ihr Überleben zittern, weil die Taliban die Gefängnisse öffnen und Männer, die sie wegen Verbrechen an Frauen verurteilt haben, jetzt frei und auf Rache aus sind.

Wie entsetzt wir alle waren. Und wie schnell wir zu einer Tagesordnung übergegangen sind, in der solche Schrecknisse nicht mehr vorkommen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch sich die freie Welt mit der Unfreiheit von Menschen unter Terrorregimes, vor allem mit der von Frauen, abfindet. Es geht bei ihnen ja auch um keine wirtschafts- oder machtpolitischen Interessen. Keine Lieferverträge auf der Kippe, keine Gewinnmargen bedroht. Frauen! Bestenfalls Humankapital, aber in wertloser Währung.

Na ja, es gibt Lippenbekenntnisse. Die EU werde den Taliban nur Geld zukommen lassen, wenn die Menschenrechte – einschließlich der Rechte von Frauen und Mädchen – gewahrt würden, sagt die EU. Wer allerdings daran denkt, wie oft weltweit (religiös) verstümmelte Menschenrechte ultralight für Frauen als ausreichend erachtet werden, ist skeptisch.
 Zurzeit schaut es jedenfalls nicht gut aus am Hindukusch.

Von 300 untergetauchten Richterinnen haben es gerade 30 geschafft, das Land zu verlassen. Das Ministerium für Angelegenheiten der Frauen wurde zum Amt für die religiöse Sittenpolizei, sämtliche weibliche Beschäftigte sind entlassen. Die 32 Frauenhäuser im Land haben zugesperrt. Seit dem Beginn des neuen Schuljahres sind Mädchen über zwölf vom Unterricht ausgeschlossen. In Bussen müssen Frauen auf verhängten Plätzen sitzen. Die Demos, mit denen Frauen in Kabul gegen ihre Rechtlosigkeit protestieren, werden gewaltsam niedergeschlagen.

„Neue Taliban, das sind Fake News!“, zitiert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Guissou Jahangiri, die Vizepräsidentin der Internationalen Föderation für Menschenrechte, in einem Bericht über eine EU-Sitzung, der auch die afghanische Menschenrechtsaktivistin Shaharzad Akbar per Video zugeschaltet war. Ihr Appell an die Abgeordneten: „Sehen Sie nicht weg, vergessen Sie nicht. Werden Sie nicht selbstzufrieden angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan!“

Afghansitan. Sie erinnern sich? Schrecken, Chaos, Verzweiflung.

Aber genau das ist schon passiert: Das öffentliche Interesse schaut weg.

Erinnern Sie sich noch an Malala Yousafzai, die als 15-Jährige  von den (pakistanischen) Taliban mit einem Kopfschuss niedergestreckt wurde, weil sie sich für das Recht auf Bildung für Mädchen einsetzte? Heute ist sie 24 und Friedensnobelpreisträgerin, aber wer denkt, man könne ihr Schicksal getrost unter Happy End abhaken, irrt. Sechs komplizierte Operationen hat sie seitdem über sich ergehen lassen müssen. „Neun Jahre später erhole ich mich noch immer von einer einzigen Kugel“, schreibt sie in ihrem Blog. Es breche ihr das Herz, wenn sie an Afghanistan denke und an die Millionen von Kugeln, die die Menschen dort in den vergangenen Jahrzehnten abbekommen hätten.

Ja, tragisch, das alles, aber wir sind halt machtlos? Nicht ganz. Solange Geldhähne im Spiel sind, gibt es Handlungsoptionen. Es gilt dabei nur, auch Handlungen im Interesse von Frauen mit wirklichem Nachdruck einzufordern.

Der tadellose Herr Schallenberg wollte weibliche Intelligenz nicht aus Afghanistan importieren, um den Pull-Effekt zu vermeiden. Klar, wer weiß denn auch wirklich, was so ein Ansturm gebildeter Weiber nach sich zieht? Deswegen keine Rüge, sondern allseitiges Beeindrucktsein von Schallenbergs elegantem familiären Hintergrund.

Alter Adel (darf man offiziell nicht mehr betonen, aber anklingen lassen schon), Diplomatenhaushalt, internationales Parkett, Weltläufigkeit. Das beruhigt im Hinblick auf staatstragendes Auftreten. Könnte ja sein, dass Menschen aus weniger privilegierten Elternhäusern bei offiziellen Essen mit der Gabel in den Zähnen stochern.

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