Durch die Gender-Debatte ist Sprache zum Kriegsschauplatz geworden

Sven Gächter: Binnenarchitektur

Binnenarchitektur

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Und plötzlich erhob sich ein ohrenbetäubendes Geschrei. Der Untergang des Abendlandes wurde heraufbeschworen, behördliche Willkür gegeißelt, akademische Inkompetenz verhöhnt, politischer und medialer Opportunismus zerpflückt. Niemals, zeterte die geschlossene Front der Rach- und Tobsüchtigen, sei die Sprache, die heilige Sinnstifterin einer jeden Kultur (insbesondere der deutschen!) übler ­besudelt, entstellt, geschändet, um nicht zu sagen: vergewaltigt worden. Auf die von einem geradezu kriminell irregeleiteten Zeitgeist verordnete Idiotie gebe es nur eine wehrhafte Antwort: bedingungslose Verweigerung.

Man schrieb das Jahr 1996. Deutschland, Österreich und die Schweiz hatten sich gerade offiziell verpflichtet, den Empfehlungen des 1980 gegründeten „Internationalen ­Arbeitskreises für Orthographie“ zu folgen und die weitreichende Reform der deutschen Rechtschreibung ab dem 1. August 1998 in Schulen und Behörden umzusetzen. Ein Großteil der Printmedien und Nachrichtenagenturen übernahm die Neuregelung 1999, was den Groll der gegnerischen Seite nur befeuerte. Unverdrossen focht sie ihren heroischen Kampf wider die Abschaffung des scharfen S nach Kurzvokalen und die fakultative Kommasetzung bei gleichgestellten Hauptsätzen weiter.

Zwischendurch wurde es etwas ruhiger um die Retro­garde des vermeintlich Wahren, Schönen und Guten – sprich: Unabänderlichen – in der Sprache. Dann – und zuletzt gerade in Österreich – erhielt sie unverhofft neuen Auftrieb durch die Diskussion um gendergerechten Sprachgebrauch, deren Intensität jene der Orthographiereform­debatte geradezu pulverisiert. Bisweilen gewinnt man den beklemmenden Eindruck, das Binnen-I sei der heimtückischste Anschlag auf menschliches Kulturgut seit der Erfindung der Streubombe. Dabei geht es im Kern um nicht mehr – und vor allem nicht weniger – als die vollkommen legitime Forderung der Frauen, auch morphologisch zu ihrem ureigenen Recht zu kommen und sich nicht länger damit zu bescheiden, ohnehin immer „mitgemeint“ zu sein, wenn von Österreichern, Parlamentariern, Ärzten, Professoren, Auto- und Radfahrern, Künstlern oder Lohnempfängern die Rede ist.

In der amtlichen Schriftpraxis, in Stellenanzeigen und politischen Reden sind geschlechterparitätische Formulierungen längst Standard, wenn auch manchmal ein etwas sperrig anmutender. Die Hysterie jedoch, mit der die (zum überwiegenden Teil männlichen) Wortführerinnen der Gender-Konterrevolution sich gegen die „unnatürlichen Eingriffe“ in etwas „organisch und über Jahrhunderte Gewachsenes“ stemmen, legt den Verdacht nahe, nicht nur die Integrität der Sprache stehe zur Disposition, sondern gleichsam auch die körperliche Unversehrtheit derer, die sie verwenden. Die Gender-Debatte ist die Fortsetzung des Geschlechterkampfs auf formaler Ebene; verhandelt werden in Wahrheit Identitäten, und die Heftigkeit der Auseinandersetzung erklärt sich daraus, dass die einen um die vollumfängliche Anerkennung ihrer Identität kämpfen, während die anderen fürchten, ihre Identität zu verlieren. Sprache wiederum hat eine eminent identitätsstiftende Funktion, weshalb sie alle Voraussetzungen erfüllt, im Ernstfall zum Kriegsschauplatz aufgerüstet zu werden.

Der Ernstfall ist mittlerweile der Normalfall. Darin darf man – allen martialischen Tönen zum Trotz – durchaus einen zivilisatorischen Fortschritt erkennen, auch wenn die Kassandren der Reaktion noch so oft und hämisch ­fragen, ob es denn wirklich nichts Wichtigeres auf der Welt gebe als das leidige Binnen-I. Aber sicher gibt es Wichtigeres auf der Welt: Ressourcenknappheit zum Beispiel, Ernährungsengpässe, Analphabetismus, Epidemien, religiösen Fundamentalismus – oder die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Darüber wird durchaus diskutiert, ernsthaft und kontrovers. Es gibt jedoch auch wesentlich Unwichtigeres auf der Welt: die Torlinientechnologie etwa oder die Frage, ob der nächste Song Contest in Wien, Graz oder Innsbruck stattfinden soll; nicht zu vergessen Heidi Klums Instagram-Selfie und das groteske Verlobungszeremoniell von Richard Lugner im Casino Velden. Auch dar­über wurde und wird öffentlich mit verstörend gravitätischer Leidenschaft diskutiert.

Eine Abwendung vom „Gender-Wildwuchs“ und die „Rückkehr zur sprachlichen Normalität“ forderten 800 Prominente Mitte Juli in einem offenen Brief an Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Wenn man sich schon zähneknirschend daran gewöhnen musste, dass inzwischen sogar Bi-, Homo- und Transsexualität eine gesellschaftlich hinreichend akzeptierte Normalität darstellen, will man von einer tröstlichen Überzeugung zumindest nicht abrücken: Das Binnen-I geht definitiv zu weit!

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Sven   Gächter

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