<small><i>Sven Gächter</i></small>
Arabischer Herbst

Gaddafi ist tot. Hat die Revolution damit endgültig gesiegt?

Man kann nicht behaupten, dass der Mann ein würdiges Bild abgäbe. Aber wem steht der Sinn schon nach Würde im Angesicht des Todes? Man kann auch nicht behaupten, dass die Männer rund um ihn herum freudig erregt wären. Sie sind zornig erregt, trunken im Moment des finalen Triumphs: Endlich haben sie den ­verhassten Diktator gefasst; sie schreien, schlagen und ­treten hemmungslos auf ihn ein; immer wieder sind Schüsse zu hören, hysterische „Allahu akbar“-Rufe („Gott ist größer“). Blut fließt und noch mehr Blut. Schließlich liegt der Mann reglos am Boden: Muammar Gaddafi ist offensichtlich tot.

Selten wurden die letzten Lebensminuten eines Autokraten so unmittelbar brutal dokumentiert wie in den verwackelten Handyaufnahmen vom lynchlüsternen Showdown nahe der libyschen Hafenstadt Sirte. Schon wenige Stunden später waren die Szenen im Internet abrufbar, in unterschiedlicher Länge und mehr oder minder ungeschnittener Drastik. Die internationalen Tageszeitungen machten am nächsten Tag fast ausnahmslos mit einem Gaddafi-„death shot“ auf, wobei die Blutrünstigkeits­grenze keineswegs haarscharf entlang der imaginären Scheidelinie zwischen Boulevard und Qualität verlief: Dramatische Ereignisse erfordern dramatische Bilder.

Gaddafis Herrschaft war schon seit Wochen zu Ende. Mit dem öffentlichen Tod des Tyrannen wurde lediglich ein symbolischer Schlusspunkt gesetzt. Über die Legitimität dieser gewaltsamen Symbolik kann man durchaus streiten, und man tut es auch: Westlich-demokra­tischen Standards, nach denen Verbrechen vor Gericht und nirgendwo sonst zu sühnen sind, genügt die libysche Mordjustiz ebenso wenig wie die generalstabsmäßige Liquidierung des Al-Kaida-Führers Osama Bin ­Laden im vergangenen Mai. ­Andererseits hätte selbst ein noch so faires Menschenrechtstribunal Gaddafi vermutlich ein willkommenes Forum geboten, sich zum Märtyrer zu Lebzeiten zu stilisieren. „Es hat auch sein Gutes, mit einem toten Diktator zu ­beginnen“, sagt die libysche Aktivistin Rula Ben-Zikri im profil-Interview.

Die Frage ist nur: Was genau beginnt mit Gaddafis Tod? Sicher keine Bilderbuchdemokratie abendländischen Zuschnitts, wie Revolutionsromantiker in der Nordhemisphäre schwelgerisch prophezeien. Der arabische Frühling mag eine antidiktatorische Bewegung sein, gegen alteingesessene, korrupte und größenwahnsinnige Machthaber gerichtet, aber dass damit zugleich eine Garantie für freiheitlich-zivilisierte Verhältnisse verbunden wäre, dürfte zunächst nicht viel mehr als eine schöne Illusion sein – die von offiziell sympathisierenden Kräften im Westen nicht zuletzt deshalb eifrig geschürt wird, weil sie angesichts der veränderten Gegebenheiten allen Anlass haben, ihre eigene, oft genug hochnotpeinliche Vorgeschichte mit alteingesessenen, korrupten und größenwahnsinnigen Machthabern möglichst rasch vergessen zu machen. Wie, dezent formuliert, inkonsequent – oder schlicht verlogen – die Position des Westens gegenüber den inner­arabischen Widerstandsbewegungen ist, zeigt ein kurzer Blick nach Syrien oder Bahrain.

Echte Erfolgsgeschichten hat der revolutionäre Frühling bisher in Tunesien, Ägypten und Libyen geschrieben, und es handelt sich dabei nur um die ersten paar Kapitel. Die strukturelle Neuordnung von demokratisch unterentwickelten Staaten kann nicht durch NATO-Luftangriffe bewerkstelligt werden. Sie erfordert einen langwierigen, zähen Interessenausgleich, der sich von jenem in prärevolutionären Zeiten in vielen Fällen gar nicht grundlegend unterscheiden wird, nur dass damals halt ein rücksichtsloser Diktator die Dynamik kontrollierte.

Zine el-Abidine Ben Ali (Tunesien) setzte sich im Jänner nach Saudi-Arabien ab; der Prozess gegen ihn begann am 20. Juni in Tunis, in Abwesenheit des Angeklagten. Am 11. Februar trat Hosni Mubarak (Ägypten) zurück; der Prozess wurde unmittelbar nach dem Auftakt im August vertagt. Muammar Gaddafi (Libyen) wurde am 20. Oktober gefasst und getötet. Bashar al-Assad ließ seit Beginn der Unruhen in Syrien über 3000 Demonstranten umbringen; sein Regime bleibt aufrecht. Saudi-Arabien schickte im März 1000 Soldaten nach Bahrain, um die Regierung dort bei der Niederschlagung der Straßenproteste zu unterstützen. Im eigenen Land stellte König Abdullah ibn Abd al-Aziz der ebenfalls leicht aufbegehrenden Bevölkerung 27 Milliarden Dollar zur Verbesserung ihrer Lage in Aussicht. In Jordanien, Kuwait, Marokko, Algerien und Dschibuti, im Jemen, im Sudan und im Oman erklärten sich die Regenten zu Konzessionen an die Protestbewegungen bereit – es könnten allerdings auch Lippenbekenntnisse bleiben.

Der arabische Frühling ist noch lange nicht zu Ende.

sven.gaechter@profil.at