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Meinung
07/18/2020

Sven Gächter: Clusterfahndung

Sechs Monate Corona und kein Ende. Die „neue Normalität“ ist ziemlich trübselig: Statt Utopie bleibt uns nur Schadensbegrenzung.

von Sven Gächter

Früher war alles besser. Man wusste genau, was man durfte und was nicht. Von Freiheit konnte zwar keine Rede sein, doch dafür wurde man mit der wohligen Illusion von Sicherheit entschädigt. Die Regierenden traten streng und entschlossen auf, sie vermittelten Tatkraft, den wehrhaften Eindruck, die Dinge im Griff zuhaben – und seien die dafür erforderlichen Maßnahmen noch so schmerzhaft. Man fügte sich demütig, denn Widerstand war vielleicht nicht zweck-, aber vollkommen aussichtslos.

 

Früher – also vor drei, vier Monaten – hatte der Shutdown Österreich unumschränkt im Griff. Mit dem Sinken der Infektionszahlen ging das eiserne Corona-Regime nach und nach in einen Zustand über, der gern als „neue Normalität“ bezeichnet wird, wobei niemand sagen kann, was daran so umwerfend neu, geschweige denn normalsein soll. Eine seltsam diffuse Stimmung liegt über dem Land. Geschäftsmäßig wird ein Alltag simuliert, der schon deshalb keiner sein kann, weil das Virus nicht daran denkt, das Feld zu räumen, und immer wieder bedrohlich aufpoppt: in einer Freikirche in Wiener Neustadt, in einem Schlachtbetrieb in Eggenburg, in einer Mittelschule in Matrei, in zwei Polizeiinspektionen in Salzburg.

 

Die mächtigen Hotspots haben ausgedient. An ihre Stelle sind kleinflächige Cluster getreten, lokal begrenzt, überschau- und kontrollierbar, aber immer noch virulent genug, um sofort Angst und Schrecken zu verbreiten. Mit fiebrigem Blick verfolgt man das Kurvenspiel der Neuansteckungen: Wie viele sind es heute? Wo verdichten sich die Raten gerade auffällig? Vielleicht sogar ganz in der Nähe? Ischgl kann überall sein (und wahrscheinlich wäre das Tiroler Après-Ski-Dorado sogar froh, sein exklusives Stigma endlich loszuwerden). Mit anderen Worten: Es ist noch lange nicht vorbei, der nächste Lockdown nur ein paar mittlere Cluster entfernt.

Wie soll man da unbeschwert – oder zumindest halbwegspannenfrei – funktionieren? Wenn nach wie vor alles unter dem Vorbehalt steht, jederzeit für ungültig erklärt werden zu können, wird die einzige Normalität, auf die man sich verlässlich einstellen kann, jene eines permanenten Prekariats sein: Leben bis auf Widerruf.

 

Die Politik sieht sich seit Monaten darauf reduziert, den Notstand bestmöglich zu verwalten. Sie kann noch nicht einmal alle verfügbaren Energien für die Abfederung der Corona-Folgen bündeln, denn dies würde voraussetzen, dass die Pandemie selbst ausgestanden wäre, worauf jedoch nicht das Geringste hindeutet, und zwar weltweit. Die epochale Wirtschaftskrise, die allenthalben beschworen wird, steht erst an ihrem Anfang. Mit ein wenig Glück liegt, wenn sie schließlich voll durchschlägt, ein Covid-19-Impfstoff vor. Dann wäre immerhin ein Problem aus der Welt geschafft.

 

Das Lebensgefühl imSommer2020ist kein sonderlich beflügelndes. Es schwankt zwischen schaumgebremster Routine und prophylaktischer Panik. Wir suchen zaghaft Zuflucht in altbewährten Gewohnheiten und wissen in Wahrheit doch nur zu gut um die Labilität eines Gleichgewichts, das vor allem von der Sehnsucht nach der Prä-Corona-Ordnung bestimmt wird – was auch immer daran heilsam gewesen sein mag.

 

Jetztwird alles anders, dachte, las und hörte man im Shutdown-Schock oft. Die Krise sei so einschneidend, dass die Menschen, die Politik, die Wirtschaft sich nicht länger davor drücken könnten, radikal umzudenken, eine Rückbesinnung auf das Wesentliche einzuleiten. Doch ein paar Arbeitslosigkeits-, Staatsverschuldungs-und Insolvenzrekorde später fällt der reality check einigermaßen niederschmetternd aus: Wir sind vollauf mit Schadensbegrenzung beschäftigt, und da bleibt für hochfliegende Utopien erst mal keine Zeit.

„Es gab schon vor Covid-19 keine Normalität“, sagte der bulgarische, in Wien lebende Philosoph Ivan Krastev vor Kurzem in einem Interview mit der „Wiener Zeitung“. In einigen Jahrzehnten werde sich niemand mehr an Corona erinnern: „Woran sollen wir uns auch erinnern? Dass wir daheimgeblieben sind?“ Epidemien seien nicht dazu angetan, die Gesellschaft zu verwandeln: „Aber sie helfen uns, die Wahrheit über unsere Gesellschaften zu sehen.“

 

Wenn alles gut geht, werden wir also in 20 bis 50 Jahren die Seuche vergessen, vorher aber vielleicht das eine oder andere über uns selbst herausgefunden und hoffentlich die richtigen Schlüsse daraus gezogen haben. Bis dahin sollten unbedingt die Abstandsregeln eingehalten, Gesichtsmasken hinreichend oft ausgetauscht und Cluster weiträumig gemieden werden. Mehr Normalität ist uns leider nicht vergönnt.

 

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