<small><i>Sven Gächter</i></small>
Jagdgesellschaftsspiele

Der Fall Guttenberg oder warum die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, beleidigt zu sein, wenn sie geblendet und hintergangen wird.

Es war, so viel Respekt muss sein, ein würdiger Abgang. Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ließ es sich nicht nehmen, für den „schmerzlichsten Schritt meines Lebens“ gebührend salbungsvolle Worte zu finden – und dass hinterher niemand die Rede auf allfällige Authentizitätsunschärfen überprüfte, war eine freundliche Konzession an einen Mann, der aus einer zwei Wochen lang schwelenden Plagiatsaffäre die überfälligen Konsequenzen gezogen und alle politischen Ämter niedergelegt hatte. Das christdemokratische Establishment, dem Guttenberg entstammt, ging nach einer pietätvollen Schrecksekunde entschlossen dazu über, windschiefe Schuldzuweisungen zu zimmern, die naturgemäß nicht dem dreisten Geistesdieb galten, sondern jenen, die seine Verfehlungen aufgedeckt hatten: den Medien. So viel „Scheinheiligkeit und Verlogenheit“ habe sie selten erlebt, meinte Bundeskanzlerin Angela Merkel, ungewohnt angriffig. „Wir müssen uns von niemandem erklären lassen, was Ehre und Anstand in unserer Gesellschaft sind.“ Eine grobe Unsportlichkeit mit Vorgeschichte: Zu Beginn der Affäre hatte die promovierte Physikerin ihren Minister mit dem schnoddrigen ­Argument in Schutz genommen, sie habe schließlich keinen „wissenschaftlichen Mitarbeiter“ für ihr Kabinett engagiert, sondern einen Politiker.

Der Rücktritt von Guttenberg hinterließ einen schalen Nachgeschmack. Dafür sorgten neben der Kanzlerin und einigen vernagelten CSU-Granden in München die pub­lizistischen Bataillone der Gegenaufklärung, allen voran die „Bild“-Zeitung. Nachdem die universitären Weihen des schneidigen Barons beim besten Willen nicht mehr zu retten gewesen waren, wurde die Diskussion umstandslos auf die Ebene der Verhältnismäßigkeit verlagert, nach dem Motto: Hat Deutschland, das in einen blutigen Krieg in Afghanistan verwickelt ist, tatsächlich keine drängenderen Sorgen, als den Verteidigungsminister wegen ein paar unzureichend gekennzeichneter Zitate in seiner Doktorarbeit zur Rechenschaft zu ziehen? Auch Guttenberg selbst befleißigte sich dieses unredlichen Denkmusters, indem er bei seinem Abschied „den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten“ ­beschwor und damit zum wiederholten (wenn auch hoffentlich letzten) Mal übergeordnete schicksalhafte Zusammenhänge für eine Selbstdarstellung zum eigenen Vorteil instrumentalisierte.

Nach dieser Betrachtungsweise hat die ruchlose „Jagdgesellschaft“ („Die Presse“) ein weiteres bedauernswertes Opfer auf ihrem Gewissen: Öffentlichkeit als zuverlässiges Urteil zum Tode, wobei vorsätzlich ausgeblendet wird, dass Guttenbergs strahlender Politstar-Status seinem virtuosen, alle Register angewandter Eitelkeit ziehenden Umgang mit genau dieser Öffentlichkeit geschuldet war. (Beispielhaft frivol etwa der medienwirksame Trip an die ­afghanische Front mit kompletter Talkshow-Begleitung.) Sich über Mechanismen, die man die längste Zeit erfolgreich ausgebeutet hat, zu beschweren, wenn sie sich erstmals ­gegen einen selbst wenden, ist entweder naiv oder schlicht unanständig.

Guttenbergs Rücktritt war ein notwendiger Tribut an die Mindestanforderungen politischer Kultur – und nicht, wie „Bild“ und Kohorten es darzustellen belieben, Ausdruck einer bis zur Dauerhysterie ausgereizten „Gutmenschen“-Unkultur, in der gnadenlos alles ausgemerzt wird, was die normierte Mittelmäßigkeit auch nur im Ansatz zu transzendieren droht. Wer die Insignien seiner Exzellenz unter betrügerischen Vorzeichen erworben hat, darf sich über den Entzug der öffentlichen Sympathie nicht beklagen.

Die Frage nach der Abwicklung einer allfälligen Affäre Guttenberg in Österreich wiederum erscheint so unvermeidlich wie erheiternd, denn sie setzt unzulässigerweise die Existenz einer politischen Kultur voraus, in der diesseits von unverhohlener Korruption oder Aktionismus am Rande der Wiederbetätigung bereits Diskussionsbedarf festgestellt würde. Das Regime des Mittelmaßes, dem Guttenberg sich in Deutschland angeblich beugen musste, ist hierzulande längst trostlose Realität: Skandale werden routinehalber auf das bescheidene Niveau ihrer Verursacher hinuntergeredet, um die beschauliche Tagesordnung nicht zu gefährden.
Man darf getrost davon ausgehen, dass Karl-Heinz Grasser Karl-Theodor zu Guttenberg als seinesgleichen betrachtet, als Leidensgenossen im Geiste, dem eine flatterhafte Öffentlichkeit den obli­gaten Dank schnöd verweigert. In beiden Fällen lässt sich der angemaßte Märtyrernimbus auf eine gestörte Selbstwahrnehmung zurückführen – wobei Guttenberg seinem Ex-Ministerkollegen eine entscheidende Qualität voraushat: die (zumindest rudimentär ausgeprägte) Fähigkeit zur zweifelnden Einsicht. Das ist der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland, und es ist ein himmelweiter Unterschied.

sven.gaechter@profil.at