<small><i>Sven Gächter</i></small>
Schussbilanz

Osama Bin Laden ist tot – kein Grund, sich ernsthaft darüber zu freuen.

Es dauerte nicht lange, bis sie wieder aus ihren Löchern gekrochen kamen, die rüstigen Ruhestandsrecken des jüngeren US-Imperialismus. Als Erster meldete sich Keith Urbahn, Büroleiter des früheren Verteidigungsministers ­Donald Rumsfeld, via Twitter: „Ich höre von einer vertrauenswürdigen Person, dass Osama Bin Laden getötet wurde.“ Das war Stunden vor der offiziellen Bestätigung durch das Weiße Haus und der TV-Ansprache von Präsident ­Barack Obama. Danach konnte dessen Vorgänger George W. Bush nicht mehr umhin, dem amtierenden Commander in Chief zu der brisanten Geheimdienstoperation „Geronimo“ zu gratulieren: „Ein Sieg für Amerika.“

Auch der machiavellistische Strippenzieher der Ära Bush, der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney, erwies Obama und den todesmutigen Navy Seals die gebotene Reverenz, nicht jedoch, ohne die wahre Urheberschaft der Nacht-und-Nebel-Aktion im pakistanischen Hinterland hervorzustreichen: „Ich würde sagen, dass unsere ,erweiterten Verhörmethoden‘ letztlich dazu beigetragen haben, Bin Laden zu fassen.“

Peter King, repub­likanischer Abgeordneter und Sprecher des Kon­gress­ausschusses für Heimatschutz, sekundierte grimmig-beflissen: „Denjenigen, die behaupten, Waterboarding funktioniere nicht und dürfe nicht mehr angewandt werden, sei gesagt: Es hat uns direkt zu Bin Laden geführt.“

Kurzum: Der demokratische „Wimp“ Obama, nach Wertschätzung der strammen US-Rechten eine Mischung aus Weichei und Waschlappen, hat einen Abstaubertriumph eingefahren, der in Wahrheit den viel geschmähten Hardlinern der Jahre 2000 bis 2008 gebührt. Diese Geschichtsklitterung in progress folgt derselben wirren Logik, nach der auch der megalomane Real-Madrid-Trainer José Mou­rinho um den Champions-League-Titel betrogen worden sein will: der Logik des Nachtretens.

Die Nachricht von der generalstabsmäßigen Liquidierung des Terrorpaten Osama Bin Laden löste in den Vereinigten Staaten eine Ekstase der Genugtuung aus. Nach Jahren erbitterter ideologischer Grabenkämpfe fand die Nation zumindest für ein paar Tage zu jenem innigen Schulterschluss zurück, der sie nach dem 9/11-Schock parteiübergreifend geeint hatte. Präsident Obama schwelgte in patriotischem Pathos: „Justice has been done.“

Doch welcher Gerechtigkeit wurde mit der offenbar sorgfältig geplanten Exekution eines weltweit gesuchten Chefterroristen Genüge getan – außer jener atavistischen, die ausschließlich auf blutige Vergeltung angelegt ist? Dem Gerechtigkeitsideal der westlichen Demokratien, zu deren Leitstern die USA sich gern stilisieren, entspricht eine Rache-Mission vom Typus Abbottabad jedenfalls nicht. Mit dem islamistischen Massenmörder Osama Bin Laden wurde nach Jahren erfolgloser Fahndung kurzer Prozess gemacht; ein seriöser rechtsstaatlicher Prozess, der unter anderem auch die zivilisatorische Erhabenheit über Bin Ladens zutiefst verachtungswürdiges Welt- und Menschenbild dokumentiert hätte, wurde allem Anschein nach gar nicht erst ins Auge gefasst. Die Tatsache, dass er, seinerseits unbewaffnet, von den Elite-Soldaten ohne viel Federlesens erledigt wurde, lässt jedenfalls keinen anderen Schluss zu. Late-Night-TV-Zyniker Dave Letterman ätzte: „Sie sprangen aus dem Hubschrauber, brachen in das Gelände ein und feuerten ­einen Warnschuss direkt in seinen Kopf.“

Nach dem 11. September 2001 hatte George W. Bush die Devise ausgegeben, man werde alles daransetzen, die Verantwortlichen „zur Strecke zu bringen“. Knapp zehn Jahre später konnte die berüchtigtste Galionsfigur des internationalen Terrorismus dingfest und unschädlich gemacht werden – ein Mann, dem die meisten Experten seit Langem nur mehr das Potenzial zuschrieben, die kranken Projektionen gewaltbereiter Islamisten zu bündeln; konkrete operative Gefahr gehe von ihm ebenso wenig aus wie von dem Phantom Al Kaida, das weniger ein schlagkräftiges Netzwerk als eine handliche Dachmarke für einschlägig ideologisch motivierte Terroraktivitäten darstelle.

Real- und weltpolitisch ist Bin Ladens spektakuläres Ende somit irrelevant. Die klandestinen Fanatiker mit den Sprengstoffgürteln im Anschlag werden sich davon nicht beirren lassen, sondern im Gegenteil nun womöglich wieder umso entschlossener der „heiligen Verpflichtung“ nachkommen wollen, das Erbe ihres „Märtyrers“ zu vollstrecken – eines Märtyrers, der in den Rauchwolken der Taking-no-prisoners-Operation „Geronimo“ erst wahrhaft überlebens­große Gestalt angenommen hat.

Das einzige positive Momentum von Abbottabad ist ein symbolisches: Barack Obama stellt damit allen innenpolitischen Rückschlägen der vergangenen zwei Jahre zum Trotz die Weichen für seine Wiederwahl. Der „Geronimo“-Coup nimmt Amerikas rabiaten Rechtskräften, die sich mit blindem Furor anschickten, das Weiße Haus möglichst bald ­zurückzuerobern, den Wind aus den patriotismusprallen Segeln – vorübergehend zumindest.

Abgesehen davon gibt es kaum einen Grund, sich über den Tod von Osama Bin Laden ernsthaft zu freuen.

sven.gaechter@profil.at