<small><i>Sven Gächter</i></small>
Jammertalsohle

Das Schlimmste an der Krise ist, dass sie nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern vor allem das Denken der Menschen paralysiert.

In Zeiten wie diesen ist die Plauderei auf unverbindlich-gepflegtem Niveau einfach, um nicht zu sagen: banal, strukturiert. Sie beginnt mit der Floskel „in Zeiten wie diesen“ und variiert in der Folge das Wörtchen „Krise“ im Dutzend billiger, um schließlich im frommen Hinweis darauf zu versanden, dass jede Krise sehr wohl auch „als Chance“ begriffen werden müsse. Wenn öffentliches Sprechen – und Schreiben – sich auf das stereotype Dreschen von Hohlphrasen beschränkt, dann muss die Ohnmacht des Denkens weit, sehr weit fortgeschritten sein. Die Krise ist omnipräsent, sie hat nicht nur das internationale Finanz- und Wirtschaftsleben kontaminiert, sie lähmt auch den kollektiven Verstand, und wer immerhin noch über einen halbwegs ­stabilen Gefühlshaushalt verfügt, kann sich – in Zeiten wie diesen – selig schätzen.

Die Interviews anlässlich des Opernballs vergangene Woche waren mit einer seltsam ambivalenten Panik grundiert: Auf der einen Seite durfte die Krise in keinem Gespräch ausgeblendet werden (schon gar nicht in jenem mit dem Kanzler und dem Vizekanzler), auf der anderen Seite betonten alle Anwesenden, dass man sich den widrigen Umständen zum Trotz die Festlaune nicht verderben lassen dürfe, der Ballbesuch ­somit gleichsam einen Akt des fröhlichen Widerstands darstelle. Die Abwesenden dagegen, allen voran die Wirtschaftsmagnaten und Top-Manager, wussten sehr genau, warum sie dem Walzertreiben ferngeblieben waren: Sie hätten sich wohl nicht nur für ihre Rolle im Krisenszenario rechtfertigen, sondern unausweichlich auch die ebenso nahe liegende wie dumme Frage parieren müssen, was es denn vor dem Hintergrund inflationärer Hiobsbotschaften bitte schön zu feiern gebe.

Das Beklemmende und zugleich fast schon wieder Tröstliche an der gegenwärtigen Misere ist eine Erkenntis, die für alle Beteiligten, von den nationalen und internationalen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft bis zum unüberschaubar großen Rest der arbeitenden Welt, gilt: Nobody knows anything. Keiner weiß, was gerade passiert und, vor allem, noch passieren wird – von einem plausiblen ­Masterplan, was dagegen zu unternehmen sei, gar nicht zu reden. Die verantwortlichen Krisenmanager widersprechen im besten Fall einander, im Normalfall sich selbst: Bei jeder Gelegenheit müssen sie Diagnosen an einen neuen, noch katastrophaleren Informationsstand anpassen und Prognosen entsprechend drastisch revidieren, soweit sie sich darauf überhaupt noch einlassen.

Ratlosigkeit ist zur globalen Tagesordnung geworden und Paralyse zu ihrem fatalsten Symptom – eine Paralyse, die das öffentliche Leben mehr und mehr erfasst und schon deshalb nicht einfach abgestellt werden kann, weil sie auch das Denken und Fühlen jedes Einzelnen erfasst hat. Wer von verzweifelter Gesellschaft umgeben ist, wird sich der allgemeinen Verzweiflung über kurz oder lang nicht entziehen können und damit die allgemeine Verzweiflungslust weiter anfachen. Die Eigendynamik der Krise liegt nicht zuletzt in diesem lähmenden Modus der self-fulfilling prophecy begründet. Daraus erklärt sich auf offizieller Ebene die konfuse Mischung aus panischem Aktivismus und vorauseilender Resignation, und daraus erklärt sich auf zwischenmenschlicher Ebene der aktuelle Smalltalk-Trend, blanke Betretenheit mit den immergleichen seichten Phrasen zu verbrämen.

Was heute Krise heißt, ist die Weltverschwörung der Spießer“, meint der deutsche Philosoph Peter Slo­terdijk, „die spießigste und muffigste Angelegenheit, die sich seit Menschengedenken zugetragen hat … eine Beleidigung für jede Intelligenz.“ Hier regiert nicht nüchterne Analyse, hier bricht sich ein zorniger Affekt Bahn, der jedoch umso erfrischender wirkt, als er den bleiernen Konsens des Jammerns trotzig aufkündigt. Und warum eigentlich nicht? Wenn man dumm und dreist genug war, sich in die Misere zu manövrieren, wird man irgendwann vielleicht auch die nötige Intelligenz aufbringen, ihr mehr entgegenzusetzen als wimmernde Selbstaufgabe.

Das ist, keine Frage, grob vereinfacht oder blauäugig oder schlicht zynisch – mit Sicherheit keine hinreichend detaillierte Handlungsanleitung zur Bewältigung der Krise. Aber es ist ein Anfang, und bestehe er nur darin, das mündige und kreative Denken zu reanimieren, das inzwischen zum traurigsten Krisenopfer zu werden droht. „Krise kann ein produktiver Zustand sein“, schrieb Max Frisch. „Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ In Zeiten wie diesen hilft es manchmal schon, wenn Binsenweisheiten zumindest originell formuliert sind.

sven.gaechter@profil.at