<small><i>Sven Gächter</i></small>
Messias im Anflug

Es muss schlimm um den ORF stehen, wenn er den Eindruck erweckt, ein Society-Reporter werde den Sender quasi im Alleingang retten.

Wer, wenn nicht er! Mit einer kleinen Personalie, die vom Hauptverantwortlichen geradezu frenetisch als Branchencoup des Jahres gefeiert wurde, ist es dem Küniglberg vergangene Woche gelungen, das lähmende Gerede von der schwersten Krise der ORF-Geschichte schlagartig zum Verstummen zu bringen. Programmreform, Spar­zwang, Restrukturierungsbedarf, Personalabbau – alles kein Thema mehr, denn jetzt kommt: Dominic Heinzl, ein Deus ex ­Machina für die heimischen Zuschauermassen, die dem ­öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Längerem so schnöde die Gefolgschaft verweigern.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hatte dem rasenden Society-Reporter mit dem erfrischend losen Mundwerk offenbar ein Angebot gemacht, das dieser nicht ablehnen konnte. Heinzls Noch-Dienstgeber ATV erkannte dar­in eine grobe wettbewerbstechnische Unsportlichkeit, die er seinerseits mit einer Unsportlichkeit konterte: Man habe sich von Heinzl getrennt, hieß es in einer die Tatsachen durchaus munter verdrehenden Presseaussendung.

Was der ORF, zumindest sein oberster Repräsentant, als Triumph ausgibt, ist in Wahrheit jedoch erstens ein recht plumpes Ablenkungsmanöver und zweitens und vor allem eine Kapitulation: Nicht ganz zufällig wohl fiel die freudige Bekanntgabe des Heinzl-Transfers mit der Veröffentlichung der August-Quoten zusammen, die einen weiteren historischen Tiefstand erreichten. Und dass der trotz allem immer noch unangefochtene Marktführer jener Boulevard-Kompetenz, die Heinzl bei einem kleinen Privatsender in den vergangenen Jahren sehr eindrücklich demons­triert hat, nichts anderes entgegenzusetzen weiß, als diese einfach von dort abzuziehen, kommt einem Offenbarungseid gleich.

Nun ist Society-Berichterstattung mitnichten der Nabel der Fernsehwelt, schon gar nicht der öffentlich-rechtlichen, doch es verrät beklemmend viel über den Zustand der größten Rundfunkanstalt des Landes, wenn sie in Zeiten rigider Sparpakete und hoch dotierter Personalabgänge (Stichwort „Handshakes“) ohne weitere Umstände die Mittel aufbringt, ­anderswo Leute abzuwerben, die sie selbst offenbar nicht mehr hervorzubringen vermag. Dem Vernehmen nach wird Heinzls Produktionsfirma Chili-TV vom ORF vier Millionen Euro jährlich für die Herstellung eines täglichen Society-Formats kassieren („750 Euro pro Minute“, wie „Öster­reich“ akribisch vorrechnete). Die anhaltend erfolgreichen, wenn auch zum Schreien biederen und belanglosen „Seitenblicke“ werden im Gegenzug keinesfalls eingestellt, sondern bis 2011 mit 3,5 Millionen Euro im Jahr alimentiert. „Ein extrem mutiger Schritt von Wrabetz“, kommentiert Medien­profi Hans Mahr süffisant.

Manifestiert sich das ganze Elend des ORF tatsächlich in einem einzigen teuren unfriendly takeover? Ja, denn außer der Personalie Heinzl ist weit und breit keine ­inhaltliche Strategie gegen die dramatische Strukturkrise zu erkennen, die den Sender lähmt und in seiner Existenz ernsthaft gefährdet. So zu tun, als könne die katastrophale Verfassung zentraler Teile des ORF-Unterhaltungsangebots (mit den daraus resultierenden Quoten- und Werbeeinbrüchen) durch einen prominenten Zukauf quasi handstreichartig saniert werden, ist entweder naiv oder billig oder fahrlässig, auf jeden Fall aber unseriös und, nebenbei, ausgesprochen fantasielos.

Die Fantasie von Alexander Wrabetz scheint seit einiger Zeit vor allem darauf gepolt zu sein, die eigene Posi­tion abzusichern. Zu den umstrittenen Direktoren Elmar Oberhauser (Information) und Wolfgang Lorenz (Programm) hält er mittlerweile jene Distanz, die allem Anschein nach nötig ist, um die persönlichen Karriereperspektiven nicht zu gefährden, so unbestimmt sie auch sein mögen. Dass Wrabetz’ ostentative Genugtuung über den Heinzl-Coup offiziell von keinem anderen ORF-Granden geteilt wurde, lässt wohl Rückschlüsse auf die Stimmungslage im Senderbunker zu – umso mehr, als Oberhauser und Lorenz durch die überraschende Ernennung von Werner Taibon zum neuen Leiter der Programmplanung in ihren Kompetenzen vergangene Woche auch noch empfindlich beschnitten wurden.

Die Amtsperiode von Wrabetz endet regulär im Dezember 2011. Nachdem die Bundesregierung ­ihren Plan, den ORF-General vorzeitig in die Wüste zu schicken, auf Eis gelegt hat, arbeitet dieser vermutlich schon fieberhaft an ­einer neuen Regenbogenkoalition, die – aufgrund welcher Zugeständnisse auch immer – bereit wäre, seinen Vertrag um fünf Jahre zu verlängern. Vielleicht avanciert Dominic Heinzl bis dahin zum unumschränkten Quotenkaiser und ORF-Messias, dessen Engagement Alexander Wrabetz als seine ureigene Königsidee verkaufen könnte – und sollte es auch die ein­zige bleiben.

sven.gaechter@profil.at